Bedeutung der Zeit „Die Zeit kann man nicht beherrschen“

Ist sie der größte Luxus unserer Tage? Und ist Zeit tatsächlich Geld? In der neuen Reihe stellen wir große Fragen – denen, die es wissen müssen. Im ersten Teil kommt der Uhrmacher Henning Paulsen zu Wort
22.07.2019, 09:30
Lesedauer: 4 Min
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„Die Zeit kann man nicht beherrschen“
Von Stefan Lakeband

Herr Paulsen, Zeit ist Geld. Sind Sie ein reicher Mann?

Henning Paulsen: Ich fühle mich reich – aber nicht im finanziellen Sinn. Ich mache Menschen eine Freude, indem ich Uhren zum Laufen bringe, die teils jahrzehntelang kaputt waren. Einige meiner Kunden haben Tränen in den Augen, wenn sie sehen, dass ihre Schätze wieder funktionieren. An dem Spruch ist aber sicher etwas dran. Alles wird immer schneller. Jede Sekunde zählt und wird genutzt, um Geld zu machen. Bei Uhrmachern ist das anders. Ich brauche Ruhe, keine Hektik.

Viele Menschen haben das Gefühl, keine Zeit zu haben. Kann das sein? Geht uns wirklich die Zeit aus?

Nein. Die Leute lassen sich nur von den neuen Medien, Smartphones und der ständigen Erreichbarkeit hetzen. Sie wollen möglichst viel schaffen, merken aber nicht, dass das nicht geht. Ich strukturiere meinen Tag und arbeite eins nach dem anderen ab. Wenn ich etwas nicht sofort hinbekomme, mache ich das am nächsten Tag. Sich zu hetzen, finde ich fürchterlich.

Hat der Mensch nicht selbst Schuld? Schließlich ist die Zeit etwas Menschengemachtes.

Die Zeit ist die Abfolge von Ereignissen. Um die einordnen zu können, hat der Mensch die Zeit in Stücke eingeteilt. Erst hieß es, wir treffen uns bei Vollmond oder bei Sonnenaufgang. Der Mensch wollte aber immer genauer werden, das entspricht seinem Forschergeist. Er wollte die Zeit fassbar machen und hat sie daher in gleich große Stücke gehackt. Interessant ist, dass die ersten Uhren gar keine Zeiger hatten, sondern nur ein Schlagwerk. Ein Läuten hat die Stunden angezeigt, später kamen halbe und Viertelstunden dazu. Dann wurden das Ziffernblatt und die Zeiger erfunden. Mittlerweile können Bruchteile einer Sekunde gemessen werden.

Ist der Mensch so zum Herrn über die Zeit geworden?

Die Zeit kann man nicht beherrschen. Man kann sie nur einteilen. Es gibt sehr wenige Leute, die zu viel Zeit haben. Bei den meisten ist es eher andersherum.

In manchen Kreisen gilt es aber als chic, viel zu arbeiten, nächtelang, teils auch am Wochenende. Ist dieses Keine-Zeit-haben ein Statussymbol geworden?

Ich finde es schrecklich, wenn jemand sagt, er habe keine Zeit. Das ist ein Armutszeugnis. Wer seine Zeit so einteilen kann, wie er will, ist in meinen Augen privilegiert.

Wie kann man lernen, seine Zeit bewusster zu nutzen?

Einfach mal das Handy zur Seite legen. Viele lassen sich davon zu sehr treiben. Deswegen sollte man wenigstens ein paar Stunden darauf verzichten und mal versuchen, sich Dinge zu merken, und nicht sofort im Smartphone abzuspeichern. Wenn ich reise, habe ich beispielsweise immer ein Notizbuch dabei. Das klappe ich einfach auf, trage Sachen ein und schließe es wieder. Es braucht keinen Strom, kein Internet. Ich merke, wie gut es tut, auf Technik zu verzichten.

Für welche Dinge sollte man sich Zeit nehmen?

