Europäische Trägerrakete

Finanzspritze für Rakete „Ariane 6“

Deutschland zahlt zusätzliche Millionen, um die Zulieferer für Europas neue Rakete zu entlasten. Viele Sorgen sind damit behoben – aber längst nicht alle.
23.03.2021, 21:32
Lesedauer: 3 Min
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Finanzspritze für Rakete „Ariane 6“
Von Stefan Lakeband

Wäre vergangenes Jahr alles nach Plan gelaufen, dann hätte die Ariane 6 schon ihren Premierenflug hinter sich; die europäische Weltraumagentur Esa, die Politik und die Wirtschaft hätten sich gefreut und gegenseitig für die tolle Zusammenarbeit gedankt. Doch aus diesem Wäre-wenn-Szenario ist nichts geworden, der Zeitplan war zu eng und dann kam auch noch Corona dazwischen. Das hat vor allem Zulieferbetriebe in die Bedrängnis gebracht. Ihnen fehlt schlichtweg Geld dadurch, dass der Erstflug auf die zweite Jahreshälfte 2022 verschoben wurde. Die möglichen Folgen: Produktionsausfälle, Umsatzeinbußen, Stellenstreichungen. Doch das scheint nun vorerst abgewendet zu sein – unter anderem durch eine Finanzspritze der Bundesregierung.

Wie vergangene Woche bekannt wurde, stellt Deutschland zusätzlich 99,95 Millionen Euro für das Ariane-Programm zur Verfügung. Laut Daniel Neuenschwander, Esa-Direktor für Raumtransport, hängt diese Sonderzahlung damit zusammen, dass vor allem deutsche Unternehmen schon früh in die Produktion der Ariane 6 involviert waren. Zwar nannte er nicht die Namen der Firmen, er dürfte aber wahrscheinlich Ariane Group gemeint haben und die OHB-Tochter MT Aerospace. Beide arbeiten unter anderem in Bremen am Bau der neuen Rakete.

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Kernkompetenzen der Industrie und der Standorte erhalten

„Ariane 6 steht aktuell vor verschiedenen Herausforderungen im Kontext der Covid-Pandemie“, teilt eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums mit. „Ziel der Bundesregierung ist es in dieser Situation, wichtige Kernkompetenzen der deutschen Industrie und der deutschen Standorte zu erhalten.“ Daher habe man sich für den Zuschuss entschieden. Dieser muss allerdings noch vom Haushaltsausschuss im Bundestag abgesegnet werden.

Dass es durch die Verschiebung des Premierenflugs eng werden könnte, wurde bereits im vergangenen Oktober klar. Der Rat der Esa hatte daher beschlossen, die Mitgliedstaaten der Weltraumagentur um finanzielle Unterstützung zu bitten. 230 Millionen Euro sollten die Länder zahlen, damit das Ariane-Projekt nicht scheitert. Auf die Frage, was die Esa unternehme, sollten die Mitgliedstaaten kein zusätzliches Geld in den Bau der Rakete stecken wollen, sagt der damalige Generaldirektor Jan Wörner, dass man aktuell keine anderen Möglichkeiten habe.

Jungfernflug soll pünktlich stattfinden

Sein Nachfolger, der Österreicher Josef Aschbacher, betont nun, dass die deutschen Hilfsgelder ein Zusatz zu den erbetenen 230 Millionen Euro seien. Zum aktuellen Zeitplan der Ariane 6 sagt er: „Wir sind bestrebt, den Jungfernflug pünktlich durchzuführen.“

Auf der nächsten Sitzung des Rates im Juni soll es dann um weiteres Geld gehen. Denn nach einer Analyse der Esa habe die Corona-Pandemie zu Mehrkosten von 110 Millionen Euro bei europäischen Raumfahrtunternehmen geführt. Wie diese aufgefangen werden könnten, sei Thema im Sommer.

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250 Stellen für die nächsten Jahre gesichert

Das zusätzliche Geld sorgt für Erleichterung bei MT Aerospace. „Das ist eine erfreuliche Botschaft“, sagt Günther Hörbst, Sprecher des Mutterkonzerns OHB. Damit seien 250 Stellen für die nächsten Jahre in Augsburg gesichert. Gleichzeitig seien strukturelle Anpassungen weiter notwendig – in denen es nicht ohne Jobabbau gehen werde. Denn trotz des zusätzlichen Geldes bleibt ein anderes Problem: Anfangs wurde davon ausgegangen, dass jährlich eine viel höhere Zahl an Ariane-6-Raketen benötigt werde. Die Nachfrage ist aber kleiner als gedacht, daher gibt es nun weniger Aufträge. Neben dem Beschäftigungsabbau gehört zu der strukturellen Anpassung laut Hörbst auch die Suche nach neuen Geschäftsfeldern, etwa in den Bereichen 3D-Druck und Wasserstoff.

Bei Ariane Group sprach Deutschland-Chef Pierre Godart bereits im Oktober davon, dass die Lage ernst sei. Daher fasse man die Finanzspritze nun positiv auf, heißt es aus dem Unternehmen.

Info

Zur Sache

Angst vor SpaceX

Angesichts der starken Konkurrenz durch die wiederverwendbaren Raketen des US-Unternehmens SpaceX wächst die Sorge in der europäischen Raumfahrt. So warnten erst vor wenigen Tagen die Wirtschaftsminister aus Frankreich und Italien in einem gemeinsamen Papier, dass sich die wirtschaftlichen Bedingungen für die Ariane seit dem Start des Programms „deutlich verschlechtert“ haben. Dieser Vorstoß ist laut der Zeitung „Le Figaro“, die als Erste über das Papier berichtet hatte, auch als politische Ansage an Deutschland zu verstehen. Frankreich ist die Heimat der Ariane, Italien für die Vega-Rakete. Gleichzeitig gibt es in Deutschland mehrere Start-ups, die an neuen Kleinstraketen bauen und damit die Strukturen der europäischen Raumfahrt durcheinanderbringen könnten.

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