Interview mit Marco Fuchs

OHB-Chef Fuchs: „Wir wachsen beständig“

Der Satellitenhersteller OHB hat seine Firmenzentrale in Bremen deutlich ausgebaut. Vorstandschef Marco Fuchs spricht im Interview mit dem WESER-KURIER über die neusten Projekte seines Unternehmens.
22.06.2019, 06:00
Lesedauer: 5 Min
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OHB-Chef Fuchs: „Wir wachsen beständig“
Von Florian Schwiegershausen
OHB-Chef Fuchs: „Wir wachsen beständig“

Blick in die neuen Räume des Satellitenherstellers OHB. Das Unternehmen investiert 20 Millionen Euro am Standort.

Christina Kuhaupt

Herr Fuchs, wenn Sie in den Nachthimmel schauen, wissen Sie, wo Sie hinschauen müssen, um einen geostationären Satelliten von OHB zu sehen?

Marco Fuchs: Ja, ich schaue Richtung Süden, dort befinden sich die geostationären Satelliten, die sich auf rund 36 000 Kilometern Höhe über dem Äquator befinden – natürlich auch die von OHB. Die Satelliten des europäischen Navigationssystems Galileo fliegen übrigens auf etwa 23 000 Kilometern Höhe in unterschiedlichen Orbits, deshalb kann man sie nicht gut sehen, dafür gibt es aber eine App, mit der man schauen kann, wo sie sich gerade befinden.

Einen Mercedes erkenne ich von weitem am Stern beim Kühlergrill – woran erkenne ich einen OHB-Satelliten, wenn ich im All unterwegs bin?

So wie Menschen, die an Autos interessiert sind, auf der Autobahn jedes Modell erkennen, erkennen Experten auch unsere Satelliten. Denn unsere Plattformen haben schon eine eigene Designsprache. Sie sind recht kompakt, sehr robust und aufgeräumt mit einer gewissen Modularität.

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Angesichts einer Flut an Aufträgen brauchen Sie mehr Reinräume. Wie weit ist der Bau fortgeschritten?

Sie haben recht: die aktuell sehr gute Auftragslage hat Investitionen vor allem am Standort Bremen nötig gemacht. 2018 haben wir deshalb ein Investitionsprogramm im Volumen von insgesamt rund 20 Millionen Euro beschlossen. Zum einen bauen wir damit eine neue Integrationshalle, die sogenannte Plato-Halle. Zum anderen haben wir umgebaut und erweitert. Auf unserem Gelände an der Universitätsallee sind etwa ein neues Satelliten-Testzentrum sowie neue Reinräume entstanden. Einen davon haben wir mit bodentiefen Fenstern ausgestattet, sodass man sehen kann, was im Inneren passiert. Wir nennen den Raum deshalb stolz unsere Gläserne Manufaktur. Ende Juni werden wir diese Neubauten offiziell einweihen und im Anschluss daran mit unserer Belegschaft ein großes Sommerfest feiern.

Reicht der Platz dann, oder müssen Sie schon wieder zusätzliche Kapazitäten planen?

Wir wachsen beständig, das stimmt. Deshalb diskutieren wir derzeit intern lebhaft, wie wir das Firmengelände weiterentwickeln können.

Sie bauen nicht nur Satelliten, sondern im Hinblick auf eine Mission zum Mars beschäftigen Sie sich auch mit menschlichem Gewebe. Worum geht es da?

Wir haben uns schon immer mit dem Thema „Leben im Weltraum“ beschäftigt. Das geht zurück auf unseren Beitrag am Bau der Raumstation ISS vor 20 Jahren. Jetzt entwickeln unsere Life-Science-Kollegen Methoden, mit denen lebende organische Gewebeschichten per 3D-Drucker produziert werden können. Die wissenschaftliche Veröffentlichung dazu steht kurz bevor.

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Was vielleicht für den Flug zum Mars geplant ist, kann man auch auf der Erde nutzen.

Der Weltraum ist ein Experimentierfeld unter schwierigen Rahmenbedingungen. Bestimmte Innovationen oder Anwendungen entstehen also erst im Weltraum. Dort herrschen durch begrenzte Ressourcen und eine völlig andere Umgebung besondere Notwendigkeiten, völlig neue Lösungen zu finden. Diese Ideen kann man dann natürlich auf der Erde nutzen. Durch die Schwerelosigkeit im Weltraum laufen etwa biologische Prozesse harmonischer und sauberer ab. Ebenso verhält es sich beispielsweise bei Kristallen, wenn sie keiner Gravitation ausgesetzt sind. Auch für den pharmazeutischen Bereich ist das interessant, weil Testreihen in Schwerelosigkeit viel besser durchgeführt werden können.

All diese Projekte erfordern zusätzliche Mitarbeiter, allein in Bremen sollen es 150 sein. Wie bringen Sie sich als Arbeitgeber an Unis außerhalb von Bremen ins Gespräch?

