Letzte Schicht bei Kellogg Keine Cornflakes mehr aus Bremen

Am Donnerstag sind die Mitarbeiter von Kellogg zu ihrer letzten Produktionsschicht angetreten. Das haben sie mit einer Mischung aus Zuversicht, aber auch Ärger über die Bremer Politik getan.
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Von Florian Schwiegershausen Maren Beneke

Ein rauer Wind aus Südwest weht zur Mittagszeit über das Kellogg-Werksgelände zwischen Wesertower und Europahafen. Oben auf den Produktionshallen weht die Fahne mit dem roten Firmen-Schriftzug. Sie steht auf halbmast. Mitarbeiter haben sie am Morgen so gehisst. Und der starke Wind von der anderen Weserseite lässt die Flagge ununterbrochen in voller Größe wehen, als wollte er den Kellogg-Mitarbeitern auf diese Weise Respekt zollen. Denn all die Kollegen, die an diesem Donnerstag arbeiten, sind zu ihrer letzten Produktionsschicht erschienen.

Und so wird es gegen 13.30 Uhr am Werk vor Tor 3 etwas geschäftiger. Die Mitarbeiter für die Spätschicht kommen mit Auto, Motorroller, Fahrrad oder Straßenbahn.

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Wer sich mit ihnen unterhält, merkt, dass jeder anders mit der Situation umgeht. Einer von ihnen, seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, sagt: „Es ist schon scheiße. Der Chef sagte immer, es geht mindestens bis 2020 weiter. Und dann ist das Ende doch so plötzlich.“ 27 Jahre hat er bei Kellogg gearbeitet, und mehr möchte er jetzt nicht sagen. Denn nun will er schnell weiter. Trotz der Situation will er auch zur letzten Produktionsschicht noch pünktlich sein.

Die Trauer ist groß

Vom Ende der Produktion sind mehr als 200 Mitarbeiter betroffen. Aus dem Umfeld des Werks ist zu hören, dass am Morgen bereits viele Tränen geflossen sind. Wohl auch, weil aus Sicht des Bremer Werks bis zuletzt eine gute Leistung abgeliefert worden ist. Zuletzt seien die Produktionskapazitäten sogar noch einmal erhöht worden. „Die Trauer ist groß, aber wir sind stolz auf das, was wir geleistet haben“, sagt ein weiterer Mitarbeiter, der ebenfalls nicht näher genannt werden möchte. Lkw-Fahrer, die vollgepackt mit Ladung vom Gelände fahren, lassen lang und breit ihr Horn ertönen, so wie es auch der Kapitän bei einer Seebestattung oft macht.

Viele der Mitarbeiter, die an diesem Tag ihre Schicht antreten, sind über 50 Jahre alt. Zu ihnen gehört Kudret Yilmaz. Er ist 56 Jahre alt, arbeitet im Fertigwarenbereich und hätte fast die 27 Dienstjahre voll gehabt. In seinem Alter woanders einen Job zu finden, sei schwierig. Er sagt dennoch: „Das Leben geht weiter. Zumindest ist durch die Abfindung, die ich erhalten habe, das Haus abbezahlt.“ Sein Kollege Uwe Melde ist 56 Jahre alt und hat die 27 Dienstjahre bei Kellogg noch geschafft. Er schimpft auf die Bremer Politik: „Der Senat steht mir bis hier. Der SPD und den Grünen ist es wohl wichtiger, hier Wohnungen zu bauen. Anscheinend interessieren die hier die mehr als 100 Jobs nicht.“ Ob die Kollegen zum Schichtende in der Nacht irgendwas geplant haben, weiß er nicht. Das müsse auch nicht sein.

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Gegen 13.50 Uhr fährt ein Bus der City Tour Bremen am Werk vorbei, damit die Touristen ein Foto machen können. Dieser Programmpunkt auf der Stadtrundfahrt wird bald ebenso der Geschichte angehören. Kurz danach verlassen die Mitarbeiter von der Frühschicht das Firmengelände. Einer von ihnen sagt: „Momentan ist es noch so wie bei jedem Feierabend. Mal sehen, was kommt.“ Dann wird es nochmals laut. Mitarbeiter sitzen in ihren Autos und warten an der roten Ampel mit einem lauten Hup-Konzert. Einer von ihnen lässt laut die Titelmelodie des Western-Klassikers „Spiel mir das Lied vom Tod“ ertönen.

„In Bremen stirbt die Industrie“

Kellogg-Mitarbeiter Rick Schneider filmt das mit seinem Handy. Ihn trifft es erneut: „Bis 2013 habe ich bei Coca-Cola gearbeitet, und nun ist hier auch Schluss. In Bremen stirbt die Industrie.“ Der 31 Jahre alte Lebensmitteltechniker hat bereits einen anderen Job und beginnt demnächst bei einer Kaffeeveredelungsfirma. Viele andere seiner Kollegen seien bei einem anderen Kaffeehersteller untergekommen. Ein Unternehmenssprecher sagt, dass sich verschiedene Bremer Firmen an Kellogg gewandt hätten, als das Aus bekannt wurde.

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Wer allerdings über 50 Jahre alt ist, hat es schwer. So ist es auch kein Wunder, dass es eher die Dienstältesten sind, die bis zum Ende dabei sind. Sie werden noch eine Woche damit beschäftigt sein, in der Produktion zu putzen und alles zu reinigen. Für den 6. Dezember lädt die Geschäftsführung alle zu einem Brunch ein, damit sich die Mitarbeiter noch einmal treffen können. Dazu werden alte Fotos der vergangenen Jahrzehnte aus dem Firmenarchiv gezeigt. Danach sollen die Erinnerungen an ein Stück Bremer Wirtschaftsgeschichte nach Hamburg gehen. Dort hat bereits seit Ende 2014 Kellogg Deutschland mit dem Marketing und dem Vertrieb seinen Sitz. Was sie nicht archivieren können, ist der leicht süßliche Geruch, der sich immer während der Produktion über das Quartier legte. Den werden die Bremer in Erinnerung behalten.

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