Häusliche Pflege

Pflegedienst verzweifelt gesucht

Erika Frädrich aus Steden stößt bei der häuslichen Versorgung ihres schwerkranken Mannes an Grenzen. Seit einem Jahr organisiert sie die 80-Jährige die Pflege selbst, damit Helmut Frädrich nicht ins Heim muss.
02.11.2018, 21:49
Lesedauer: 6 Min
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Pflegedienst verzweifelt gesucht
Von Bernhard Komesker
Pflegedienst verzweifelt gesucht

Helmut und Erika Frädrich in ihrem Haus in Steden. Helmut Frädrich ist nach einem Herzinfarkt pflegebedürftig.

Maximilian von Lachner

Erika Frädrich aus Steden ist mit den Nerven am Ende: Sie sucht einen ambulanten Pflegedienst und findet keinen. Ihr Mann Helmut ist seit einem Herzinfarkt Anfang 2013 ein Pflegefall und kann seither nicht mehr laufen. Unterbrochen durch Reha- und Klinik-Aufenthalte, kümmert sich die 80-Jährige tagtäglich aufopferungsvoll selbst um ihren fast vier Jahre jüngeren Mann.

Zusammen wohnen die Senioren in ihrem Häuschen am Stedener See. Das haben sich die beiden vor Beginn ihres Ruhestands zugelegt, als sie noch bei der Bank arbeitete und er bei der Post. Die Wintermonate verbrachten sie in Spanien. Bis am 20. Januar 2013 alles anders wurde.

Vor diesem Schicksalstag hatte Helmut Frädrich das kleine Haus in der Feriensiedlung eigenhändig ausgebaut und eingerichtet. Und das wollen sie nun um keinen Preis aufgeben. Aus Sicht von Erika Frädrich ist das auch gar nicht nötig: Sie hat Rampen und eine ebenerdige Dusche einbauen lassen; rings um das Haus ist nun Pflaster statt Rasen.

Die Innentüren sind allerdings extrem schmal und auch im Schlafzimmer ist es sehr beengt, nur der Duschstuhl passt durch. Trotzdem sagt die Seniorin: „Ich brauche eigentlich nur jemanden, der mir meinen Mann morgens vom Bett aus in den Rollstuhl setzt und abends wieder zurück.“ Und jemanden, der auf ihren Mann aufpasst, wenn sie mit dem Auto zum Einkaufen fährt. Aber das sei schwieriger als vermutet.

Seit Ende 2017 hilft nur noch – oder immerhin – ein privates Netzwerk aus Freunden, Nachbarn und Bekannten bei der Bewältigung des Alltags. Der Umgang mit Urinalkondom, Magensonde und Kompressionsstrümpfen ist für Erika Frädrich und ihre ehrenamtlichen Helfer inzwischen selbstverständlich geworden. „Ich bin all diesen Menschen auf Knien dankbar, aber ich möchte sie nicht ausnutzen und nur die Bittstellerin sein.“ Schließlich hätten sie doch einen Anspruch auf Unterstützung durch die Kassen und den Staat. Ihr Mann habe eine Anerkennung nach Pflegestufe 3, heute Pflegegrad 5. „Dass man im Alter so mit Füßen getreten wird, hätte ich nicht gedacht.“

Bis November 2017 sah noch regelmäßig ein Pflegedienst nach Helmut Frädrich, der nach einer schweren Gehirn-OP zunächst im Koma lag und dann mühsam wieder das Sprechen lernen musste. Bis heute fällt es ihm schwer, sich Besuchern auf Anhieb verständlich zu machen. Aber er hat ja seine Erika.

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Sie sagt, die Fachpfleger im Haus am Barkhof in Osterholz-Scharmbeck hätten ihren Helmut damals „ganz gut wieder aufgebaut“. Über die Einrichtung könne sie nichts Schlechtes sagen, aber für sie sei das nichts. Und darum habe sie 2014 dann auch entschieden, Helmut zu sich nach Hause zu holen. Schließlich, so dachte sie, gebe es ambulante Dienste. „Ich weiß bis heute nicht, warum er in ein Heim sollte.“

Und obwohl damit die Schwierigkeiten begannen, habe sie die Entscheidung keine Sekunde bereut. Tatsächlich sei ihr Mann in den eigenen vier Wänden sogar zunächst regelrecht aufgeblüht. Inzwischen aber könne sie ihn nicht mehr eine Stunde alleine lassen. An den Rückschritten sei das Pflegesystem schuld, aber sie müsse sich nun vom Pflegestützpunkt sagen lassen, sie sei nicht kooperativ genug den Dienstleistern gegenüber. Frädrichs Wangen erröten vor Zorn.

