Radio-Bremen-Intendantin im Interview „Eine moderate Erhöhung würde dem Sender guttun“

Seit August ist sie Radio Bremens neue Intendantin: Yvette Gerner über den Rundfunkbeitrag und ihre Pläne für den kleinsten Sender unter den ARD-Anstalten.
14.11.2019, 06:00
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„Eine moderate Erhöhung würde dem Sender guttun“
Von Florian Schwiegershausen

Frau Gerner, wie gut haben Sie sich in Bremen eingelebt?

Yvette Gerner : Ich wohne ja nun seit mehr als vier Monaten in Bremen. Wenn ich beispielsweise von einer ARD-Sitzung zurückkomme, ist es für mich schon ein wenig so, als ob ich nach Hause komme. Ich habe von Kolleginnen und Kollegen auch viele Tipps für Freizeitaktivitäten bekommen. Die haben mich schon bis nach Bremerhaven und nach Duhnen geführt, wo ich mit dem Hund spazieren war. Ich freue mich auch auf die Sail in Bremerhaven im kommenden Jahr.

Was gefällt Ihnen an der Stadt Bremen?

Ich finde die Stadt total lebenswert. Sie bietet viel Grün, und man kann hier sehr gut Fahrrad fahren. Von den anderen Vorzügen der Stadt bin ich total überrascht, auch weil sie dem Klischee von Bremen total entgegenstehen. Wenn ich sehe, dass es hier 20 Forschungsinstitute gibt, dann ist das wirklich Spitze in Deutschland. Genauso positiv sehe ich die vielen mittelständischen Unternehmen hier.

Welche Klischees meinen Sie?

Die will ich gar nicht bedienen, weil ich sie ja gar nicht bestätigen kann. Allerdings heißt es ja, dass man sich in Bremen immer wiedertrifft. So geht es mir zum Beispiel auf dem Findorff-Markt, was schön ist. Da kommt man mit den Menschen auch auf einen kurzen Schnack gut ins Gespräch.

Wo könnte Bremen besser werden?

Da würden mir auf die Schnelle ein paar Fahrradwege einfallen, die arg hoppelig sind, und von Kopfsteinpflaster bin ich auch nicht der größte Fan.

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Wie präsent wollen Sie in Bremen sein? Ihr Vorgänger Jan Metzger ist in der Öffentlichkeit in Bremen eher selten gesehen worden.

Jan Metzger hat seine Arbeit gut und souverän gemacht. Was Öffentlichkeit angeht, ist mein Konzept ein anderes – auch auf die Zeit angepasst, in der wir leben. Gerade für Radio Bremen ist das ARD Motto „Wir sind Deins“ besonders passend, denn die Menschen hier sind eng verbunden mit dem Sender, und sie identifizieren sich mit ihm als Teil ihres Bundeslands. Seit meinem Amtsantritt war ich deshalb fast jeden Abend unterwegs, um mich mit den Menschen hier in Bremen und Bremerhaven auszutauschen – speziell im kommenden Jubiläumsjahr, in dem wir 75 Jahre Radio Bremen feiern, wird das noch einmal intensiver werden. Ich halte diesen Dialog und Austausch für ganz wichtig, weil ich so feststellen kann, ob wir mit dem, was wir machen, richtig liegen oder etwas fehlt.

Inwiefern haben Sie schon alle Mitarbeiter und alle Formate kennengelernt?

Ich rede mit den Leuten, wenn ich sie im Fahrradkeller oder im Aufzug treffe. Ich arbeite daran, dass ich jeden mit Namen kenne. Bei einigen Spezialfragen zu Formaten habe ich im Gespräch mit den Hörern festgestellt, dass die sich da momentan noch besser auskennen. Auch das wird sich nach einer gewissen Zeit geändert haben.

Was sehen Sie nach den ersten 100 Tagen, wo Radio Bremen in Zukunft noch besser werden könnte?

Das Programm mache ja nicht ich, sondern da besprechen wir uns zusammen in der Geschäftsleitung ab. Radio Bremen hat schon viel gemacht im crossmedialen und im digitalen Bereich, da müssen wir weiterarbeiten. Es geht aktuell unter anderem darum, erste gezielte Online-First-Angebote für die ARD Mediathek und die Audiothek zu entwickeln. Ein Projekt kann ich Ihnen exklusiv verraten: Zusammen mit dem WDR und dem RBB gibt es ein Hörspiel zur neuen Staffel von „Babylon Berlin“. Sechs Teile für die Audiothek. Auch für die Mediathek planen wir etwas, das wird aber noch nicht verraten.

