Rebellischer OHB-Aktionär

US-Investor steigt erneut bei OHB ein

Der US-Investor Guy Wyser-Pratte hat abermals OHB-Aktien gekauft und seine Kritik an der Führungsspitze der Raumfahrtfirma erneuert. Auf der Hauptversammlung könnte es zum Showdown kommen.
16.05.2018, 19:14
Lesedauer: 4 Min
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US-Investor steigt erneut bei OHB ein
Von Stefan Lakeband

Er war so plötzlich weg wie er gekommen war. Nachdem der US-Investor Guy Wyser-Pratte vergangenen August beim Bremer Raumfahrtunternehmen OHB eingestiegen war, öffentlichkeitswirksam zeigte, was seiner Meinung nach alles schief läuft und daraufhin die Papiere an den Börsen nach oben schossen, kündigte er im Dezember seinen Rückzug an: Er verkaufte einen Großteil seiner Aktien und machte angeblich ordentlich Gewinn. Dann war erst mal Ruhe. Dieses Spielchen könnte nun wieder von vorne losgehen – mit einem Höhepunkt bei der OHB-Hauptversammlung in Bremen am kommenden Donnerstag.

Er habe erneut Aktien gekauft und sei nun größter OHB-Aktionär, der nicht zur Inhaberfamilie Fuchs gehöre, sagt der 77-Jährige kürzlich dem „Handelsblatt“. Und auch an seinen Ambitionen hat sich offenbar nichts geändert. Der Investor aus New York will unter anderem ein Planungskomitee bei OHB gründen. Er wiederholte seinen Vorschlag, die Bremer sollten das italienische Raumfahrtunternehmen Avio übernehmen. Und selbst möchte er auch mitarbeiten. „Ich würde gern Aufsichtsrat bei OHB werden“, sagte Wyser-Pratte der Zeitung. „Nach dem Rückzug von Frau Fuchs sehe ich großartige Chancen für eine internationale Expansion und Wachstum für das Unternehmen.“

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Tatsächlich gab es im Kontrollgremium des Bremer Raumfahrtunternehmens zuletzt einige Veränderungen. Christa Fuchs, die im März 80 Jahre alt geworden ist, hat ihren Posten als Aufsichtsratschefin abgegeben. Gleichzeitig soll der Aufsichtsrat von drei auf vier Mitglieder wachsen. Nur: Für Wyser-Pratte ist dabei kein Posten vorgesehen. Kandidat für die zusätzliche Stelle im Aufsichtsrat ist der Arbeitgeberpräsident und Bremerhavener Unternehmer Ingo Kramer. Er soll kommenden Donnerstag von den Aktionären gewählt werden. Neuer Vorsitzender ist seit dem 1. April Robert Wethmar. Der Rechtsanwalt ist schon seit 2012 Mitglied des Kontrollgremiums.

Aggressives Vorgehen

Rein theoretisch könnte sich Wyser-Pratte auch selbst bei der Hauptversammlung als Kandidat für den Aufsichtsratsposten vorschlagen und somit gegen Kramer kandidieren. Dass diese Kampfkandidatur erfolgreich ist, hält Peer Koch, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz in Bremen, allerdings für nahezu ausgeschlossen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Familie Fuchs einen Aktionärsvertreter in den Aufsichtsrat aufnimmt“, sagt er. „Besonders nicht, wenn er Guy Wyser-Pratte heißt.“ Die Kandidaten für den Aufsichtsrat werden durch die Hauptversammlung gewählt. Da die Familie Fuchs etwa 70 Prozent der OHB-Aktien hält, verfüge sie aber über die Stimmmehrheit. Da mache es auch kein Unterschied, dass Wyser-Pratte sein Aktienpaket zuletzt wieder vergrößert habe.

