Beluga-Prozess Stolberg hofft auf Bewährungsstrafe

Der wegen Kreditbetruges und Untreue angeklagte Ex-Chef der einstigen Bremer Beluga-Reederei, Niels Stolberg, hofft auf ein Urteil mit Bewährungsstrafe. In einem emotionalen Schlusswort räumte der 57-Jährige Fehler ein, die er zutiefst bedauere.
08.03.2018, 15:49
Lesedauer: 4 Min
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Stolberg hofft auf Bewährungsstrafe
Von Jürgen Hinrichs

Es war fast ein Flehen: „Ich habe die Hoffnung, dass das Gericht eine Bewährungsstrafe für angemessen hält“, sagte Niels Stolberg am Donnerstag vor Gericht. Der Hauptangeklagte im Beluga-Betrugsprozess hatte vor dem Urteil in der kommenden Woche die Gelegenheit, das letzte Wort zu sprechen. Er tat es wie ein gebrochener Mann. „Ich habe alles verloren“, erklärte Stolberg mit gepresster Stimme, „mein Ansehen, mein Lebenswerk, mein Unternehmen und meine Gesundheit.“

Der 57-Jährige ist an Magenkrebs erkrankt, er stellte in seinem Schlusswort einen Zusammenhang zu den psychischen und körperlichen Belastungen her, denen er in den vergangenen sieben Jahren seit dem Untergang von Beluga unterworfen gewesen sei. Ob Stolberg ins Gefängnis muss, wird sich am 15. März zeigen. Dann will die Große Wirtschaftsstrafkammer 2 des Bremer Landgerichts ihre Urteile gegen die insgesamt vier Angeklagten fällen.

Einmalig in der bremischen Justizgeschichte

Das Verfahren dauert mittlerweile mehr als zwei Jahre und ist wegen des Aufwands, der dafür getrieben wurde, einmalig in der bremischen Justizgeschichte. Von März 2011 an hatten Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelt, bevor am 20. Januar 2016 der Prozess begann. Mit den Schlussworten der Angeklagten war die vorletzte Etappe erreicht.

Stolberg sprach von den Schuldgefühlen, die er habe, „sie unterbrechen meine Nächte“. Es sei nur schwer zu ertragen, nichts mehr rückgängig machen zu können. Er wünschte sich, damals einen anderen Weg gewählt, andere Entscheidungen getroffen zu haben. „Ich bereue zutiefst“, erklärte der Angeklagte. Er habe bei der Führung seines Unternehmens unbegreifliche Fehler gemacht, „die mir zu Recht vorgeworfen werden“. Beluga habe die Infrastruktur gefehlt, um auf die Schifffahrtskrise ab dem Jahr 2008 adäquat zu reagieren. „Ich hätte mich viel früher auf das Wesentliche konzentrieren müssen.“ Die Angst, das Unternehmen zu verlieren, habe ihn komplett im Griff gehabt. Angst, gepaart mit der Hoffnung, dass es wieder besser wird: „Kaum ein Experte hatte das Ausmaß der Krise vorhergesagt.“

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In den zehn Minuten, die Stolberg für sein letztes Wort als Angeklagter in Anspruch nahm, ging er mehrmals auf seine Erkrankung ein. „Meine Ärzte sagen mir, dass ich nicht verhandlungsfähig bin“, erklärte er. Er habe trotzdem nie darüber nachgedacht, sich dem Gerichtsverfahren zu entziehen. „Ich möchte für meine Fehler geradestehen und den Prozess nicht noch weiter in die Länge ziehen.“ Sein Wunsch sei, dass das Gericht ihm die Möglichkeit gebe, in ein normales Leben zurückzukehren.

Alle Zuschauerplätze besetzt

Im Saal 218, dem größten im Landgericht, war es sehr still, als der Ex-Reeder seine Erklärung vom Blatt ablas. Jeder der ungefähr 50 Plätze auf den Zuhörerbänken war gefüllt. Alle waren gespannt, was Stolberg zuletzt noch zu sagen hatte. Wie im gesamten Verfahren kam den drei anderen Angeklagten, Männern aus dem Management der ehemaligen Reederei, auch an diesem Tag wieder eine Nebenrolle zu, wenngleich sie dieses Mal etwas stärker ausgefüllt wurde als sonst.

Die Anwälte der Beschuldigten hielten ihre Plädoyers und betonten vor allem eines – dass ihre Mandanten von Beginn der Ermittlungen an geständig gewesen seien. Der Verteidiger des Angeklagten, der bei Beluga als Geschäftsführer gearbeitet hat, hob auf das Binnenverhältnis in dem Unternehmen ab und zielte auf die Spitze: „Stolberg war eine Unternehmerpersönlichkeit, der eine ganze Stadt, ein ganzer Stadtstaat zu Füßen lag.“ Der Mann habe Charisma gehabt. „Er konnte Menschen führen, sie begeistern. Er konnte sie aber auch verleiten.“ Sein Mandant, ein diplomierter Kaufmann, sei da hineingeglitten und stehe jetzt durch die Millionenforderungen des Insolvenzverwalters einer „vernichtenden Belastung“ gegenüber.

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Ein zweiter Angeklagter, der bei Beluga für die Finanzen zuständig war, spielte bei den Ermittlungen der Polizei eine herausragende Rolle, was sein Anwalt im Urteil berücksichtigt sehen möchte. „Durch ihn hat man die Akten bei Beluga überhaupt erst aufarbeiten können“, betonte der Verteidiger. Rund 100 Stunden habe sein Mandant bei den Behörden gesessen, um ihnen bei der Aufklärung zu helfen. „Er wollte sein Gewissen erleichtern.“

Staatsanwaltschaft fordert Gefängnisstrafe

Alle drei dieser Angeklagten erwartet eine Gefängnisstrafe, die aller Voraussicht nach zur Bewährung ausgesetzt wird. Möglich ist das, wenn die Haftdauer keine zwei Jahre überschreitet. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer entsprechende Forderungen erhoben, die sich in einem Korridor zwischen elf Monaten am unteren und einem Jahr und zehn Monaten am oberen Ende bewegen. Das Gericht signalisierte bereits im Sommer, dass es sich einen ähnlichen Strafrahmen vorstellen könne. Anders bei Stolberg, der die Hauptlast der Vorwürfe trägt, Banken und Investoren betrogen zu haben. Er soll ins Gefängnis, wenn es nach der Staatsanwaltschaft geht. Sie hat eine Strafe von viereinhalb Jahren beantragt. Das Gericht lag im Sommer nach einer sogenannten Zwischenberatung bei drei Jahren und sechs Monaten bis zu drei Jahren und neun Monaten.

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Der letzte Verhandlungstag im Beluga-Betrugsprozess vor der Großen Wirtschaftsstrafkammer 2 ist am Donnerstag, 15. März. Das Gericht will dann die Urteile sprechen. Die Verhandlung beginnt um 14 Uhr und findet im Saal 218 statt.

++ Dieser Text wurde zuletzt am 8. Maärz 2018 um 19.44 Uhr aktualisiert ++

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