Ja, sie hat sich gesträubt, als die Fachkräfte des ersten Pflegedienstes auf einem rückenschonenden Pflegebett bestanden. Das hätte nämlich nur im Wohnzimmer Platz gehabt. „Der Bettrahmen, den mein Mann hat, lässt sich genau so rauf- und runterfahren.“ Sie verstehe nicht, wo das Problem sei. Es half nichts: Der Dienstleister quittierte schon bald den Dienst. Sie hat später nochmal angefragt, aber dem Team fehlte wohl die Vertrauensbasis.

Apropos Vertrauen: Drei Monate lang folgte ein zweites Pflegeteam, aber das schrieb Rechnungen für nicht erbrachte Leistungen. Es ging um gut 1000 Euro pro Monat. Erika Frädrich zog vor Gericht und erreichte einen Vergleich, was ihr im Rückblick zu wenig scheint, aber: „Das Verfahren zog sich und ich hatte keine Kraft mehr für diesen Kampf.“

Die Verbreiterung der Außentür des Schlafzimmers musste sie unterdessen gerichtlich durchsetzen; die Kasse wollte lieber breitere Badezimmer-Zugänge, aber dann wäre nirgends mehr Platz für die WC-Schüssel geblieben.

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„Ich möchte einfach nicht, dass mein Mann seinen Lebensabend im Heim verbringen muss.“ Zumal sie mit stationären Einrichtungen auch schlechte Erfahrungen habe: Eine Klinik habe ihren Mann mit Tabletten sediert, was ihn bei Sprache und Gedächtnis zurückgeworfen habe; in einer Reha-Klinik zog er sich eine umfassende Keim-Infektion zu; und mal sei sie zu Unrecht eines Pflegefehlers bezichtigt worden, als ihr Mann eine Harnwegeentzündung hatte. Das aber könne nur auf das Konto eines dritten Pflegeteams gegangen sein, und als sie sich über fehlende Hygiene und Gründlichkeit beschwert habe, sei ihr der Vertrag gekündigt worden.

Bei einem vierten Team stimmte die Chemie nicht; ihr Mann sei da sehr ruppig angefasst worden. Das fünfte Team habe von vorneherein abgewinkt, weil es bei Frädrichs nur wenige abrechenbare Leistungen und noch dazu eine schlecht vergütete, weite Anfahrt gebe. Allerdings seien es nun mal 62 Fahrten pro Monat, das knappe Fachpersonal müsse wohl möglichst effizient eingesetzt werden.

Am längsten funktionierte es sechstens mit einem Pflegedienst aus Hambergen, aber der habe leider ohne weitere Angabe von Gründen gekündigt. Frädrich vermutet wirtschaftliche Motive und glaubt nicht an Personalmangel. Der neue Geschäftsführer aus Hannover, der ein halbes Dutzend Pflegeteams managt, habe wohl die Zügel des Betriebs straffer gezogen, der früher von einer Einzelkauffrau geführt worden war.

Seither muss sich Erika Frädrich ihre Hilfe per Pflegegeld von monatlich 901 Euro selbst organisieren, aber das sei kein Dauerzustand. „Ich weiß nicht, wie lange meine Kräfte reichen“, so die 80-Jährige. Als sie nun auch noch von der Kasse die Auflage bekam, die häusliche Situation alle drei Monate von einem anerkannten Pflegedienst kontrollieren zu lassen, um an das Geld heranzukommen, hielt sie das zunächst für einen schlechten Witz. „Mein Mann ist vier mal pro Woche bei der Therapie; die Ärztin ist sehr zufrieden mit uns.“

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Auf das Schreiben habe sie nicht reagiert. „Da bin ich bockig gewesen“, räumt die Stedenerin ein. Die Folge: Das Pflegegeld wurde zunächst halbiert und dann gar nicht mehr gezahlt. Frädrich gab nach und ließ sich begutachten; sie müsse aber seither regelmäßig nachfassen, um an das Geld zu kommen.

