Landgericht Bremen Zehn Jahre Haft für Gewalttäter

Vor dem Landgericht Bremen ist am Donnerstag das Urteil gegen einen Mann ergangen, dem mehrere Straftaten vorgeworfen werden. Er muss für zehn Jahre in Haft.
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Von WK

Bis zuletzt streitet der Angeklagte alles ab. "Ich bin kein Brandstifter. Ich habe niemanden verletzt", schreit er, als er am Donnerstag in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird. Ein letzter Beleg für seine schwere paranoide Persönlichkeitsstörung, von der die Vorsitzende Richterin wenig später in ihrer über zwei Stunden dauernden Urteilsbegründung sprechen wird. Der 42-Jährige habe eine völlig verzerrte Realitätswahrnehmung. Und er sei gefährlich. "Sie haben vielen Menschen großes Leid zugefügt und eine Spur der Verwüstung hinterlassen." Zehn Jahre Haft lautet das Urteil. Außerdem wird seine Unterbringung in einer Psychiatrischen Klinik angeordnet.

Das Szenario, das sich der Polizei am 10. Februar dieses Jahres bietet, erinnert an einen Thriller im Fernsehen: Ein abgeschiedenes Fleckchen Erde an der Autobahn 27, unweit einer Mülldeponie. Ein Mann in einem weißen Schutzanzug hebt dort nachts mit einer Schaufel eine Kuhle aus. 1,60 Meter lang, 50 Zentimeter breit, 1,60 Meter tief. "Der perfekte Ort, um eine Leiche verschwinden zu lassen", wird später ein Polizist vor Gericht aussagen.

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Genau das hatte der Angeklagte vor, glauben die Richter. "Wir sind überzeugt davon, dass das ein Grab werden sollte." Immer wieder hatte der Mann seiner Tochter angekündigt, dass er ihre Mutter umbringen werde. Und es kurz vor seiner Entdeckung auch der von ihm 2013 geschiedenen Frau selbst angekündigt: "Du wirst ins Grab gehen."

Kuhle zufällig entdeckt

Dass es dazu nicht kam, sei allein der Polizei zu verdanken, betonte die Vorsitzende Richterin. Die Kuhle im Erdreich war Anfang Januar zufällig bei Bauarbeiten entdeckt worden. Die alarmierte Polizei observierte daraufhin den Ort. Über einen Monat lang, dann ging den Einsatzkräften der 42-Jährige in die Falle. Seine Erklärung für die nächtliche Buddelei: Er sammle Steine. Als die Polizei diese Sammlung sehen wollte, erzählte er, dass er die Steine in einer Tüte verwahre, die aber an einer Tankstelle verloren habe. Als die Polizei später in seiner Wohnung auf einen handgeschriebenen Zettel stieß – "10. Februar, Erde fertigmachen" –, beteuerte er, dass es sich dabei um eine Erinnerungsnotiz handele, die Erde für seine Balkonpflanzen fertigzumachen.

Es fällt schwer, den Mann auf der Anklagebank mit diesen Geschehnissen in Verbindung zu bringen. Der 42-Jährige ist gut gekleidet, hat eine gepflegte Erscheinung, die Vorsitzende Richterin beschreibt ihn als höflich, sehr diszipliniert und intelligent. "Ein kluger Kopf." Tatsächlich jedoch sei er schwer krank. Eine Zeit lang habe er dies mit ungeheuren Willenskraft kompensieren können. Doch als sein Leben mehr und mehr aus den Fugen geriet – die Scheidung von seiner Frau, der Sorgerechtsstreit um ihre gemeinsame Tochter – sei er dazu nicht mehr in der Lage gewesen. Seine paranoide Persönlichkeitsstörung habe die Oberhand gewonnen. Sein Misstrauen selbst gegenüber Menschen, die ihm helfen wollen, seine Tendenz, Dinge zu verdrehen, seine Verschwörungstheorien, dies alles verbunden mit einer stark ausgeprägten Selbstbezogenheit.

Für zahlreiche Menschen in seinem Umfeld hat das fatale Folgen. In erster Linie seine Ex-Frau, die er immer wieder bedrohte – "du wirst leidend sterben, du wirst bluten". Aber auch deren Familie – "ihr werdet brennen". Aber auch mehrere Juristen, die seinen Weg kreuzen: Der Wagen des Anwaltes, der ihn wegen einer anderen Sache in Bremen vertritt, geht in Flammen auf. Ebenso das Auto der Eltern dieses Anwalts. Als Nächstes brennt der Dienstwagen der Anwältin, die von Amts wegen als Interessensvertretung für seine Tochter eingesetzt wird. Und als der zuständige Familienrichter das Sorgerecht für die Tochter auf die Mutter überträgt, brennt wenig später mitten in der Nacht auch dessen Wagen. Bei diesem Brand kommt es beinahe zur Katastrophe. Das Feuer springt vom Carport auf das Wohnhaus des Richters über. Ein Nachbar, der nicht schlafen kann, bemerkt die Flammen und alarmiert die Feuerwehr. "Fünf Minuten später und Sie wären alle nicht mehr rausgekommen", sagt ein Feuerwehrmann dem Richter, der mit Frau und drei kleinen Kindern in letzter Sekunde dem Inferno entkommen kann.

Polizei findet zahlreiche Utensilien

Als seine Tochter ihm von einem Mann erzählt, der sie angeblich verfolgt, lässt sich der 42-Jährige den Mann zeigen, zieht eine Maske über und bringt ihn mit einem Messer fast um. Die Tochter wird dies später vor Gericht erzählen. Außerdem gibt es Tonaufnahmen, die seine Drohungen gegen seine Ex-Frau belegen. Und die Polizei findet bei ihm nicht nur zahlreiche Utensilien, die auch an den Tatorten seiner insgesamt sieben Brandstiftungen gefunden werden, sondern auch Notizen zu den privaten Verhältnissen mehrerer seiner Opfer. Trotzdem streitet der Angeklagte alle Vorwürfe ab. "Niemals", "stimmt nicht", "das ist nicht wahr", ruft er mehrfach während der Urteilsbegründung dazwischen.

Der Angeklagte wird zu zehn Jahren Haft verurteilt. Doch nach Auffassung des Gerichts stellt er eine Gefahr für die Allgemeinheit dar. Ohne medizinische Behandlung bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er seine Taten wiederholen würde, betont die Vorsitzende Richterin. Deshalb die Unterbringung in einer Psychiatrie. Seine Gefährlichkeit läge in seiner Krankheit begründet, sagt die Vorsitzende Richterin. Damit verknüpft ist die Hoffnung auf eine erfolgreiche Therapie. Ein ungutes Gefühl bleibt. "Dann sitze ich eben zwei, drei Jahre ab", hat der 42-Jährige einmal zu seinem Schwager gesagt, dessen Wagen er ebenfalls angesteckt hat. "Aber dann werde ich wieder euer Albtraum sein."

+++dieser Artikel wurde um 19.25 Uhr aktualisiert+++

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