IHK Nord fordert Schulterschluss Kammern: Norden wird stärker von Corona-Krise betroffen sein

Die Handelskammern im Norden sehen die Existenz vieler Unternehmen in Gefahr. Laut einer Umfrage fühle sich jedes fünfte von einer Insolvenz bedroht. Ein Konjunkturprogramm sei hier dringend notwendig.
11.05.2020, 13:13
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Kammern: Norden wird stärker von Corona-Krise betroffen sein
Von Lisa Schröder

Harte Einschnitte werden erwartet. Und die Wirtschaft im Norden, so die Befürchtung, wird es noch kräftiger erwischen. Die Präses der Handelskammer Bremen, Janina Marahrens-Hashagen, hat die düstere Prognose nun beziffert: Der Einbruch der hiesigen Wirtschaft werde rund 20 Prozent stärker ausfallen als im Bundesschnitt. Vor diesem Hintergrund fordert die IHK Nord Hilfe für Unternehmen mit einem umfassenden Wirtschafts- und Konjunkturpaket für den Norden. Der Appell an die Politik ist deutlich: Die Küstenländer müssen mehr zusammenarbeiten.

Alleingänge, wie auch in den vergangenen Wochen, seien nicht sinnvoll. Am Montag stellten Präsidenten und Präsides der Kammern in einer Online-Konferenz eine wirtschaftspolitische Strategie zur Überwindung der Krise vor. Diese lege schonungslos "die strukturellen Defizite des Standortes Norddeutschland" offen, sagte Marahrens-Hashagen, derzeit Vorsitzende der IHK Nord, im Vorfeld. „Wir benötigen daher nachhaltige Impulse in Schlüsselbereichen." Das betreffe etwa die digitale Transformation oder die Wasserstofftechnologie.

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Handlungsbedarf sieht der Zusammenschluss von zwölf Industrie- und Handelskammern in Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein vor allem, weil in diesen Monaten die Stärken des Nordens zu Schwächen werden. Gerade in den Küstenländern ist der gebeutelte Tourismus von Bedeutung. Im Bereich der IHK Nord seien 800 000 Menschen darin beschäftigt, gab Bernhard Brons an, Präsident der Handelskammer Emden sowie Ostfriesland und Papenburg: "Wir haben eine extreme Betroffenheit." Das Kurzarbeitergeld reiche angesichts der Gehälter der Beschäftigten oft nicht zum Leben aus. Zugleich falle das Trinkgeld als Einnahme für sie weg.

Für den Tourismus gehe es nun darum, Vertrauen in das Angebot zu schaffen mit klaren Hygienestandards, sagte Brons. Ein kompletter Shutdown sei zudem nicht mehr der richtige Weg. Dagegen müsse regional differenziert und bis auf den Einzelfall zugeschnittene Lösungen gefunden werden: "Die können wir in der Branche auch leisten." Schon jetzt sei in der Branche ein Minus von 25 Prozent zu erwarten: "Sie können sich vorstellen, dass das selbst gut aufgestellte Unternehmen nicht aushalten können."

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Neben dem Tourismus ist eine zweite Stärke des Nordens geschwächt: der Außenhandel. Gerade für den Logistikstandort Bremen mit seiner überdurchschnittlichen Exportquote ist er wichtig. "Norddeutschland ist die Drehscheibe für den Außenhandel", betonte Marahrens-Hashagen. Die Häfen seien aktuell voll funktionsfähig, doch weil der Welthandel teils zum Erliegen gekommen sei, fehle es an Warenladung. Eingangs führte die Vorsitzende der IHK Nord erneut die Ergebnisse einer Umfrage der Kammern von Ende März an. Demnach gaben 92 Prozent von 4500 Unternehmen an, von den Auswirkungen der Pandemie negativ betroffen zu sein.

"Die Zahl sagt schon alles", kommentierte die Präses. Jedes fünfte Unternehmen fühle sich von einer Insolvenz bedroht. Als erstes Handlungsfeld für die Politik machten die Wirtschaftsvertreter darum aus, das Überleben der Unternehmen zu sichern. In einer Stärke der Küstenländer sieht die IHK Nord derzeit aber vor allem Chancen über die Krise hinaus: in der Erzeugung alternativer Energien. Auf grünen Wasserstoff zu setzen, könne ein Weg sein, um auch das Nord-Süd-Gefälle zu verringern. Der Norden müsse sich als Wasserstoff- und Energieregion dabei aber "deutlich besser" als bisher vermarkten, warf Friederike C. Kühn, Präses der IHK zu Lübeck, ein.

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Es biete sich dafür ein norddeutsches Cluster an, um die Aktivitäten von Wirtschaft und Wissenschaft zu bündeln und damit zu fördern. Grüner Wasserstoff könne für den Norden ein "Game Changer" sein, um gegenüber dem Süden aufzuholen. Die IHK Nord, die knapp 700 000 Unternehmen in Norddeutschland vertritt, fordert zugleich mehr gemeinsame Industrieentwicklung und -ansiedlung.

Für diese müssten rechtzeitig und umfassend Gewerbeflächen gesichert werden. Außerdem sei eine überregionale Innovationsstrategie zu entwickeln mit einer eigenen Innovationsagentur. Die Kammern wünschen sich zudem ein Moratorium in Bezug auf die Bürokratie – mindestens in den Küstenländern. Die Informations- und Dokumentationspflichten für die Unternehmen müssten in der Krise möglichst reduziert werden.

Derzeit sei dafür keine Zeit, sagte Marahrens-Hashagen: "Wir kämpfen ums Überleben." Zugleich plädierte sie jedoch, die Zuversicht trotz der gewaltigen Herausforderungen nicht zu verlieren. Ihr Wunsch an die Politik? Dass es zwischen den Bundesländern zu abgestimmten Verfahren kommt. Es sei zum Beispiel "nicht verständlich", dass Restaurants in Niedersachsen bereits früher als in Bremen öffnen. "Es gibt viele Widersinnigkeiten, die ich so nicht akzeptieren kann."

+++ Dieser Text wurde aktualisiert um 19:40 Uhr +++

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