Und im Regionalen?

Um mehr Diversität und Abbildung der gesamten gesellschaftlichen Realität geht es bei der regionalen Berichterstattung. Dazu zählen Aspekte wie die gerechte Verteilung der Präsenz in Bremen, Bremen-Nord und Bremerhaven, aber auch, welche Blickwinkel wir haben. Die unterschiedlichen Perspektiven brauchen wir, um als öffentlich-rechtlicher Sender eine Plattform für den Austausch für die gesamte Gesellschaft zu bieten. Da müssen wir uns anstrengen. Grundsätzlich ist „buten un binnen“ die Kernmarke für alle Plattformen und das Herzstück unserer regionalen Berichterstattung.

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Es gibt immer mehr Menschen, die nur noch über Mediatheken oder Streamingdienste schauen. Was bedeutet das für Ihre Amtszeit?

Darauf habe ich einen besonderen Fokus. Gerade die jungen Zielgruppen sind nicht mehr linear unterwegs. Unser Auftrag ist es aber, alle zu erreichen. Das machen wir im jungen Bereich mit Bremen Next über alle Plattformen ganz gut. Unabhängig von den jungen Zielgruppen sind auch die Meinungsmelder ein ganz auffälliges Format, das über alle Plattformen gedacht ist und auf Dialog und die Partizipation abzielt. Im Onlinebereich werden wir Akzente setzen und Verschiebungen vornehmen. ARD-weit ist ein 20-Millionen-­Euro-Paket geschnürt, das in Mediathek-First-­Angebote gesteckt werden soll. Ansonsten werden wir Anfang Dezember die Neuigkeiten für unser nächstes großes Projekt bekannt geben.

Die neuen Tatort-Kommissare.

Grundsätzlich hat Radio Bremen ja die gute Tradition, als innovativer Leuchtturm des Nordens zu agieren. Wir können uns nicht so viel leisten, setzen aber auf große Auffälligkeiten.

Was kann sich Radio Bremen mehr leisten, sollte 2021 der Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro auf 19,40 Euro erhöht werden?

Wir sind es gewohnt, mit wenig Geld zu wirtschaften, und werden das auch weiterhin verantwortungsvoll tun. Aber eine moderate Erhöhung würde dem Sender guttun. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs, die KEF, rechnet noch, wie sich der Rundfunkbeitrag verändern wird, und wird Ende November einen ersten Bericht veröffentlichen. Daher ist es noch zu früh, dazu etwas sagen zu können. ARD-weit befinden wir uns ja in einer Mischung aus struktureller Einsparung, einer Spardebatte und der Debatte zum Auftrag. Aber: Seit zehn Jahren wurde der Beitrag nicht erhöht. Im Gegenteil: Er wurde in dieser Zeit sogar reduziert von 17,98 Euro auf 17,50 Euro.

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Die Sparbemühungen innerhalb der ARD gibt es ja dadurch, dass man beispielsweise bei der Fußball-WM stärker mit dem ZDF zusammengearbeitet hat.

Da gibt es in der ARD insgesamt 20 Strukturprojekte – im Sport ist das übergreifend mit dem ZDF, wenn wir im kommenden Jahr die Olympischen Spiele gemeinschaftlich produzieren und übertragen. Für die Gebührenperiode von 2021 bis 2024 hat die ARD 311 Millionen Euro bei der KEF als Einspareffekte auf Basis der Strukturprojekte gemeldet. Insgesamt liegt das geschätzte Einsparvolumen bis 2028 bei rund 951 Millionen Euro.

Wie relevant ist denn die Werbung für das Programm? Angesichts der aktuellen großen Plakatkampagne kann sich der Beitragszahler ja fragen, ob das denn unbedingt sein muss.

Man kann über alles – auch kritisch – diskutieren, was wir im Programm und im öffentlichen Raum tun und wie wir es tun. Nur individuell da etwas herauszunehmen, finde ich zu plakativ. Das Programm muss man auch mit Marketingmaßnahmen begleiten können.

Worüber würden Sie sich freuen, was die Menschen zum Ende Ihrer Amtszeit sagen würden?

Ich würde mich über den Satz freuen „Sie hat einen guten Job gemacht“.

Info

Zur Person

Yvette Gerner ist seit 1. August Intendantin von Radio Bremen und hat damit die Nachfolge von Jan Metzger angetreten. Die gebürtige Pfälzerin war zuvor beim ZDF als Chefin vom Dienst Mitglied der Chefredaktion. Gerner ist verheiratet und hat einen Sohn.

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