Handwerk im Wandel

Bremer Betriebe wollen von Digitalisierung profitieren

Laut einer Studie werden digitale Kompetenzen im Handwerk immer wichtiger. Das gilt auch für die rund 5200 Betriebe in Bremen. Dabei leistet die Handwerkskammer wichtige Unterstützung.
23.02.2020, 20:44
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Betriebe wollen von Digitalisierung profitieren
Von Ivonne Wolfgramm
Bremer Betriebe wollen von Digitalisierung profitieren

Online-Konfiguratoren am Computer, wie hier für Möbel, erleichtern die Kommunikation zwischen Betrieb und Kunden.

Marijan Murat

Den Friseurbesuch mit EC-Karte kassieren, Aufträge online annehmen oder die eigenen Arbeitszeiten via App erfassen: Immer mehr Handwerksbetriebe wollen sich die Digitalisierung zunutze machen, um Prozesse effektiver zu gestalten, produktiver zu arbeiten und die Kommunikation mit den Kunden zu vereinfachen. Doch oft scheitert der Wille zum digitalen Wandel – sei es aufgrund des Mangels an Fachkräften mit Digitalkompetenzen oder weil die Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter Zeit und Geld kostet. Vor diesen Hürden stehen auch die rund 5200 handwerklichen Betriebe im Land Bremen.

Überall in der Bundesrepublik zeichnet sich ein ähnliches Bild ab, wie eine Studie der Kfw-Research zeigt: Demnach kann ein ­Drittel der kleinen und mittleren Unternehmen den Bedarf an digitalem Wissen und Fähigkeiten aktuell nicht decken. Dabei ist die große Mehrheit der mittelständischen Unter­nehmen auf digitale Grundkompetenzen ­angewiesen. Laut der Studie gaben 78 Prozent der Mittelständler an, einen großen Bedarf an der Bedienung von Standardsoftware und ­digitalen Endgeräten zu haben. Für rund die Hälfte der mittelständischen Unternehmen sind Onlinekompetenzen wie Inter­net­recherche, Onlinemarketing oder auch der Umgang mit sozialen Medien von großer Bedeutung.

„Wichtig für die Prozesskette“

Die Studie unterscheidet zwar nicht zwischen Industrie, Handel und Handwerk im Mittelstand. Dass die Digitalisierung aber auch für Bremer Handwerksbetriebe ein sehr relevantes Thema ist, bestätigt Katrin Roßmüller. Sie ist nicht nur im Vorstand der Handwerkskammer, sondern führt zugleich das Unternehmen Gebrüder Mahn GmbH, das sich auf die Herstellung von Elektromotoren spezialisiert hat. Aus ihrer täglichen Arbeit weiß sie: „Die Digitalisierung ist unheimlich weit und daher auch wichtig für die Prozesskette.“ Das beginnt schon mit der eigenen Internetpräsenz, der Terminverwaltung oder Erfassung von Mitarbeiterkapazitäten.

Die große Herausforderung aus ihrer Sicht sind jedoch „Teile der Prozesskette, die noch nicht digital sind“. Das betrifft beispielsweise die Zustellung von Rechnungen, die in aller Regel noch in Papierform ausgegeben werden. Währenddessen ist für große Konzerne der ­digitale Versand von Rechnungen schon selbst­verständlich. Und wie geht es beim Handwerk weiter? Schon ab diesem Herbst soll sich laut Roßmüller in Bremen etwas ändern – zumindest, wenn die Kunden aus dem ­öffentlichen Sektor stammen. „Die Auftragsabwicklung muss dann zwingend auf dem elektronischen Wege ablaufen.“

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Viele Betriebe versuchen darüber hinaus von sich aus, den Sprung in die digitalisierte Welt zu schaffen. Dafür hat die Handwerkskammer die Handwerkprojekt GmbH gegründet, um Bremer Unternehmer bei ihrem Vorhaben zu unterstützen. „Der Grad der Digitalisierung eines Betriebes hängt ganz stark von der Affinität des Geschäftsführers ab“, sagt Andreas Meyer, Geschäftsführer der Handwerkskammer Bremen. Von den Inhabern der Kammerbetriebe seien 26 Prozent älter als 55 Jahre und acht Prozent sogar älter als 65 Jahre. Umso wichtiger sei es, dass die Mittelständler durch den Einsatz von neuen Technologien wettbewerbsfähig blieben. Denn oftmals bilde die Firma auch die Altersvorsorge. Für Roßmüller ist die Rechnung simpel: „Um auf dem Markt überleben zu können, ist es ­notwendig, den Anforderungen des Marktes und den Kundenbedürfnissen gerecht zu werden.“

Online-Präsenz zahlt sich aus

Immerhin bescheinigt auch der Digitalisierungsindex 2019 dem bundesweiten Handwerk, dass Kundenansprachen über eine eigene Online-Präsenz und zunehmend auch über soziale Netzwerke wichtig sind. 52 Prozent der Handwerksbetriebe erhalten Anfragen für den privaten Bedarf über die Webseite: entweder per Mail oder Kontaktformular. 40 Prozent der Betriebe nutzen bereits eine Online-Terminbuchung. Laut der Studie wirkt sich das nicht nur positiv auf die Zeitersparnis aus, sondern auch auf die Kundenzufriedenheit. Ebenso kann auch das Bauhandwerk von digitalen Neuerungen profitieren. Neben der Ansprache auf sozialen Kanälen können die Baubetriebe die Kunden durch Online-Konfiguratoren stärker in Planungsprozesse einbinden. Zwar nutzen bislang nur 16 Prozent der Mittelständler im Baugewerbe solch eine Anwendung, 26 Prozent sehen darin allerdings großes Potenzial und planen den Einsatz laut Angaben des Digitalisierungsindexes.

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Aufgrund dieser Entwicklungen halten es Andreas Meyer und Katrin Roßmüller für umso wichtiger, bereits in der Ausbildung angehender Gesellen die richtigen Bedingungen für den digitalen Wandel zu schaffen. „Dazu gehört zunächst, die jungen Menschen wieder für das Handwerk zu begeistern“, erklärt Meyer. Häufig sei es so, dass handwerkliche Berufe für Jugendliche nur die letzte Wahl seien oder sie in anderen Branchen keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Das schlage sich schließlich auf die Motivation und Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter nieder.

Ausbildung soll digitale Kompetenzen vertiefen

Der Gebrauch neuer Technologien kann das Handwerk für Berufseinsteiger auch attraktiver machen. „Daher wollen wir mit den berufsbildenden Schulen daran arbeiten, digitale Kompetenzen während der Ausbildung zu vertiefen“, ergänzt Roßmüller. Ein denkbarer Weg sei etwa der Einsatz von Virtueller Realität im Unterricht. Zeitgleich müsse auch die Meisterausbildung stärker digitalisiert werden – beispielsweise über E-Learning-Angebote.

Meyer und Roßmüller sind sich sicher, dass in der Digitalisierung großes Potenzial für das Bremer Handwerk steckt. „Man darf einfach keine Angst haben“, ermutigt Roßmüller auf Grundlage ihrer Erfahrung die Betriebe. Denn das Handwerk sei flexibel im Gegensatz zur großen Industrie, es könne viel schneller auf individuelle Kundenanfragen reagieren. „Das Handwerk muss erhalten bleiben. Doch das geht nur, wenn es mit der Zeit geht.“

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