Schwierige Jahre für Bremer Stahlwerk

Arcelor-Mittal verbucht Milliardenverlust

Am Ende ein dickes Minus: Arcelor-Mittal macht einen Milliardenverlust. Der Chef der Bremer Hütte spricht von einem schweren Jahr auch für den Standort. Im Februar und März droht dort vorerst keine Kurzarbeit.
06.02.2020, 20:53
Lesedauer: 3 Min
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Von Lisa Boekhoff und Natali Schwab

Im Bremer Stahlwerk reagierte die Belegschaft relativ gefasst. So beschrieb es Klaus Hering, der Gesamtbetriebsratschef der Hütte, damals. Dabei gab es im vergangenen Oktober einen Schock zu verdauen: Das Unternehmen gab bekannt, dass es Anfang des Jahres Kurzarbeit anmelden werde. Und dann kam es doch anders. Die Zeiten in der Branche aber bleiben schwer. Die Gefahr ist für den Moment gebannt. Und doch gibt es trotz eines Minus in Milliardenhöhe Hoffnung für den Stahlkonzern.

Aber von vorne: Am Donnerstag veröffentlichte Arcelor-Mittal das Ergebnis für das vergangene Geschäftsjahr. Unterm Strich steht ein Verlust von rund 2,5 Milliarden US-Dollar (2,27 Milliarden Euro). Die schwache Nachfrage, die gesunkenen Preise und hohe Abschreibungen belasten den Konzern. Im Vorjahr lag der Gewinn des Konkurrenten von Thyssen-Krupp noch bei mehr als fünf Milliarden Dollar.

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Im Bremer Stahlwerk ging die Produktion im vergangenen Jahr deutlich zurück: um fast zehn Prozent auf 3,1 Millionen Tonnen. Im Vorjahr stellte man noch 3,4 Millionen Tonnen Rohstahl her. „Das Jahr 2019 war für Arcelor-Mittal Bremen sehr schwierig. Auch dieses Jahr beginnt mit spürbaren Herausforderungen“, kommentiert Rainer Blaschek, der Vorstandsvorsitzende von Arcelor-Mittal Bremen, das Ergebnis. Im Dezember erst entschied sich, dass der Hochofen 3 wieder in Betrieb genommen werden soll. Die schon geplante Kurzarbeit für Januar: abgesagt. Wie Marion Müller-Achterberg, Sprecherin der Hütte, nun auf Anfrage mitteilt, ist auch für Februar und März am Standort keine Kurzarbeit geplant.

Geht es um die Zukunft, geht es für den Bremer Standort vor allem um eine klimafreundlichere Produktion. Rainer Blaschek stellt in seinem Statement heraus, dass man am „wichtigsten strategischen Ziel“ festhalte: „Grüner Stahl aus Bremen.“ Die Hütte soll immer weniger Kohle als Energieträger nutzen, dagegen regenerativen Strom, grünen Wasserstoff; die Produktion soll klimaneutral werden. Am Mittwoch besuchte Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) den Vorstand und Betriebsrat von Arcelor-Mittal Bremen, um über Vorhaben für dieses Ziel zu sprechen. Allein das erste Wasserstoffprojekt hat laut Angaben des Wirtschaftsressorts ein Investitionsvolumen von rund 20 Millionen Euro. Insgesamt könnte das Ziel CO2-Neutralität mehr als eine Milliarde Euro kosten.

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Bremen setzt dabei auf Hilfe vom Bund und der EU – auch im Zuge des sogenannten Green Deal. Denn das Stahlwerk benötige Unterstützung, sagt Kai Stührenberg, Sprecher des Wirtschaftsressorts. Derzeit liefen dazu „konkrete Gespräche“ mit dem Bundeswirtschaftsministerium. Bremen stehe auch im Wettbewerb innerhalb des Konzerns. „Wir werden uns mit aller Kraft im Bund dafür einsetzen, dass Bremen entsprechende Unterstützung vom Bund erhält“, äußert sich Vogt. Das Werk und die Beschäftigten bräuchten verlässliche Rahmenbedingungen, um „die Zukunft im ökonomischen wie ökologischen Sinne zu gestalten“.

Der Umbruch – eine enorme Herausforderung im schwierigen Umfeld. Die Bremer Unternehmenssprecherin nennt 2019 ein hartes Jahr für den Stahlkonzern mit deutlich geringerer Profitabilität aufgrund der Marktsituation. Allerdings gibt es vorsichtigen Optimismus. Arcelor-Mittal sieht erste Anzeichen einer Stabilisierung der Nachfrage und weist dabei auch auf die inzwischen niedrigen Lagerbestände bei Kunden hin. Für das neue Geschäftsjahr kündigte der Konzern weitere Einsparungen an, die eine Milliarde Dollar erreichen können. Diese Aussichten trieben den Kurs der Aktie in Paris um elf Prozent. Überhaupt ging es am deutschen Markt für die Stahlwerte ordentlich hinauf: Thyssen-Krupp erholte sich im MDax um 2,70 Prozent von seinem Tief seit September. Salzgitter und Klöckner & Co legten im SDax um rund vier sowie um 1,72 Prozent zu.

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Auftragsflaute in der Industrie

Die Schwächephase in der deutschen Industrie nimmt kein Ende. Im Dezember mussten die Industrieunternehmen beim Auftragseingang überraschend einen erneuten Dämpfer einstecken. Im Monatsvergleich sei die Zahl der neuen Aufträge um 2,1 Prozent gesunken, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag in Wiesbaden mit. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sanken die Aufträge um 8,7 Prozent. Eine wesentliche Ursache für die enttäuschenden Daten sehen Experten in der schwachen Entwicklung bei den Bestellungen aus dem Ausland. Bei den Aufträgen aus anderen Ländern meldete das Bundesamt einen Rückgang um 4,5 Prozent im Monatsvergleich.

Die Auftragseingänge aus der Eurozone sackten dabei um 13,9 Prozent ab. „Die Handelskonflikte und das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU haben zum Jahresende massiv belastet“, so Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der VP-Bank. Nachdem wichtige Stimmungsindikatoren aus der deutschen Wirtschaft zuletzt Hoffnung auf bessere Zeiten geweckt hatten, waren die Auftragsdaten aus dem Dezember nach Einschätzung des Commerzbank-Analysten Ralph Solveen „eine kalte Dusche“. 2020 werde für die deutsche Wirtschaft ein sehr schwieriges Jahr.

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