Für sich selbst und andere Menschen. Und für die Natur. Geld wird oft als das Wichtigste dargestellt – ist es aber nicht. Mit Geld kann man nichts wiedergutmachen. Wir holzen beispielsweise gerade den Regenwald ab, damit mehr Platz für Kühe ist, an denen Leute verdienen. Was wir da kaputtmachen, können wir nie wieder reparieren.

Wofür hätten Sie selbst gern mehr Zeit übrig?

Ich habe Zeit genug. Wenn ich keine Lust mehr habe, höre ich auf. 2017 war ich beispielsweise elf Wochen am Stück segeln. Zum Glück verstehen meine Kunden das. Ich kann einfach meinen Laden zumachen und losfahren.

Das ist dann aber doch wieder eine Geldfrage, oder?

Geld ist Mittel zum Zweck. Wenn man gut in seinem Beruf ist, dann bekommt man das schon hin.

Hat man als Uhrmacher ein anderes Gespür für die Zeit?

Ich bin seit 1966 Uhrmacher. Wenn ich könnte, hätte ich die Zeit schon längst langsamer gedreht. Das kann ich aber nicht. Alles was ich kann, ist Uhren reparieren. Die Geräte, mit denen die Zeit sichtbar wird.

Können Sie sich denn ein Leben ohne Uhr vorstellen?

Sehr gut sogar. Solange man arbeitet, ist das aber leider unrealistisch. Natürlich muss man seine Geschäftszeiten einhalten. Meine Kunden sollen ja nicht vor verschlossenen Türen stehen. Und ohne Uhren wäre ich arbeitslos.

Was ist das Schönste an Ihrem Beruf?

Ich repariere Uhren, die einige Jahrhunderte alt sind und ganz anders aufgebaut sind, als man es heute machen würde. Ich finde es spannend, sich in einen Uhrmacher, der vor 300 Jahren gelebt hat, hineinzuversetzen und zu versuchen, seine Gedanken zu verstehen, und warum er die Uhr so gebaut hat, wie sie ist. Denn wenn ich eine Uhr reparieren will, muss ich natürlich wissen, wie sie funktioniert.

Hatten Uhren früher einen anderen Stellenwert?

Heute kommen viele Uhrwerke aus China und unterscheiden sich kaum. Früher wurden Uhren nicht am Fließband produziert, da war jede ein Kunstwerk. Viele hatten florale Verzierungen und filigrane Details. Um die zu reparieren, muss man sehr geduldig sein. Ich sage immer: Mit meinem Wissen wäre ich am Hof von Ludwig XIV. ein gemachter Mann gewesen.

Kann man Geduld lernen?

Ich war früher sehr hibbelig. Das hat sich zum Glück gelegt. Sobald ich mich an die Werkbank setze, fällt alle Hektik von mir ab. Danach kann ich auch mal zwölf Stunden am Stück durcharbeiten, ohne dass ich das merke. Dann brauche ich aber auch einen Ausgleich und muss mal raus. Das Segeln hilft mir dabei.

Es heißt ja auch, Zeit vergeht mal schneller, mal langsamer. Ist da was dran?

Solche Tage gibt es. Oft merke ich schon beim Aufstehen, ob das ein schneller oder langsamer Tag wird. Das hängt mit der inneren Ruhe zusammen. Wenn man nicht weiß, wo die geblieben ist, gibt‘s nur schnelle Tage.

Glauben Sie, der Mensch hat verlernt, nichts zu tun?

Ich finde schon. Die Leute wollen so viel schaffen, wie nur geht. Dabei wissen die meisten abends gar nicht, was sie tagsüber gemacht haben. Viele junge Leute sind ständig auf Achse und haben immer ihr Handy dabei. Sie haben Angst, etwas zu verpassen, lassen sich viel zu sehr hetzen. Die wenigsten kommen dadurch wirklich voran im Leben. Manchmal hilft es, spontan zu sein – oder zu warten, bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Das Gespräch führte Stefan Lakeband.

Info

Zur Person

Henning Paulsen (68)

ist seit 1977 selbstständiger Uhrmacher in Bremen-Nord. Er hat sich auf die Reparatur mechanischer Uhren spezialisiert. Unter anderem wartet er die Uhr im Turm des Bremer Doms.

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