Diskussion in der Uni Bremen Zahmes Duell zwischen Hickel und Lindner

Bremer Ökonom gegen FDP-Chef: Rudolf Hickel und Christian Lindner haben vor Bremer Studierenden diskutiert – und waren sich in vielen Punkten überraschend einig.
01.03.2019, 06:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Zahmes Duell zwischen Hickel und Lindner
Von Stefan Lakeband

Was könnte das für eine feurige Diskussion werden, wenn der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel, eher dem linken Lager zuzuordnen, Autor von Büchern mit Titeln wie „Zerschlagt die Banken“ und „Kassensturz. Sieben Gründe für eine andere Wirtschaftspolitik“ auf Christian Lindner trifft? Den Chef der FDP, einen Menschen, der schon mit Anfang 20 sein erstes Unternehmen gründete und heute gerne mit seinem schwarzen Porsche 911 SC durch Düsseldorf fährt. Gegensätze, wie sie stärker eigentlich nicht sein könnten. Potenzial für Konflikt, hitzige Diskussion oder wenigstens ein ordentliches Streitgespräch. Doch daraus wird nichts.

Trotzdem ist der Saal an diesem Donnerstag voll. Mehr noch: Etliche Besucher stehen auf den Gängen und verfolgen durch die geöffneten Türen die Diskussion, zu der der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Bremer Uni eingeladen hat. Sie sehen zwei Menschen aus verschiedenen politischen Lagern, die sich aber doch irgendwie einig sind, die schon oft zusammen auf dem Podium gesessen haben und sich mit einer Umarmung und zwei Rückenklopfern begrüßen.

Abneigung gegen wirtschaftliche Freiheit

Entsprechend charmant fällt auch die Einleitung von Hickel aus. „Die Menschen wollen wissen, was das eigentlich für ein Typ ist, der immer so alert daherkommt“, kommentiert der Bremer Ökonom den großen Andrang. Sagt dann aber auch: „Die Marktwirtschaft verliert immer mehr an Akzeptanz, weil vom wirtschaftlichen Aufschwung nicht alle gleichermaßen profitieren.“

Linder findet solche Diskussionen um Kritik am Kapitalismus „typisch deutsch“, zitiert den Philosophen Hegel und sieht eine generelle gesellschaftliche Abneigung gegen wirtschaftliche Freiheit. Die sei aber ein Grundbestandteil einer freien Gesellschaft. Denn einen demokratischen Sozialismus etwa könne es nicht geben. „Das ist wie ein vegetarischer Schlachthof.“

Lesen Sie auch

Trotzdem müsse etwas passieren, damit die Leute der Marktwirtschaft wieder mehr vertrauten. Der FDP-Chef fordert, die Regeln zu ändern, indem man etwa Freihandelsabkommen abschließt, aber auch den „Silicon-Valley-Plattform-Kapitalismus“ eingrenzt. Die Milliardenstrafe der Europäischen Union für Google sei da schon ein guter Anfang. „Wir brauchen den Staat als Schiedsrichter“, sagt Lindner. Er müsse dafür sorgen, dass große Internet- und Technikunternehmen nicht so mächtig würden, dass sie nicht mehr von Kleineren herausgefordert werden könnten. Hickel stimmt ihm zu.

Seine Worte unterstreicht Lindner mit präzisen Gesten: mal mit beiden Händen, mal mit einer Hand in der Tasche. Er macht Witze über „mittelmäßige Juristen“. Das Sakko hängt er schon gleich zu Beginn über die Stuhllehne.

"Es gibt nichts Sozialeres, als einen Job zu haben"

Dass der FDP-Politiker und Hickel aus unterschiedlichen Lagern kommen, wird trotzdem noch deutlich. Während der Ökonom davor warnt, dass in 20 bis 30 Jahren Menschen, die nicht privat vorgesorgt haben, im Alter wohl in Armut leben werden, appelliert Lindner daran, die „Aversion gegen den Kapitalmarkt zu überwinden“. Sein Vorschlag: Wer Geld in Aktien investiere, könne es vermehren und so verhindern, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergehe.

Auch was den Umgang mit Arbeitslosen angeht, hat Lindner eine klare Meinung. „Das größte Risiko für einen 55 Jahre alten Mann, der seinen Job verliert, ist, vier Jahre vom Staat versorgt zu werden.“ Deswegen ist der Rheinländer dagegen, dass ältere Menschen länger als bislang Arbeitslosengeld I beziehen sollen. Er würde die Mehrausgaben lieber dafür nutzen, mehr Personal in den Arbeitsagenturen einzustellen, um Menschen wieder schneller zu vermitteln. „Je länger jemand ohne Job ist, desto schwerer hat er es, einen neuen zu finden.“

Lesen Sie auch

Lencke Steiner, FDP-Fraktionschefin in der Bremischen Bürgerschaft, sieht das ähnlich. Sie sitzt zwischen Lindner und Hickel auf dem Podium und sagt: „Es gibt nichts Sozialeres, als einen Job zu haben.“ Denn er ermögliche Teilhabe. In Bremen sieht sie allerdings vor allem Probleme bei der Bildung. „Es darf nicht sein, dass wir uns schämen müssen, in Bremen zur Schule gegangen zu sein“, sagt sie.

Auch dazu hat Lindner eine dezidierte Meinung: „Bildung muss stärker Bundesaufgabe werden.“ In Nordrhein-Westfalen, wo Linders FDP 2017 an die Regierung gekommen ist, habe seine Partei unter anderem das Schulfach Wirtschaft eingeführt. Denn, sagt er, „es kann nicht sein, dass wir nach der Schule Gedichte in mindestens zwei Sprachen interpretieren können, unseren ersten Mietvertrag aber nicht verstehen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+