Raumfahrt ist eine boomende Branche, Arbeitsplätze in der Hochtechnologie sind begehrt, deshalb besteht in unserer Industrie nahezu Vollbeschäftigung. Dadurch haben wir einen harten Wettlauf um die besten Köpfe. Als Unternehmen muss man sich dieser Entwicklung natürlich anpassen und einen anderen Zugang zu dieser Herausforderung finden.

Inwiefern?

Der Bereich Personal ist heute nicht zuletzt auch eine Abteilung, die sich in enger Abstimmung mit unserer Kommunikationsabteilung um das Profil des Unternehmens nach außen kümmert – ein Team, das sich mit dem Thema Employer Branding beschäftigt, also der Frage, wie wir als Unternehmen möglichst attraktiv für potenzielle Fachkräfte bleiben. Dass wir so viele Mitarbeiter suchen und aktiv um sie werben, ist eigentlich ein schönes Problem. Es zeigt, dass OHB und der Technologiestandort Bremen erfolgreich sind.

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Auf der anderen Seite gab es eine Verhandlung vor dem Arbeitsgericht, weil Sie Berufsanfängern angeblich zu wenig zahlen. Da geht es jetzt vor das Landesarbeitsgericht.

Auf der Hauptversammlung ist der Eindruck entstanden, dass die zwei Mitarbeiter, um die es geht, unzufrieden sind und gegen ihr Gehalt geklagt haben. Das ist nicht der Fall, sie arbeiten auch weiterhin für uns. Es war so, dass sich der lokale Betriebsrat über die Gehaltsfindung von Bachelor-Absolventen beschwert hatte.

Und dann?

Dann hat der Betriebsrat reklamiert, dass Bachelorabsolventen deutlich unter dem vergleichbaren Lohnniveau in der Region bezahlt würden, vor allem in Bezug auf Masterabsolventen. Daraufhin gab es eine Unterlassungs-Klage des Betriebsrats. Vor dem Arbeitsgericht ist diese im Februar 2019 abgelehnt worden, der Betriebsrat hat gegen den Beschluss des Arbeitsgerichts Beschwerde eingelegt. Bislang liegt uns eine Begründung noch nicht vor. So ist der Sachstand.

Sie wollen da weiter einen Unterschied machen?

Wir meinen, dass die Differenzierung zwischen Bachelor und Master richtig ist. Ein Bachelorstudium ist deutlich weniger aufwendig als ein Masterstudium – entsprechend machen wir da einen Unterschied bei den Gehältern. OHB ist, anders als eine industrielle Fertigungsfirma wie Airbus, im Kern eine Entwicklungsfirma und eine Manufaktur. Mir geht es dabei auch um die Wertschätzung von akademischen Abschlüssen. Wer promoviert hat, sollte mehr Gehalt bekommen als ein Bachelorabsolvent, der womöglich die gleiche Aufgabe macht.

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Welche Bauteile werden auch in 20 Jahren noch genauso in Satelliten eingebaut sein wie es bei Ihrem ersten der Fall war?

Ein Satellit von heute sieht vielleicht noch so aus wie von vor 20 Jahren. Aber technologisch ist er nicht zu vergleichen. Natürlich werden sie immer noch ein Solarpanel haben, um Strom zu sammeln sowie eine Antenne, die zum Funken dient. Was bleibt, ist die Wellenlänge, auf der sie funken, genauso wie die Gravitation der Erde. Entsprechend müssen Satelliten auch in Zukunft sehr robust sein. Was sich ändern wird, ist dass Satelliten mehr auf Software und weniger auf Hardware aufgebaut sein werden. Sie werden kleiner und leichter werden. Damit wird es auch gleichzeitig günstiger, sie ins All zu bringen.

Die Fragen stellte Florian Schwiegershausen.

Info

Zur Person

Marco Fuchs, Jahrgang 1962, studierte Jura in Berlin, Hamburg und New York. Im Jahr 2000 wurde er Vorstandschef des von seinem Vater Manfred Fuchs gegründeten Raumfahrtunternehmens OHB.

Info

Zur Sache

Am kommenden Freitag will Marco Fuchs neue Räume auf dem OHB-Gelände an der Universitätsallee in Bremen offiziell eröffnen. Auf rund 1350 Quadratmetern hat der Satellitenbauer neue Laborflächen geschaffen, dazu kommen zusätzliche Reinräume auf 700 Quadratmetern. Auch ein neues Testzentrum ist entstanden. Zwei Hallen sind von außen so einsichtig, dass Passanten den Ingenieuren bei der Arbeit an Satelliten zusehen können. Die neue Integrationshalle soll im Frühjahr 2020 fertiggestellt sein. OHB ist eines der führenden Raumfahrtunternehmen Europas. Unter anderem baut es die europäischen Galileo-Navigationssatelliten.

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