Coronavirus in Schlachthöfen

Gewerkschafter Matthias Brümmer: "Der Schutz der Arbeiter zählt nicht"

In einem Wiesenhof-Werk in Lohne haben sich 66 Arbeiter mit dem Coronavirus angesteckt. Wieder wird ein Schlachthof zum Hotspot. Wie kommt das? Gewerkschafter Matthias Brümmer über eine Branche in der Kritik.
21.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Gewerkschafter Matthias Brümmer:
Von Nico Schnurr
Gewerkschafter Matthias Brümmer: "Der Schutz der Arbeiter zählt nicht"

Bei Wiesenhof in Lohne wird Geflügelfleisch produziert. In dem Schlachthof haben sich 66 Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert.

Friso Gentsch

Herr Brümmer, in einem Wiesenhof-Betrieb in Lohne haben sich 66 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Überrascht Sie das?

Matthias Brümmer: Es war nur eine Frage der Zeit, bis das passieren würde. Der Schlachthof in Lohne ist inzwischen der dritte Betrieb der PHW-Gruppe, in dem das Coronavirus ausgebrochen ist. Das ist kein Zufall.

Dabei gilt der Schlachthof in Lohne als besonders modern.

Die Fabrik ist erst vor einigen Jahren gebaut worden, und das Hygienekonzept soll sich tatsächlich von dem anderer Betriebe unterscheiden. Damit zeigt der Fall, dass man die Diskussion um die Sicherheit der Arbeiter in der Fleischindustrie nicht allein auf einer technischen Ebene führen sollte.

Der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG), Matthias Brümmer.

Der Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG), Matthias Brümmer.

Foto: FREI
Worauf wollen Sie hinaus?

Zuletzt wurde viel über moderne Technik geredet, über die richtigen Lüftungsanlagen, die es nun brauche, um zu verhindern, dass sich das Virus in den Betrieben ausbreitet. Das mag vielleicht helfen, aber das eigentliche Problem ist doch die räumliche Enge in den Fabriken und Unterkünften. Die Beschäftigten können kaum Abstand halten, deswegen sind sie so gefährdet.

Es heißt, die Arbeiter sollen sich vor allem im Privaten angesteckt haben.

Kein Wunder. Zum Schutz vor dem Virus bräuchten sie ein eigenes Zimmer. Doch nach wie vor wird diesen Menschen kein Wohnraum vermietet, sondern eine Matratze in einem überfüllten Mehrbettzimmer. Uns liegen die Mietverträge vor. Das ist nicht menschenwürdig. Wenn Hühner so zusammengepfercht untergebracht wären wie die Menschen in der Fleischindustrie, gäbe es Probleme mit dem Tierschutz. Doch der Schutz der Arbeiter zählt nicht. Man wundert sich schon, dass etwa der Landkreis Vechta nun nicht entschlossener auftritt.

Der Betrieb in Lohne läuft weiter.

Der Geestland-Schlachthof in Wildeshausen ist vor einigen Wochen vorübergehend geschlossen worden, obwohl es dort deutlich weniger Infizierte gegeben hat. Hat da der Landkreis Oldenburg völlig überreagiert, oder geht der Landkreis Vechta nun einfach zu lasch vor? Nimmt vielleicht sogar die dortige Fleischindustrie Einfluss auf die politische Entscheidung?

Das denken Sie?

Naja, man könnte es momentan vermuten. Auf der Pressekonferenz hat der Landkreis die Schuld für den Corona-Ausbruch erst mal bei den Beschäftigten gesucht. Das ist typisch: Hauptsache, die Verantwortung liegt nicht bei den Unternehmen und den Behörden.

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Zuletzt hat die Politik den Druck auf die Fleischindustrie doch erhöht. Werkverträge sollen verboten werden.

Dafür kämpfe ich seit 20 Jahren.

So richtig zufrieden wirken Sie aber nicht.