An den sogenannten Entlastungsbetrag von 125 Euro kommt die Seniorin gar nicht erst heran. Das Geld gibt es als Hilfe bei der Haushaltsführung – aber nur, wenn anerkannte Alltagsbegleiter und Betreuungsassistenten diese Leistungen erbringen. Und die arbeiten in der Regel nun mal bei ambulanten Pflegeteams. Ein Teufelskreis. Immerhin: Nun will die Kasse erst mal eine eigene Beraterin nach Steden entsenden.

„Unterirdisch niedrige Pflegesätze“
Hambergen. Hermann Wieters spricht von einem Skandal. Der noch amtierende Vorsitzende des Hamberger Seniorenbeirats hält den Fall von Erika Frädrich, die sich seit einem Jahr vergebens um einen ambulanten Dienst für ihren pflegebedürftigen Mann bemüht, für schier unglaublich. „Ein exemplarischer Fall, der so in einem zivilisierten Land nicht vorkommen darf“, wettert Wieters, der selten um markige Töne verlegen ist. Die Stedenerin habe sich an ihn gewandt, so der Beiratsvorsitzende, und er wolle gerne helfen. Etwa, indem er auf seinem Facebook-Portal Hermanns Corner den Fall unter Hamberger Klönschnack veröffentlicht.

Dort meldete sich Pflegedienst-Inhaber Ingo Knoop zu Wort, um seine Branche in Schutz zu nehmen. Ursache des Problems sind aus seiner Sicht die „unterirdisch“ niedrigen Pflegesätze in Niedersachsen für die ambulanten Dienste; diese Sätze verhinderten einen auskömmlichen Betrieb, wenn die Anbieter denn überhaupt genügend Arbeitskräfte finden. „Sicher darf das nicht auf dem Rücken der Betroffenen ausgefochten werden“, räumt der Leiter der Hauspflege-Profis aus Pennigbüttel ein. Alle Beteiligten sähen „nur die Profite ihrer Lobby“. Dafür aber seien nicht die Pflegekräfte haftbar zu machen, die ja selbst unter dem Kostendruck litten.

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Das gesellschaftliche Problem lasse sich nur politisch lösen, gegebenenfalls durch andere Mehrheiten, findet Knoop, der für sein Team keine Ressourcen sieht, den Frädrichs zu hefen. Er habe schon vor zehn Jahren die gesundheitspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen vor dieser Entwicklung gewarnt; einzig die Grünen habe es interessiert, sagt Knoop, der vor einigen Monaten auf einer Podiumsdiskussion mit Gregor Gysi eindrucksvolle Innenansichten eines sich verschärfenden Notstands geliefert hatte.

Ingo Knoop rechnet vor: Eine 20-minütige Anfahrt kostet den Arbeitgeber, selbst wenn er nur Mindestlohn zahle, 7,03 Euro fürs Personal – im Winter auch schon mal das Doppelte. Für diese 20 Minuten bekomme er aber nur 3,68 Euro als einfache Hausbesuchspauschale für Anfahrt und Dokumentation erstattet; bei erhöhtem Aufwand kann dieser Betrag 50 Prozent höher liegen, aber kostendeckend ist auch das bei Weitem nicht. Denn in dieser Berechnung seien seine Fahrzeugkosten noch gar nicht enthalten, betont Knoop, der selbst examinierte Fachkraft ist.

Die Eheleute Frädrich wohnen je neun Kilometer von Hambergen im Süden oder Beverstedt im Norden entfernt, nach Gnarrenburg oder Hagen ist es noch weiter. Hat die dünn besiedelte Fläche mit ihren weiten Wegen also gegenüber den Ballungsräumen das Nachsehen? Knoop sagt, das Problem trete auf dem Lande wohl verschärft auf: „Ich darf ja nur abrechnen, was vergütet wird.“ Betroffene seien aber auch die Zentren. Er selbst sei neulich nach Bremen gefahren, um einer Sterbepatienten einen Katheter zu legen. „Macht sonst keiner, lohnt sich nicht.“

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