Zukunft in Bremen unklar

Borgward will sich neu ausrichten

Nach der Übernahme will Borgward einen „viel attraktiveren Produktplan“ anbieten. Ob eine Fertigung in Bremen noch geplant ist, bleibt unklar - wie vieles zur Zukunft der Automarke.
07.06.2019, 05:55
Lesedauer: 4 Min
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Borgward will sich neu ausrichten
Von Stefan Lakeband
Borgward will sich neu ausrichten

2015 wurde auf der Automesse IAA zum ersten Mal der neue Borgward enthüllt. Nach dem Besitzerwechsel vor einem halben Jahr verkündet das Unternehmen nun eine neue Strategie – bleibt bei den Details aber geheimnisvoll.

Boris Roessler/dpa

Seit dem Jahreswechsel ist es still um den Autohersteller Borgward geworden. Ende Dezember hatte das chinesische Unternehmen Ucar die Mehrheit an der wiederbelebten Traditionsmarke übernommen, seitdem ist sehr wenig über deren Zukunft bekannt geworden. Dabei gibt es viele Fragen: Wie geht es mit Borgward weiter? Wann kommt das nächste Modell auf den deutschen Markt? Und was wird aus dem ursprünglich geplanten Werk in Bremen?

Mehrere Wochen lang hat der WESER-KURIER erfolglos versucht, jemanden bei Borgward zu erreichen: Anrufe endeten auf Mailboxen, E-Mails blieben größtenteils unbeantwortet. Schließlich reagierte das Unternehmen doch auf Fragen zu seiner Zukunft.

Die Antworten von Pressesprecher Marco Dalan bleiben allerdings unkonkret. Immerhin lassen sie erahnen, wie es mit Borgward weitergehen könnte. Vieles klingt danach, dass das Unternehmen einen Neustart versuchen will. Man habe mit dem neuen Besitzer einen „viel attraktiveren Produktplan“ festgelegt, heißt es. Und: „Bei ersten Projekten arbeiten wir eng mit der Bremer Senat zusammen“, sagt Dalan.

„Lokales Produktionswerk“ geplant

Das lässt Raum für Spekulationen – und wirft neue Fragen auf. Tim Cordßen, Sprecher von Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) bestätigt zwar Gespräche, die nichts unmittelbar mit der Fertigung zu tun haben, will sich zu möglichen anderen Projekten mit Borgward aber nicht äußern.

Was man aus den Antworten von Borgward herauslesen kann: Das Unternehmen hat offenbar immer noch Interesse an einer Fertigung im Ausland. Ob diese aber, wie im Oktober 2016 angekündigt und seitdem immer wieder bekräftigt, in Bremen angesiedelt werden soll, geht aus der Mitteilung nicht hervor.

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„Wir werden in Kürze weitere Ankündigungen zum Starttermin unserer neuen Dienstleistungen und zukünftigen Produkte sowie zum Zieldatum für das lokale Produktionswerk machen“, heißt es von Borgward. Was mit dem „lokalen Produktionswerk“ gemeint ist, lässt Dalan auch auf Nachfrage offen. Vor allem, ob weiterhin der Bau einer Fabrik auf dem reservierten Grundstück im Güterverkehrszentrum (GVZ) geplant ist – oder doch ein anderer Standort bevorzugt wird.

Beim Wirtschaftssenator ist man noch immer offen für eine Ansiedlung von Borgward. Das 140 000 Quadratmeter große Areal im GVZ sei noch bis mindestens Mitte des Jahres für den Autobauer reserviert. Dass sich das Unternehmen nach dem Besitzerwechsel erstmal strategische Gedanken machen muss, dafür habe man Verständnis, sagt Cordßen. Er macht aber auch klar: Jetzt ist es an Borgward, zu handeln. „Bremen hat das nicht mehr in der Hand. Wir haben alles getan, was wir tun konnten.“

Deutschland soll Schlüsselmarkt sein

Der neue Borgward-Eigner Ucar ist ein aufstrebendes Mobilitätsunternehmen. Dahinter steckt Lu Zhengyao, ein chinesischer Milliardär, der mit seiner Kaffeehauskette Luckin Coffee dem globalen Konzern Starbucks in China gehörig Konkurrenz macht. Mit Ucar gehört ihm zudem ein Fahrdienstleister, der einen ähnlichen Service wie das US-Unternehmen Uber anbietet. Anders als Uber unterhält Ucar aber einen eigenen Fuhrpark – und hat chinesischen Medienberichten zufolge inzwischen 80 Millionen Kunden in 300 Städten.

Daher wurde in den vergangenen Monaten spekuliert, ob Ucar überhaupt ein Interesse an Auslandsmärkten hat oder ob die Übernahme nur ein Mittel ist, um günstig Autos für die eigene Flotte zu produzieren. In der Stellungnahme von Borgward heißt es dazu, man arbeite „an einem Wachstumsplan für Europa, da Deutschland für uns ein Schlüsselmarkt ist“.

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„Zusammen bilden wir eine neue Art von Automobilunternehmen, das ideal positioniert ist, um von neuen Wachstumschancen zu profitieren, die sich aus neuen Geschäftsmodellen ergeben, bei denen es darauf ankommt, die Fahrzeugnutzung zu maximieren“, teilt Borgward über die Zusammenarbeit mit Ucar mit. Auch diese Antwort ist unkonkret, lässt aber erahnen, dass Borgward in Zukunft nicht nur seine Autos verkaufen will. Wäre also zum Beispiel denkbar, dass Ucar mit seinem Fahrdienst auch ins Ausland expandiert oder zusammen mit Borgward ein Carsharing-Angebot plant? Eine Anfrage ließ Ucar unbeantwortet.

Mitarbeiter verlassen Borgward

Borgward wäre nicht der erste Autokonzern, der sein ursprüngliches Geschäftsmodell erweitert. Sowohl BMW als auch Mercedes haben schon vor Jahren eigene Carsharing-Angebote ins Leben gerufen; Volkswagen hat erst vor wenigen Wochen seinen Fahrdienst Moia in Hamburg gestartet. Auch Uber hatte sich 2014 auf den deutschen Markt gewagt, wurde mit seinem eigentlichen Geschäftsmodell aber in mehreren Städten verboten. Mittlerweile sind die Amerikaner mit einer abgewandelten Variante ihres Dienstes in Deutschland aktiv.

Unabhängig von der neuen Strategie könnten Kunden das bislang einzige Borgward-Modell auf dem deutschen Markt weiter ausprobieren und kaufen, heißt es vom Hersteller. Auf eine testweise gestellte Anfrage nach einer Probefahrt über das entsprechende Onlineformular hat Borgward jedoch auch nach Wochen nicht geantwortet. Eigentlich sollte ab diesem Frühjahr das zweite Modell in Deutschland verkauft werden, der BX5. Der Start verzögere sich bis Jahresende, teilt Borgward nun mit.

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Dass sich durch den Einstieg von Ucar nicht nur das Geschäft von Borgward neu gestalten könnte, sondern es auch innerhalb des Unternehmens zur Veränderungen kommt, zeichnete sich schon früher ab. Ende März hatte der WESER-KURIER berichtet, dass sich Borgward von mehreren Mitarbeitern trennt. Zudem wurden Anfang Mai zwei von drei Vorstandsmitglieder der in Stuttgart ansässigen Borgward Group ausgetauscht. Die Frage nach dem Warum ließ das Unternehmen unbeantwortet.

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