Noch vor dem ersten Start

Bremer Ingenieure verbessern Ariane-6-Rakete

Sie soll Europas Zugang zum All sichern: Doch noch vor dem ersten Flug arbeiten Ingenieure in Bremen daran, die Ariane-6-Rakete zu verbessern.
08.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremer Ingenieure verbessern Ariane-6-Rakete
Von Stefan Lakeband

Wer hin und wieder etwas im Internet bestellt, der dürfte die Tücken der letzten Meile kennen. Hinter diesem Begriff steckt die Herausforderung, Pakete an die Haustür des Empfängers zu bringen. Sozusagen die Etappe vor dem eigentlichen Ziel. Enge Straßen, viel Verkehr, unzählige andere Sendungen: Auf den letzten Metern wird die Paketzustellung noch einmal richtig problematisch für den, der es ausliefert. Und der Empfänger wartet mitunter vergebens.

Im Weltraum ist das nicht viel anders. Klar, Parkplätze und schmale Gassen sind keine Hürden. Dennoch machen sich Ingenieure Gedanken darüber, wie das Paket, hier konkret ein oder mehrere Satelliten, dahin kommt, wo es hin soll. Das Bremer Raumfahrtunternehmen Ariane Group ist der Lösung nun einen Schritt näher gekommen. Sie hat die sogenannte Kickstage für die Ariane 6 entwickelt.

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Sie soll Ergänzung zur Oberstufe sein, die bereits in Bremen gebaut wird, und Satelliten in die richtige Umlaufbahn bringen. Gerade wenn mit einer Rakete mehrere Satelliten ins All befördert werden sollen, die unterschiedliche Umlaufbahnen haben, soll die Kickstage helfen. Dann kann ein Teil der Fracht direkt mit der Oberstufe dahin gebracht werden, wo er hin soll. Der andere Teil wird dann mit der Kickstage in den entsprechenden Orbit geflogen. Bislang ist es so, dass Satelliten ihren eigenen Antrieb dafür nutzen, um an den richtigen Ort zu kommen. Das dauert häufig länger und verkürzt mitunter die Lebenszeit des Satelliten. Auch Konstellationen, bei denen Dutzende Kleinsatelliten auf einmal ins All gebracht werden, sollen mit der Kickstage befördert werden können.

„Der Satellitenmarkt hat sich gewandelt“, sagt Sven Rakers, Leiter für zukünftige Oberstufen bei Ariane Group. Deswegen habe man sich vor zwei Jahren überlegt, was der nächste Schritt sein könnte. Erste Pläne für eine Kickstage habe es schon in den 90er-Jahren gegeben. Die seien nun wieder aufgegriffen worden. Etwa zwei Millionen Euro hat das Unternehmen bislang in die Entwicklung gesteckt. Jetzt erfolgt die Finanzierung über Programme der europäischen Weltraumorganisation Esa. Mit der Hera-Mission, bei der die Esa Ende 2024 zu einem Asteroiden fliegen will, gibt es auch schon eine erste Einsatzmöglichkeit für die Kickstage.

Auch OHB hat sich beworben

Noch ist nicht klar, ob die Stufe überhaupt bei Ariane Group gebaut wird. Derzeit läuft eine Ausschreibung, bei der sich nach Angaben von Ariane Group auch das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB beworben hat. Im Spätsommer soll es eine Entscheidung geben. Rakers ist aber zuversichtlich: Sein Unternehmen habe schließlich jahrzehntelange Erfahrung beim Bau von Raketenstufen.

Doch warum will ein Unternehmen eine Rakete verbessern, die noch nicht einmal ihren Premierenflug hatte? Für Ariane-Produktionschef Karl-Heinz Servos ist die Antwort klar: „Es ist die natürlich Weiterentwicklung.“ Man dürfe sich nicht erlauben, auch nur ein oder zwei Jahre stillzustehen.

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Für kaum eine andere Branche ist die Maxime „höher, schneller, weiter“ wohl so zutreffend wie für die Raumfahrt. Seit einigen Jahren muss das Motto um einen weiteren Punkt ergänzt werden: günstiger. Die Zeit der teuren Prestigeprojekte ist weitestgehend vorbei – auch weil sich die Raumfahrt stark kommerzialisiert hat. Deswegen wird jetzt noch mehr als früher auf den Preis geschaut.

Kosten noch weiter reduzieren

Nicht umsonst soll die neue Ariane 6 um 40 Prozent günstiger sein als ihre Vorgängerin. Servos will die Kosten noch weiter reduzieren. Daher entwickelt sein Unternehmen zurzeit auch die sogenannte Black Upper Stage, die schwarze Oberstufe. Sie soll nicht mehr aus Metall sein, sondern aus Karbon – von der Farbe dieses Materials leitet sich auch der Name ab. Karbon sei nicht nur leichter, sagt Servos. Es eröffne auch ganz neue Möglichkeiten. „Wenn wir etwas entwickeln, denken wir auch immer gleich an die Produktion“, sagt er. Mit Karbon sei die nun vielfältiger.

In Zahlen heißt das: Die jetzt sieben bis acht Tonnen schwere Oberstufe könnte künftig zwei Tonnen weniger wiegen. Und je weniger die Rakete an sich wiegt, desto mehr Fracht könne mitgenommen werden. Bis die Karbon-Oberstufe fliegen kann, wird es noch dauern. Bislang findet das Material kaum Verwendung beim Raketenbau. „Wir laufen bei der Entwicklung vorne mit„, sagt Rakers. “Das heißt aber auch, dass wir in die Falle laufen, die andere später umgehen können.“

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