Gewerkschaft der Lokführer Wie der Bahnstreik auch den Norden treffen könnte

Erst die Güter, dann die Reisenden: Wenn die GDL-Lokführer streiken, hat das Auswirkungen. Was der Arbeitskampf für Bremen und umzu bedeutet, ist noch nicht genau klar - Folgen dürfte er aber haben.
10.08.2021, 17:49
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von dpa Wolfgang Mulke Stefan Lakeband

Rechtzeitig ankündigen wollte Claus Weselsky, der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Streiks bei der Deutschen Bahn. Doch dann ließ er den Bahnkunden sowohl im Güter- als auch im Personenverkehr nur wenig Zeit zur Vorbereitung. Um elf Uhr am Dienstag gab er das Ergebnis der Urabstimmung über den Arbeitskampf bekannt. Acht Stunden später sollten die ersten Güterzüge stillstehen. Sieben Stunden später war der Personenverkehr dran. Bis zum kommenden Freitag, 2.00 Uhr morgens, treten die Lokführer in den Ausstand. Wo genau gestreikt wird, ließ Weselsky offen. „Das ist ein bundesweiter Streik“, betonte er nur.

Wie stark der Bahnverkehr auch in Bremen und Niedersachsen beeinträchtigt wird, lässt sich daher erst im Verlauf der beiden Tage sagen. „Aber wir haben mit Sicherheit eine hohe Beteiligung aus allen Bereichen. Auch die Kolleginnen und Kollegen bei DB Netz und bei DB Station und Service sind arg unzufrieden“, heißt es von der Leitung des GDL-Bezirks Nord in Hamburg. Vor allem Hannover ist ein wichtiges Drehkreuz im überregionalen Zugverkehr sowohl für die Ost-West- als auch für die Nord-Süd-Verbindungen in Deutschland.

Lesen Sie auch

Wahrscheinlich ist, dass es vor allem im Nahverkehr bei den S-Bahnen besonders starke Ausfälle gibt. Hier ist der Organisationsgrad der GDL sehr hoch. Im Fernverkehr will die Deutsche Bahn mit einem Ersatzfahrplan möglich viele Verbindungen aufrechterhalten. Für Mittwoch und Donnerstag hat die Bahn 75 Prozent ihrer Fernzüge gestrichen. Einen weitgehend störungsfreien Verkehr erwartet der Konzern erst wieder für den Freitag.

Priorität haben nach Bahn-Angaben die besonders stark genutzten Verbindungen wie zwischen Berlin und dem Rhein-Ruhr-Gebiet, zwischen Hamburg und Frankfurt sowie die Anbindung wichtiger Bahnhöfe und Flughäfen. Ziel sei ein zweistündliches Angebot mit besonders langen Zügen auf den Hauptachsen.

Auf Nachfrage des WESER-KURIER bestätigten Nordwestbahn und Metronom, dass ihre Fahrpläne Bestand haben werden, da sie nicht von der Streikankündigung betroffen sind. Von Bremen aus fährt die Nordwestbahn etwa nach Nordenham, Oldenburg, Farge, Verden und Bremerhaven. Der Metronom bedient die Strecke nach Hamburg. Nach Angaben eines Sprechers ist man bereit, mehr Reisende in diesen Zügen aufzunehmen, da das Niveau von vor der Corona-Pandemie ohnehin noch nicht erreicht ist. „Unsere Mitarbeiter sind bereit“, sagte er.

Was jedoch für die privaten Bahnunternehmen problematisch werden könnte: Die GDL will nach eigenen Angaben auch die Infrastruktur bestreiken, zu der unter anderem auch Stellwerke gehören. Sind diese nicht besetzt, können auch Verbindungen dieser Anbieter ausfallen.

Da die Bahn trotz des Ersatzfahrplans nicht garantieren kann, dass alle Reisenden wie gewünscht an ihr Ziel kommen, bittet die Bahn Fahrgäste, die nicht zwingend fahren müssen, ihre Reise möglichst zu verschieben. Gegenüber den Kunden wolle man sich sehr kulant zeigen. Die für den Streikzeitraum gelösten Karten könnten bis einschließlich 20. August bei aufgehobener Zugbindung genutzt oder erstattet werden.

Lesen Sie auch

Seit Dienstagabend will die GDL bereits den Güterverkehr auf der Schiene bestreiken. Wie sich das in Bremen und der Region niederschlägt, lässt sich noch nicht genau sagen. Robert Völkl, Geschäftsführer des Vereins Bremer Spediteure, befürchtet aber „schwerste Beeinträchtigungen“. Bremen sei ein wichtiger Knotenpunkt für den Güterverkehr. Vor allem die Häfen sind von den Verbindungen per Schiene abhängig. Rund 50 Prozent der Waren kommen über diesen Weg an die Kajen. So werden etwa die Häfen Hamburg, Bremerhaven und Wilhelmshaven von der Bahn-Tochter Transfracht bedient. Allerdings: Nicht der komplette Verkehr wird über die Deutsche Bahn und Tochterunternehmen abgewickelt. Ein großer Teil wird von privaten Bahnunternehmen übernommen.

Vordergründig geht es in dieser Tarifrunde um mehr Geld. Die Lokführer fordern 3,2 Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von 28 Monaten. Hinzu kommt eine Corona-Prämie von 600 Euro. Die Bahn bietet zwar jene 3,2 Prozent, doch nur über eine Laufzeit von 40 Monaten. Statt Bonus verspricht sie einen Kündigungsschutz.

Doch es geht nicht nur ums Geld. Im Hintergrund schwelt ein Konflikt um die gewerkschaftliche Vorherrschaft im Bahnkonzern. Weselsky beansprucht erstmals auch ein Verhandlungsmandat für Beschäftigte der Infrastrukturbetriebe, etwa Fahrdienstleiter, oder auch das Personal in Instandhaltungswerken. Diese Bereiche werden traditionell von der größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) vertreten.

Die jeweilige Stärke der beiden einzelnen Gewerkschaften ist entscheidend für das Tarifgeschäft. Denn seit Jahresbeginn gilt bei der Bahn das Tarifeinheitsgesetz. Es sieht vor, dass in jedem der rund 300 Bahnbetriebe nur der Tarifvertrag der Gewerkschaft mit den meisten Mitgliedern zur Geltung kommt. Derzeit werden nur 16 Betriebe der GDL zugerechnet, der Rest der EVG.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Zur Newsletter-Übersicht