Interview über Bremens Wirtschaft

„Die Lage ist wirklich ernst“

Im Interview sprechen Präses Marahrens-Hashagen und Handelskammer-Chef Fonger über die Aussichten für Bremens Wirtschaft.
25.10.2019, 21:46
Lesedauer: 4 Min
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„Die Lage ist wirklich ernst“
Von Philipp Jaklin
„Die Lage ist wirklich ernst“

In Sorge wegen des Abschwungs: Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Matthias Fonger und Präses Janina Marahrens-Hashagen.

Frank Thomas Koch

In einem Satz zusammengefasst: Wie ist die Stimmung in der bremischen Wirtschaft?

Janina Marahrens-Hashagen: Die Stimmung ist sehr verhalten, die Unternehmen sind wenig investitionsbereit und blicken mit Sorge auf die Zukunft.

Wir stecken mitten im Abschwung. Wie hart trifft es die Wirtschaft im Nordwesten insgesamt?

Matthias Fonger: Unsere aktuelle Konjunkturumfrage hat das dramatische Ergebnis gebracht, dass neben den perspektivischen Problemen der Exportwirtschaft nun auch in der Binnenwirtschaft durchgehend in allen Branchen die Geschäftserwartungen negativ sind. Das ist wirklich besorgniserregend, zumal die bremische Wirtschaft im ersten Halbjahr 2019 bereits geschrumpft ist. Wir befürchten, dass das Land Bremen wegen seiner starken Exportorientierung überproportional stark vom Abschwung getroffen wird.

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Gibt es eine Branche, die es besonders schwer hat?

Marahrens-Hashagen: Stark belastet ist zurzeit die Automobilindustrie durch den Wandel vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb. Große Zulieferer und auch in Bremen ansässige Unternehmen haben aktuell noch einen ausreichenden Auftragsbestand, aber im kommenden Jahr wird die Lage vermutlich ganz anders aussehen. Dafür müssen sich die Firmen positionieren. Aber wie sich die internationalen Märkte entwickeln werden, ist gerade unkalkulierbar.

Fonger: Deswegen ist unsere klare Forderung: Da, wo wir als Bundesland reagieren können, muss die bremische Wirtschaftspolitik gegensteuern. Die globalen Rahmenbedingungen können wir von Bremen aus nicht gestalten. Aber wir brauchen vor Ort endlich eine Politik, die den Unternehmen das Gefühl vermittelt, dass am Standort alles getan wird, um die Wirtschaftskraft zu stärken. Der Erhalt von Arbeitsplätzen muss jetzt oberste Priorität haben. Das vermissen wir bisher.

Was konkret kann und soll der Senat aus Ihrer Sicht tun?

Marahrens-Hashagen: Wir brauchen zum Beispiel dringend mehr Gewerbeflächen, damit es wieder mehr Ansiedlungen gibt. Wenn Flächen zunehmend über Erbpachtverträge vergeben werden, kommt keiner mehr nach Bremen. Das macht für Unternehmen wirtschaftlich zumeist keinen Sinn.

Fonger: Nötig sind auch viel schnellere Baugenehmigungen. Außerdem brauchen wir klare Aussagen der Politik, was für die Innenstadt geplant ist. Investoren stehen ja grundsätzlich bereit. Aber die springen ganz schnell ab, wenn der Senat die Rahmenbedingungen nicht klar setzt. Es geht nicht, dass im Fall des Sparkassen-Areals am Brill die Senatorin schriftlich bei den Investoren Klarheit über deren Pläne anmahnt und der Brief am selben Tag in die Öffentlichkeit gelangt. Einen solchen Umgang mit Investoren können wir uns nicht leisten – und in wirtschaftlich schwieriger Lage erst recht nicht.

So wie es in der Wirtschaft derzeit läuft – werden im kommenden Jahr in größerem Umfang Arbeitsplätze verloren gehen?

Marahrens-Hashagen: Den ersten Beschäftigungsabbau werden wir bei Leiharbeitern in der Automobilindustrie und bei den Zulieferern erleben. Aber auch ein weiterer, darüber hinaus gehender Abbau von Arbeitsplätzen ist wahrscheinlich. Die aktuelle Entscheidung von Bosch, die Lenksäulenfertigung in Bremen einzustellen, ist ein Beispiel dafür. Wenn sich die Lage so eintrübt und die Aufträge nicht mehr da sind, müssen die Unternehmen reagieren.

Fonger: In diesem Jahr werden wir wahrscheinlich noch eine konstante Beschäftigung erleben. Im kommenden Jahr rechne ich mit einem Rückgang. Leider ist unsere Ausgangslage eine Sockelarbeitslosigkeit von fast zehn Prozent. Das zeigt die dringende Notwendigkeit einer wirtschaftsstärkenden Investitionspolitik im Land Bremen.

Marahrens-Hashagen: Wenn es so kommt wie befürchtet, werden auch die Steuereinnahmen sinken, und es sind noch weniger Haushaltsmittel zum Ausgeben da. Dabei muss Bremen gerade in die Verkehrsinfrastruktur dringend investieren. Ich höre immer wieder von Firmen, dass Mitarbeiter kündigen, weil sie nicht mehr jeden Tag im Stau stehen wollen.

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Haben Sie denn das Gefühl, dass Sie mit Ihren Anliegen im neuen Bremer Senat Gehör finden?

Fonger: Politisch diskutiert werden gegenwärtig eher Themen wie Fahrradbrücken und Dachbegrünung, anstatt sich mit den wirklich harten wirtschaftspolitischen Fragen auseinanderzusetzen.

Marahrens-Hashagen: Dabei ist die Lage wirklich ernst. Wir Unternehmer sehen eine harte Welle auf uns zukommen. Und wir erwarten, dass jetzt etwas getan wird.

Fonger: Wenn es an den Doppelhaushalt geht und die Weichen für die kommenden Jahre gestellt werden, muss allen Beteiligten klar sein, dass wünschenswerte Projekte wie die Förderung des Fußgängerverkehrs oder Klimaschutzmaßnahmen nur möglich sind, wenn wir stabile Einnahmen haben und nicht in einen Abwärtsstrudel mit steigender Arbeitslosigkeit geraten. Die Unternehmen haben zu kämpfen. Da passen zusätzliche Belastungen wie eine Ausbildungsplatz-Abgabe schon gar nicht in die Zeit.

Ihre Umfrage hat gezeigt, dass Unternehmen die Arbeit des Vorgängersenats sehr schlecht beurteilen und auch die neue Regierung nicht mit vielen Hoffnungen verbinden. Müssten die Firmen da nicht reihenweise ihre Koffer packen?

Marahrens-Hashagen: Wir geben nicht auf. Die Arbeit des neuen Senats können wir erst nach vier Jahren bewerten. Wir machen jetzt auf die Herausforderungen aufmerksam, und dann werden wir sehen, was der Senat umsetzt.

Die Fragen stellte Philipp Jaklin.

Info

Zur Person

Janina Marahrens-Hashagen steht seit Januar als Präses an der Spitze der Handelskammer Bremen und Bremerhaven. Die Unternehmerin ist geschäftsführende Gesellschafterin der Marahrens Group, eines in Bremen-Nord ansässigen Spezialisten für Schiffsbeschilderung.

Matthias Fonger ist seit 1999 Hauptgeschäftsführer der Handelskammer. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler war zuvor für den Deutschen Industrie- und Handelstag tätig.

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