Corona-Krise Wie sich die Abläufe in der Bremer Agentur für Arbeit geändert haben

Die Corona-Krise hat nicht nur viele Unternehmen vor Herausforderungen gestellt, sondern auch die Agentur für Arbeit. Eine Mitarbeiterin erzählt, wie sich ihr Alltag verändert hat.
16.05.2020, 05:00
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Wie sich die Abläufe in der Bremer Agentur für Arbeit geändert haben
Von Stefan Lakeband

Der Tag, an dem Anna Willmes wusste, dass sich etwas ändern wird, war ein Freitag der 13. Die 34-Jährige sitzt an diesem Märztag in der Schule, spricht mit Ju­gend­lichen über deren berufliche Zukunft und den weiteren Lebensweg. Dann kommt die ­Nachricht: Ab Montag werden die Schulen ­geschlossen. „Da war mir klar, dass einiges auf uns zukommen wird“, sagt Willmes heute.

„Uns“ – damit meint die junge Frau sie und ihre Kollegen bei der Bremer Agentur für Arbeit. Seit 2003 arbeitet Willmes für die ­Behörde. „Ein reines Agenturkind“, wie sie sagt. Nach ihrer Ausbildung fängt sie im Team der Berufsberatung an. Sie geht in Schulklassen, hat Sprechstunden, begleitet Jugendliche auf ihrem Weg in die Arbeitswelt. Viele persönliche Gespräche, immer unterwegs. Bislang.

Bearbeitung der Kurzarbeiter-Anträge

Die Corona-Krise hat Willmes Alltag verändert; ihre Vorahnung an diesem März-Freitag war richtig. Die Pandemie bringt Tausende Unternehmen im Land Bremen in Bedrängnis: Aufträge sind von jetzt auf gleich weggefallen; Geschäfte, Restaurants und Cafés mussten schließen. Die Folgen spüren nun auch die 34-Jährige und ihre Kollegen: Willmes bearbeitet jetzt die Anträge für Kurzarbeit. Sie wechselt von der Schule ins Büro.

5900 Betriebe haben im Land Bremen Kurzarbeit beantragt; 125.000 Beschäftigte trifft das. Das ist nicht nur für jede einzelne Firma viel Arbeit, sondern auch eine große Aufgabe für die Agentur für Arbeit. Deswegen hat es Willmes auch nicht überrascht, dass sie von der Berufsberatung abgezogen wurde. Sie hat Verständnis dafür. „Uns ist allen klar, dass es jetzt darum gehen muss, dass Unternehmen schnell ihr Geld bekommen“, sagt sie. Daran hingen schließlich Tausende Arbeitsplätze.

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Willmes neues Aufgabe ist nun grundlegend anders als ihr Job in der Berufsberatung. Wenn sie morgens ins Büro kommt, fährt sie den Rechner hoch und sieht die Flut an neuen Anträgen. Dann macht sie sich an die Arbeit. Ist alles vollständig? Sieht die Abrechnung der Arbeitsstunden plausibel aus? Ist der Antrag unterschrieben? In den Anfangstagen habe sie eine halbe Stunde gebraucht, um einen Antrag zu prüfen. Jetzt, nach wochenlanger Übung, sind es nur wenige Minuten.

Ob alles mit rechten Dingen zugeht, ob nicht doch das ein oder andere Unternehmen falsche Angaben macht, um sich Kurzarbeitergeld zu erschleichen, kann Willmes dabei kaum erkennen. „Die genauen Prüfungen“, sagt sie, „kommen erst später.“ Das Geld werde jetzt nur unter Vorbehalt bezahlt. Sollten später festgestellt werden, dass Firmen betrogen haben, müssen sie die Förderung nicht nur zurückzahlen, sondern auch mit einem Strafverfahren rechnen.

Unternehmen kommen besser mit der Antragsstellung klar

Nach mehr als zwei Monaten Corona-Krise, so erzählt es die Angestellte, seien mittlerweile viele Unternehmen geübt in der Antragstellung. „Als die Krise ausgebrochen ist, war Kurzarbeit für viele Betriebe noch Neuland.“ Spätestens seit April ist sie für viele Realität. Das heißt, sie wissen, was sie wo eintragen, welche Formulare sie ausfüllen müssen. Wenn doch etwas fehlt, greift Willmes zum Telefonhörer. Probleme sollen schnell beseitigt werden.

Nur zwei Wochen dauert es mittlerweile, bis die Arbeitsagentur nach dem Antrag auf Kurzarbeit das Geld überweist. Dafür habe die Behörde das Personal im sogenannten operativen Service aufgestockt und aus anderen Abteilungen abgezogen. Rund 80 Mitarbeiter kümmern sich aktuell um die Antragsbearbeitung – nicht nur für das Land Bremen, sondern auch für den Landkreis Osterholz, für Oldenburg und Wilhelmshaven. „Viele Kollegen haben zu Beginn freiwillig an den Wochenenden gearbeitet“, sagt Jörg Nowag, Sprecher der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven. Man habe so viele Anträge wie möglich abarbeiten wollen, um nicht von der Antragswelle überrollt zu werden. Das sei gelungen. Trotzdem wolle man noch zusätzliches ­Personal einstellen. Denn neben der Kurzarbeit dürfte auch die Arbeitslosenquote steigen.

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Wer dieser Tage die Arbeitsagentur am Doventorsteinweg besucht, glaubt eher an das Gegenteil. Im Foyer, wo sonst die Menschen auf ihre Termine warten, ist es erschreckend ruhig; Flure und Büros sind verwaist. Seit Mitte März hat die Behörde für den Publikumsverkehr geschlossen. Kontakt zwischen Arbeitslosen und Beratern findet telefonisch oder digital statt. Ein großer Teil der Angestellten arbeitet im Homeoffice, um sich und andere zu schützen.

Zufriedenstellende Ergebnisse

Die Corona-Krise verlangt nicht nur von den einzelnen Mitarbeitern eine Umstellung ab, sondern auch vom Riesenapparat Ar­beitsagentur. Nowag ist mit den Ergebnissen in Bremen bislang zufrieden. Dass man früher als andere Behörden Akten digitalisiert habe, helfe nun ungemein; auch die restliche IT sei auf einem guten Stand. Daher ist er überzeugt, dass auch nach der Corona-Krise etwas erhalten bleiben wird. Er hält es für möglich, dass künftig etwa direkte Gespräche durch Videoschalten ersetzt werden können. Oder dass Menschen, die sich arbeitslos ­melden wollen, das nicht mehr zwingend persönlich bei der Arbeitsagentur machen müssen.

Auch Willmes ist gespannt auf die Zeit nach Corona. „Ich freue mich, wenn ich mich wieder um Jugendliche kümmern kann“, sagt sie. Denn da sei sie frei in der Gestaltung, könne kreativ arbeiten. Komplett anders, als Anträge zu bearbeiten, sei das. Wann Willmes zurück auf ihren alten Arbeitsplatz kann, lässt sich aber noch nicht sagen – und das sei auch nicht schlimm. „Ich weiß“, sagt die 34-Jährige, „dass ich in dieser schwierigen Zeit etwas Gutes tue.“

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