Made in Bremen: Zesi

Das Geschäft mit der Zeit

Mit den Arbeitsstunden anderer lässt sich Geld verdienen. Darauf hat sich das Bremer Unternehmen Zesi spezialisiert. Es bietet den Arbeitgebern verschiedene Systeme zur Stundenerfassung und entwickelt sie auch.
25.10.2020, 05:00
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Das Geschäft mit der Zeit
Von Florian Schwiegershausen
Das Geschäft mit der Zeit

Die Stechuhr hat ausgedient: René Köhne, geschäftsführender Gesellschafter der Bremer Firma Zesi, zeigt, wie die Geräte heute aussehen.

Christina Kuhaupt

In vielen Unternehmen gehört es zum Alltag: Wer morgens am Arbeitsplatz ankommt, hält schnell sein Mitarbeiterkärtchen an die Kiste in der Ecke. Zum Feierabend noch mal das gleiche Ritual – schon ist die Arbeitszeit erfasst. In Bremen hat sich ein Unternehmen seit mehr als 30 Jahren genau darauf spezialisiert. Bei Zesi im Bremer Technologiepark dreht sich alles um die Stundenerfassung. Die Firma beschäftigt sich mit der Entwicklung und Installation solcher Systeme für Arbeitgeber.

Das Geschäft mit der Zeiterfassung laufe gut, sagt Geschäftsführer René Köhne, denn: „Jeder Arbeitgeber muss sich aktuell mit der Zeiterfassung beschäftigen. So hat es der Europäische Gerichtshof entschieden.“ Das war im Mai 2019. Die Richter legten damals fest, dass die Arbeitszeit zum Schutz der Beschäftigten vollständig erfasst werden muss (Aktenzeichen Rs C-55/18).

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Zesi profitiert von dieser EuGH-Entscheidung. Ins deutsche Arbeitsschutzgesetz ist sie zwar noch nicht eingearbeitet, dies werde aber noch kommen. Doch schon jetzt habe die Nachfrage nach Systemen zur Arbeitszeiterfassung zugenommen. „Wir haben rund 50 Prozent mehr Anfragen, nachdem das Urteil verkündet wurde“, stellt der Geschäftsführer fest.

Seit Corona machen sich auch viel mehr Unternehmen Gedanken über die mobile Zeiterfassung. Zesi bietet dazu eine App für das Smartphone an, mit der sich die Zeit erfassen lässt. Es gibt zudem eine Software für das Notebook im Homeoffice oder außerhalb des Büros, wenn der Arbeitnehmer dort zu arbeiten beginnt.

Die eigene Zeit mehr genießen

Die Firma besteht heute in zweiter Generation und blickt auf 33 Jahre Geschichte. Begonnen hatte alles mit Günter Köhne. Der ist inzwischen 16 Jahre aus dem Unternehmen raus. Als er seinen 60. Geburtstag feierte, beschloss er, sich genug mit der Arbeitszeit anderer beschäftigt zu haben und wollte nun seine eigene Zeit mehr genießen. „Da konnte mein Vater auch richtig gut loslassen – von jetzt auf gleich“, erinnert sich René Köhne, der damals schon mehrere Jahre im Unternehmen tätig war, um für einen fließenden Übergang zu sorgen.

Als Köhnes Vater mit der Firma 1987 loslegte, gab es in vielen Unternehmen für die Zeiterfassung noch die mechanische Stechuhr. Mit elektronischer Zeiterfassung kam Köhne in Kontakt, weil die Industrie vermehrt nach Lösungen suchte. Die ersten Geräte sahen aus wie eine überdimensionale Brotdose mit großen dicken Schaltern. Später kam zur Zeiterfassung das komplette Portfolio der Sicherheitstechnik hinzu: mit elektronischer Zutrittskontrolle, Alarmanlagen, Schrankanlagen und Videosystemen.

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Anfangs handelte es sich um eine reine Vertriebsfirma: Die eingekaufte Ware wurde für die Kunden nach deren genauen Wünschen vor Ort installiert und zum Laufen gebracht. Danach gab es eine Schulung für die Beschäftigten vor Ort, und das Unternehmen kümmerte sich anschließend um Service sowie Wartung der Gerätschaften. Irgendwann wollten die Kunden aber mehr. „Uns spielte auch das Alles-aus-einer-Hand-Prinzip in die Karten: Die Kunden wollten, dass wir uns um alle Belange kümmern – besonders, wenn es um sicherheitsrelevante Bereiche in den Betrieben vor Ort geht “, berichtet Köhne.