Ich bin skeptisch. Der Gesetzentwurf des Bundesarbeitsministeriums soll uns bis Ende Juli vorliegen. Noch glaube ich nicht, dass damit das Ende der Werkverträge besiegelt sein wird.

Warum?

Ich befürchte, dass die Branche das System beibehalten wird, nur unter einem anderen Namen. Die Arbeiter werden dann nicht mehr über fremde Subunternehmen angestellt sein, sondern über Tochterfirmen. Alter Wein in neuen Schläuchen, die Ausbeutung wird bleiben.

Wäre es für die Unternehmen so viel teurer, die Arbeiter direkt anzustellen?

Der Lohnkostenanteil in der Fleischindustrie ist verschwindend gering, er liegt vielleicht bei fünf Prozent. Wenn die Beschäftigten einen tariflichen Stundenlohn von 15 Euro bekämen, würde etwa das Kilogramm Schweinefleisch nur um 9 Cent teurer werden. Aber die Unternehmer stecken das Geld lieber in die Expansion, um Vorteile gegenüber der europäischen Konkurrenz zu haben.

Einige Unternehmer befürchten, nach einem Verbot der Werkverträge nicht mehr auf dem internationalen Markt mithalten zu können.

Das ist Unsinn. Dann dürfte es in Dänemark keine Fleischindustrie mehr geben. Dort bekommen Angestellte im Schweine- und Rindfleischbereich einen Mindestlohn von 27 Euro gezahlt, und trotzdem gehören einige Betriebe zu den Marktführern. Das dänische Beispiel zeigt: Es kann auch anders laufen. Doch dafür muss die deutsche Politik endlich aktiv werden.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

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Zur Person

Matthias Brümmer

ist Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) in der Region Oldenburg/Ostfriesland. Zuvor war Brümmer selbst in der Fleischindustrie als Zerleger tätig.

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Zur Sache

Kreis ermittelt weitere Kontaktpersonen

Der Landkreis Vechta will nach dem Corona-Ausbruch unter Mitarbeitern eines Wiesenhof-Schlachthofes in Lohne weitere Kontaktpersonen ermitteln. Zwar sei ein Großteil des Personenkreises bereits unter Quarantäne gestellt worden, dennoch sollten weitere mögliche Kontaktpersonen aus dem persönlichen Umfeld der Mitarbeiter gesucht werden, sagte ein Sprecher des Landkreises. Die Mitarbeiter hatten sich nach Angaben des Landkreises überwiegend im privaten Bereich angesteckt. Unter den Mitarbeitern des Hähnchenschlachthofs Oldenburger Geflügelspezialitäten in Lohne hatten sich mindestens 66 Menschen infiziert. 35 von ihnen wohnen im Landkreis Vechta, 27 im Landkreis Diepholz, zwei im Landkreis Osnabrück und jeweils eine Person im Landkreis Cloppenburg und in Delmenhorst. Insgesamt sind im Landkreis Vechta aktuell 67 Menschen mit dem Virus infiziert, für die mit weiteren 90 engen Kontaktpersonen eine Quarantäne angeordnet wurde. Derzeit befinden sich nach Angaben des Landkreises 157 Personen in Quarantäne. Zwei Erkrankte werden stationär behandelt. Mit diesen Fällen liegt der Kreis Vechta landesweit an der Spitze, was die Sieben-Tage-Inzidenz betrifft. Dem Kreis zufolge gibt es derzeit 41,67 Neuinfektionen bezogen auf sieben Tage. Laut Corona-Statistik des Landes liegt sie für den Kreis Vechta bei 44,1. Sollte der Wert auf 50 steigen, hätte das Einschränkungen für das öffentliche Leben zur Folge.

Deutschlands größter Fleischkonzern Tönnies hat derweil Veränderungen angekündigt: So sollen bis zum 1. September 1000 Werkvertragsarbeiter einen direkten Arbeitsvertrag erhalten. Zudem will Tönnies rund 400 Wohnplätze anmieten.

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