Bilanz zum Einzelhandel Corona beschleunigt Umbruch im Handel

Schließungen und Frequenzrückgänge: Der stationäre Einzelhandel steht vor großen Herausforderungen und steckt mitten im Wandel. Um Winterware noch zu verkaufen, könnte es weitere Rabattaktionen geben.
02.01.2021, 05:00
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Corona beschleunigt Umbruch im Handel
Von Lisa Schröder

Die Pandemie verstärkt nach Ansicht von Experten Trends im Einzelhandel. „Es gibt einen Strukturwandel, der wird ganz klar durch diese Pandemie beschleunigt“, sagt Jens Ristedt, Vorsitzender der Bremer City-Initiative. Die Digitalisierung zwinge den Handel zum Umdenken. Händler müssten überlegen, wie der Weg zum Kunden aussehen könne, wenn er nicht in das Geschäft kommen kann.

Außerdem eröffneten sich, so hart es auch klingen möge, in den Innenstädten wegen Corona neue Möglichkeiten, weil Geschäfte schließen müssten. „Die Städte werden sich in Zukunft deutlicher durchmischen“, sagt der Inhaber des Modehauses Ristedt in der Innenstadt. In der City sieht er dafür auch ein gutes Potenzial – etwa für neue Konzepte oder auch Wohnen.

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Jan König vom Handelsverband Nordwest betont, dass der Mix an Gastronomie, Einrichtungen und Kultur in einer Stadt stimmen müsse. „Wenn das nicht da ist, funktioniert das eben nicht mehr“, sagt der Hauptgeschäftsführer. Der Lockdown von November an habe deutlich gezeigt, wie wichtig dieser Mix sei. Wegen des Angebots im Internet seien die Kunden allein für den Einkauf künftig nicht mehr in die Innenstädte zu locken. Das Weihnachtsgeschäft sei schon vor der Schließung der Geschäfte "eine Katastrophe“ gewesen. Obendrein fehle dem Handel auch die wichtige Phase zwischen Weihachten und Neujahr.

Gerade Geschäfte im Bereich Mode verzeichneten Einbußen, weil etwa die Anlässe fehlten. Was nun mit der Saisonware passiere? „Sie wird sich im nächsten Jahr nur sehr schwer verkaufen lassen – wenn überhaupt noch“, schätzt König. Im Januar und Februar kommt bereits die Frühjahrsware.

Schon vor dem Lockdown deutlich zu spüren

Modehändler versuchten mit entsprechenden Nachlässen, die Winterware noch zu vermarkten, sagt Jens Ristedt. „Wenn die Lager zu hoch sind, dann führt das automatisch zu Rabatt- und Preisschlachten.“ Sie seien schon vor dem Lockdown deutlich zu spüren gewesen. Vor allem sei die Situation auch in den Segmenten schwer, die zu Weihnachten bis zu einem Viertel des Jahresumsatzes machten: Kosmetik, Schmuck, Spielzeug. „Das ist schon bitter. Das wandert dann in den Onlinebereich ab.“

Insgesamt geht der Handelsverband Deutschland (HDE) für den stationären Handel im Weihnachtsgeschäft von einem Umsatzverlust von 14 Prozent aus. Die Passantenfrequenzen in den Innenstädten im November halbierten sich teils, wie Messwerte des Unternehmens Hystreet zeigen, deren Grundlage bundesweit 45 Standorte sind. Im Sommer bewegten sie sich dagegen zeitweise annähernd bei mehr als 80 Prozent.

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In die Waterfront kehrten die Kunden ebenfalls den Sommer über stärker zurück – bis die Infektionszahlen stiegen und es neue Einschränkungen gab. Im Weihnachtsgeschäft sei die Frequenz um etwa 40 Prozent zurückgegangen. „Für unsere Mieter ist das natürlich eine sehr große Herausforderung“, sagt Waterfront-Center-Managerin Kirsten Jackenkroll mit Blick auf die Umsatzausfälle. Bisher habe es nur vereinzelt Insolvenzen gegeben – meist bundesweit aktive Filialisten. „Wir hoffen, dass das so bleibt“, sagt die Managerin. Doch wenn die Situation so schwierig bleibe, müsse man voraussichtlich mit weiteren Insolvenzen rechnen.

Centermanager ECE, der auch hinter der Waterfront steht, hat reagiert und will Händler und Gastronomen entlasten. Mieter, die aktuell nicht öffnen dürfen, sollen für den Zeitraum der Schließung die Hälfte der Kaltmiete zahlen. „Dies gilt auch für mögliche weitere Lockdowns im Jahr 2021“, teilt ECE mit. Im Moment laufen noch Abstimmungen mit den jeweiligen Investoren und Banken. ECE-Chef Alexander Otto sagte, der Lockdown vor Weihnachten sei der „absolute Worst Case für alle Händler“ gewesen und bedrohe viele Existenzen.

Fürchten um die Existenz

Probleme gibt es nicht überall. Corona hat den Handel gespalten. Der Lebensmittelhandel entwickelte sich gut, die Segmente Garten, Freizeit und Wohnen florierten. Und der Onlinehandel: Der HDE geht im November und Dezember von einem Plus von fast einem Drittel aus auf knapp 20 Milliarden Euro. Im Modehandel fürchtet dagegen laut Umfrage knapp drei Viertel um die Existenz.

Dodenhof hat im Frühjahrs-Lockdown die digitalen Angebote ausgebaut. Das Jahr sei in der Geschichte des Unternehmens eines der herausforderndsten gewesen, sagt Inhaber Ralph Dodenhof, obwohl man es besser überstanden habe als anfangs befürchtet.

„Allerdings traf auch uns die erneute Schließung mit voller Wucht – und das in den wichtigsten Wochen des Jahres und mit noch sehr gut gefüllten Lagern.“ Erneut müsse der Handel „ein Sonderopfer ohne große Aussicht auf eine Entschädigung erbringen“, so der Inhaber des Einkaufszentrums.

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