Über die Zeit entwickelte sich ein guter Kontakt in die Automotive-Branche. So stammen in vielen Autohäusern eines namhaften deutschen Herstellers die Systeme zur Zeiterfassung von Zesi. Dies führte dazu, dass die Firma begann, eine eigene Software zu entwickeln, sich damit vom reinen Vertriebsgeschäft verabschiedete und zum Systemhaus wurde. Sechs Mitarbeiter sind inzwischen mit der Weiterentwicklung der Software beschäftigt – insgesamt gibt es 25 Beschäftigte.

Für eine Zigarettenpause aus- und einstempeln

Zesi setzt so seit einigen Jahren auf eigene Software sowie Hardware und eine eigene Hotline für die Kunden. „Wir haben sehr treue Kunden und pflegen langjährige Geschäftsbeziehungen.“ Vor Ort richtet Zesi das Zeiterfassungssystem nach den Vorgaben des Auftraggebers ein. Ob sich dann die Arbeitnehmer des Kunden für eine Zigarettenpause aus- und einstempeln müssen, sei abhängig von der Firmenkultur und eben von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich.

Es gibt bei Zesi Auftraggeber, die schon seit 30 Jahren zum Kundenstamm gehören. Eine kleine Dependance mit drei Mitarbeitern befindet sich in Köln. Dort ist das Unternehmen als Vertriebler und Techniker unterwegs. Es gibt eine Reihe von Kunden in Bonn rund um den erweiterten Regierungsbereich, die in der früheren Hauptstadt ansässig sind.

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Zesi ist keine Branche oder Firmengröße fremd. Die Kunden kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Bei einem Bremer Kaffeehersteller, einer Wohnungsbaugesellschaft, öffentlichen Häusern als auch Verwaltungen findet sich die Zeiterfassung von Zesi ebenso wie im produzierenden Gewerbe. Auch wenn heute alles elektronisch erfolgt, hat sich der Begriff des „Einstempelns“ doch noch irgendwie aus den alten Zeiten erhalten. Gibt es eine neue Software-Version, machen sich die Zesi-Mitarbeiter selbst zu Versuchskaninchen und testen alles auf Herz und Nieren. Ein großer Flachbildschirm im Flur des Unternehmens bietet allen einen Überblick, wie die Systeme gerade laufen.

Worüber sich Köhne freut: „Bei uns ist noch kein Mitarbeiter gegangen. Wer irgendwann mal dazukam, ist geblieben.“ Auch das ist ein Indiz dafür, dass es bei Zesi und dem Geschäft mit der Zeit gut zu laufen scheint – so gut, dass sich das Unternehmen vergrößern will. Die bisherigen Büroräume im Technologiepark reichen nicht mehr aus. Im Konferenzraum hängen bereits die Pläne für das neue Domizil. Das lässt Köhne im Büropark Oberneuland bauen. Wenn alles gut läuft, wird es im Herbst 2021 fertig sein.

Raus auf die Terrasse

„Wir wären gern in Uninähe geblieben, aber Sie finden hier im Technologiepark keine Büroräume oder Grundstücke mehr in der Größe, wie wir sie brauchen.“ Es geht also in einem guten Jahr ein paar Kilometer weiter. Das neue Gebäude sieht unter anderem vor, dass die Mitarbeiter von der Kantine, in der sie sich zum Austausch treffen können, raus auf eine große Terrasse gehen können. Dort haben sie dann auch einmal die Möglichkeit, den Arbeitstag ausklingen zu lassen – ohne dabei auf die Zeit zu schauen.

Nach Köhne soll es auch eine dritte Generation geben, die das Unternehmen weiterführt: Tammo Schimanski soll bei Zesi in spätestens fünf Jahren das Ruder übernehmen. Er bringe sich bereits jetzt mit eigenen Ideen und Fertigkeiten ein. Der aktuelle Geschäftsführer gibt ihm Unterstützung, damit es mit der Unternehmensweitergabe genauso problemlos funktioniert, wie es einst bei Köhne und seinem Vater der Fall gewesen ist. Denn wer sich wie Köhne jeden Tag auf der Arbeit mit der Zeit beschäftigt, weiß, wie wertvoll dieses Gut ist. Also will auch er noch möglichst viel von seiner eigenen Zeit genießen und rechtzeitig im Unternehmen ein letztes Mal ausstempeln.

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