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Der Aktienbesitz verschafft Wyser-Pratte aber immerhin das Recht, an der Hauptversammlung in der kommenden Woche teilzunehmen. Dem „Handelsblatt“ sagte er, er würde gerne zu dem Aktionärstreffen im Bremer Technologiepark kommen, „um alles zu erklären“. Ob er seine Ankündigung auch umsetzt, ist nicht klar. Auf eine Anfrage des WESER-KURIER reagierte seine Investmentfirma nicht. Ein Sprecher von OHB sagte: „Sollte er Anteile besitzen, kann er natürlich zur Hauptversammlung kommen. Wir werden ihn willkommen heißen wie auch jeden anderen Aktionär.“ Dass Wyser-Pratte in einem Zeitungsartikel erklärt habe, er habe seine Anteile am Unternehmen erhöht, habe man bei OHB zur Kenntnis genommen. Eine Kontaktaufnahme per Brief wie im vergangenen Jahr habe es allerdings nicht gegeben.

Angriff auf die Führungsriege

Im August hatte Guy Wyser-Pratte mit einem öffentlichen Brief an das Bremer Weltraumunternehmen überrascht. Darin griff er die Firma und vor allem ihre Führungsriege frontal an. So stellte er infrage, dass die Geschäftsführung tatsächlich unabhängig arbeite. „Ich weiß, es gibt einen sogenannten unabhängigen Direktor, aber er scheint, wie die anderen, mit Ihrer Familie verbunden zu sein“, schrieb Wyser-Pratte. Auch zeigte sich der US-Investor verwundert angesichts des Alters der Vorstandskollegen von Fuchs. „Ist es zulässig, dass einer von ihnen vor zwei Jahren schon das Rentenalter erreicht hat?“, fragt er. Auch Fuchs‘ Mutter Christa, damals noch Aufsichtsratschefin, habe „bei allem Respekt“ mittlerweile ein fortgeschrittenes Alter erreicht. Wenige Woche später schrieb Wyser-Pratte dann einen zweiten Brief, in dem er seine Kritik wiederholte und sich selbst als Aufsichtsratsmitglied ins Spiel brachte.

Wyser-Pratte behauptete, zweitgrößter Anteilseigner zu sein, der nicht zu Familie Fuchs gehört. 2015 sei er bei OHB eingestiegen und habe für etwa 3,5 Millionen Euro ein Prozent der Aktien erworben. Vorstandschef Marco Fuchs reagierte gelassen, beantwortete die Fragen des Investors und schrieb: „Sie können sicher sein, dass der Vorstand sowie die gesamte Belegschaft des OHB-Konzerns jeden Tag sehr gewissenhaft an all diesen Themen arbeiten."

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Die vorerst letzte Nachricht von Wyser-Prattes geschäftlichem Ausflug nach Bremen kam im Dezember. Er habe den größten Teil seiner Aktien wieder verkauft, so Wyser-Pratte damals: „Ich habe 120 Prozent Gewinn gemacht.“ Bei seinem Einstieg habe der Kurs für eine Aktie bei 20 Euro gelegen, Anfang Dezember notierten die Papiere bei mehr als 43 Euro.

Es ist nicht das erste Mal, dass der 77-Jährige Unternehmen öffentlichkeitswirksam unter Druck setzt. Bei diversen Firmen wie Rheinmetall oder Cewe Color ist er in den vergangenen Jahren bei niedrigem Aktienkurs eingestiegen, um dann das Management zusammen mit unzufriedenen Kleinaktionären öffentlich anzugreifen und einen Umbau der Firmen zu fordern. Die Aktienkurse stiegen fast immer – und der Investor konnte seine Aktien mit Gewinn verkaufen.

Ob hinter dem erneuten Zukauf der gleiche Plan steckt, ist unklar. Sollte es so sein, hat er bislang allerdings noch nicht funktioniert. Seitdem Wyser-Pratte sein neues Investment in das Bremer Familienunternehmen öffentlich machte, hat die Aktie etwa einen Euro an Wert verloren.

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