Alternative Antriebe Bremer können Wasserstoff tanken

Nach dem Diesel-Skandal entdeckt die Industrie plötzlich die Brennstoffzellentechnik wieder. Die Elektro-Autos sollen mit Wasserstoff fahren. In Tenever gibt es nun die erste Zapfsäule dafür.
16.10.2017, 18:38
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Bremer können Wasserstoff tanken
Von Florian Schwiegershausen

Zur Eröffnung hat es den Tankstellenkaffee für die Gäste ausnahmsweise mal nicht aus dem Pappbecher gegeben. Denn ab jetzt können die Bremer bei der Shell-Tankstelle an der Osterholzer Heerstraße, Ecke Otto-Brenner-Allee (nicht weit entfernt vom Weserpark) Wasserstoff tanken. Das gilt natürlich nur für diejenigen, die ein Auto mit Brennstoffzellentechnik besitzen. Das sollen schnellstmöglich mehr werden.

So will es auch Daimler, die im kommenden Jahr ihren Mercedes GLC als Hybrid-Plug-In unter der Bezeichnung F-Cell in Bremen vom Band rollen lassen werden. Das bedeutet: Der Mercedes kann sowohl mit Wasserstoff betankt werden als auch per Steckdose aufgeladen werden. Bei Autos mit reinem Elektromotor wird die Batterie per Strom aus der Steckdose aufgeladen.

Ein Auto mit Brennstoffzellentechnik besitzt auch einen Elektromotor, der Strom wird jedoch mit Hilfe des Wasserstoffs erzeugt. Kurz erklärt, reagiert innerhalb der Brennstoffzelle der Wasserstoff mit Sauerstoff. Dadurch entstehen Strom, Wasser und Wärme. Was die Kosten dieser Technik bisher unter anderem erhöht, ist das Platin, das in der Brennstoffzelle als Katalysator eingesetzt wird.

Lesen Sie auch

Der Vorteil beim Wasserstoff gegenüber dem herkömmlichen Stromer: Bis der Tank mit Wasserstoff voll ist im Auto mit Brennstoffzellentechnik, braucht es etwa drei Minuten. Ein Kilo Wasserstoff reicht für etwa 100 Kilometer und kostet in der Erprobungsphase bis 2023 pro Kilo 9,50 Euro.

Die Batterie eines herkömmlichen E-Autos aufzuladen, dauert mindestens 30 Minuten oder länger. Und so sagte der Bremer Mercedes-Werkschef Peter Theurer bei der Einweihung der Wasserstoff-Zapfsäule: „Wir werden bei der Arbeit unsere Kräfte gleichberechtigt in beide Techniken stecken.“

Noch ein Vorteil beim Wasserstoff

Dass Daimler seine Energie also sowohl in die Forschung an der Brennstoffzellentechnik als auch in die Weiterentwicklung der E-Autos steckt ist eine wichtige Nachricht auch für das Bremer Werk, in dem die Autos mit beiden Techniken in Zukunft vom Band rollen werden. Denn noch im März auf dem „Auto-Motor-und-Sport-Kongress“ in Stuttgart klang das anders.

Damals sagte Konzernchef Dieter Zetsche noch: „In den nächsten zehn Jahren wird unser Schwerpunkt auf batterieelektrischen Antrieben liegen.“ An dem Konsortium „H2 Mobility“, das unter anderem in Deutschland die Tankstelleninfrastruktur für Wasserstoff vorantreibt, ist Daimler allerdings auch beteiligt neben den Tankstellenbetreibern Shell, OMV und Total sowie den Wasserstoff-Produzenten Linde und Air Liquide.

Was noch ein Vorteil beim Wasserstoff ist: Die Technik an allen Zapfsäulen ist gleich, weil sich die Industrie früh genug auf einen einheitlichen Standard geeinigt hatte. Bis 2018 soll es in Deutschland 100 Tankstellen mit Wasserstoff geben und bis 2023 dann 400 Tankstellen. Die Tankstelle in Tenever wiederum liegt verkehrsgünstig nahe der A27 und nicht weit weg vom Bremer Kreuz.

Erzeugung ist energieintensiv

Das Bundesverkehrsministerium fördert den Bau der ersten 50 Wasserstoff-Tankstellen - die Anlage in Bremen mit 900.000 Euro. Enak Ferlemann (CDU), der zuständige Staatssekretär im Verkehrsministerium, sagte: „Für die kommenden drei Jahre stehen 260 Millionen Euro zur Verfügung. Wenn das nicht reicht, können wir nachsteuern.“

Ferlemann fügte außerdem hinzu: „Wasserstoff macht aber nur Sinn, wenn der Strom für die Herstellung nicht aus Kohlekraftwerken sondern aus regenerativen Energien wie Offshore-Windkraft stammt.“ Denn gerade die Erzeugung sei energieintensiv.

Bremens Umweltsenator Joachim Lohse (Grüne) freute sich ebenso über die Wasserstoff-Tankstelle, warnte jedoch: „Wir sollten uns auf alle Pfade konzentrieren und nicht nur auf Elektromobilität setzen.“ Ferlemann betonte dabei, dass sein Ministerium offen für alle Techniken sei und diese entsprechend gleichberechtigt gefördert werden.

Umrüstung benötigt etwa acht Wochen

Oliver Bishop, General Manager Shell Hydrogen, ergänzte: „Wir gehen davon aus, dass dieser alternative Antrieb ab den Zwanziger Jahren in Märkten wie Deutschland, England, Benelux und den USA eine immer größere Rolle spielt.“ Die Technik für drei Viertel aller öffentlichen Wasserstoff-Tankstellen in Deutschland stammt von Linde – ebenso in Bremen.

In einem meterhohen Turm ist der verdichtete Wasserstoff mit bis zu 370 Kilogramm, was für etwa 100 Betankungen reicht. Die Umrüstung an einer Tankstelle benötige etwa acht Wochen, wie der Shell-Verantwortliche Thomas Bistry erläuterte. Aber egal ob mit oder ohne Brennstoffzelle: Für die Mitarbeiter im Bremer Mercedes-Werk hat in Zukunft beides Relevanz.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+