Das Spiel meines Lebens Welche Bedeutung das Saisonfinale 1998 für Carsten Huning und den SV Bornreihe hat

Der bejubelte Aufstieg oder ein tränenreicher Abstieg, ein unvergessener Sieg oder die bittere Niederlage. In unserer Serie erinnern sich Sportler an den größten Moment ihrer Laufbahn. Heute Carsten Huning.
12.11.2020, 09:52
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Welche Bedeutung das Saisonfinale 1998 für Carsten Huning und den SV Bornreihe hat
Von Dennis Schott

Bornreihe. Wer hätte nicht gerne mit Carsten Huning getauscht? Einmal dabei sein auf der großen Fußballbühne. Am 21. Oktober 1987 war es soweit, 2. Runde im damaligen UEFA-Pokal, Spartak Moskau gegen Werder Bremen: Über 70 000 Zuschauer machten das Luzhniki-Stadion zu einem echten Hexenkessel. Auf Werders Bank saß ein 20-jähriger Torwart, der immer dann in den Profi-Kader rutschte, wenn einer der Stammtorhüter ausfiel. So auch an jenem tristen Oktoberabend, der im Zusammenhang mit dem Rückspiel noch in die Vereinsgeschichte eingehen sollte. Dem 1:4 in Moskau folgte in Bremen ein 6:2, das erste „Wunder von der Weser“ war geboren.

Beim Wunder selbst war Carsten Huning aber schon nicht mehr dabei. Oliver Reck, Jürgen Rollmann und auch noch Dieter Burdenski waren wieder fit. Carsten Huning, dem Stammkeeper der Amateure, blieb die ganzen Jahre über nur die Rolle des Notnagels vorbehalten. Fast hätte es auf diese Weise sogar für das Aufgebot des Endspiels im Europokal der Pokalsieger gegen den AS Monaco gereicht, als Ersatz für den rotgesperrten Oliver Reck herangezogen werden musste. „Aber in dem Jahr bin ich schon gewechselt, weil ich für die Amateure zu alt war. Florian Klugmann saß da auf der Bank, der war mein Nachfolger. Und eigentlich müsste zu dieser Zeit auch Frank Rost schon dagewesen sein. Eigentlich hat der mich verdrängt, auch zurecht. Fäustel war ein Guter, besser als ich“, erinnert sich Huning, der am Ende doch keinen Profieinsatz hatte.

Lesen Sie auch

Spiel im Fritz-Walter-Stadion

Dieser eine Abend in Moskau bleibt unvergessen, wie so viele Momente in den Jahren bei den Grün-Weißen. Mit der U17 von Werder spielte der junge Huning im Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern um die Deutsche Meisterschaft. „War auch ein echtes Erlebnis“, sagt der heute 53-Jährige rückblickend. „Aber wir haben verloren“, ergänzt Huning. Und in Moskau habe er nur auf der Bank gesessen. Zu wenig, um es als „Spiel des Lebens“ zu titulieren.

Es verwundert trotzdem schon sehr, dass ein Mann mit der Vita von 137 Einsätzen in der Fußball-Oberliga (der damals vierthöchsten Klasse) und derer zwei im DFB-Pokal das Spiel seines Lebens mit einem Bezirksligisten verbindet: dem SV Blau-Weiß Bornreihe. Carsten Huning war da schon Trainer. „Das wollte ich schon immer werden“, sagt er. Noch als Aktiver heuerte er beim TV Eiche Horn an, fungierte dort als Spielertrainer. Und nur ein Jahr danach ging es zum Oberligisten FC Oberneuland, wo er unter Wolfgang Sidka Co-Trainer war.

Lesen Sie auch

Dann kam auch schon der SV Bornreihe. In der Saison 96/97 war das. Dazu muss man wissen: Die „Moorteufel“ waren gerade in die Niederungen der Bezirksliga abgestiegen. Und Carsten Huning, damals nicht einmal 30 Jahre alt, war mit der nicht unwesentlichen Aufgabe betraut worden, den Verein zurück in die Landesliga zu führen. „Nach dem Abstieg war da ohnehin so eine Stimmung nach dem Motto: Bornreihe kommt nicht wieder hoch“, erinnert er sich. Zunächst sollten die Skeptiker Recht behalten. Im ersten Bezirksliga-Jahr wurde der SV Bornreihe nur Dritter. Als echter Aufstiegskandidat hatten sich die Blau-Weißen nicht wirklich herauskristallisiert.

„Wir waren einfach noch nicht so weit“, meint Huning rückblickend. Und eigentlich galt dies auch für die anschließende Saison, sagt er weiter. Da war der TSV Verden vollauf verdient Meister geworden und hatte damit den Aufstieg in der sicheren Tasche. Aber immerhin wurden die Bornreiher Zweiter und wahrten damit ihre Chance auf die Landesliga-Rückkehr. Dazu musste allerdings der SV Eintracht Lüneburg, der Bezirksliga-Zweite der anderen Staffel, im Entscheidungsspiel bezwungen werden. An diesem Junitag 1998, auf dem neutralen Platz in Sittensen, sollte letztlich etwas ganz Besonderes entstehen. Etwas, das Strahlkraft für die kommenden Jahre besaß.

Lesen Sie auch

Doch von vorne. „Die Ausgangsposition war so, dass wir gewinnen mussten. Wir mussten es einfach. An diesem Spiel hing so viel“, ruft sich Huning ins Gedächtnis zurück. Aber den Lüneburgern erging es nicht anders, und so entwickelte sich vor 700 Zuschauern, der Löwenanteil kam aus Bornreihe, ein wenig ansehnliches Fußballspiel. „Das Spiel war geprägt von Nickeligkeiten“, erinnert sich Huning vor allem an Klaus Wintjen, Bornreihes damaligen Goalgetter, der von seinem Gegenspieler immer wieder hart attackiert wurde und sich entsprechend hart zur Wehr setzte. „Die beiden haben sich ordentlich bearbeitet“, weiß der 53-Jährige noch heute. Kurz vor der Halbzeit sah der Lüneburger tatsächlich die Rote Karte, aber Bornreihes Trainer nahm seinen stark rotgefährdeten Stürmer noch vor der Pause vorsichtshalber ebenfalls vom Feld.

Mit der Überzahl konnten die Bornreiher aber nichts anfangen. Eine offensivere Ausrichtung verkniffen sie sich jedenfalls. „Wir wollten nur gewinnen. Nicht schöner oder offensiver spielen – einfach nur gewinnen“, so Huning. Zumal die Lüneburger auch mit zehn Mann gefährlich blieben. „Das Spiel war komplett ausgeglichen. Wir hätten jederzeit ein Tor machen können, Chancen hatten wir. Wir hätten aber genauso gut ein Tor kassieren können“, erzählt der Trainer. Carsten Huning erinnert sich noch gut, dass Verteidiger Marko Rebien bei einem Klärungsversuch fast ein Eigentor unterlaufen wäre. Knapp genug war’s, der Ball klatschte mit voller Wucht ans eigene Lattenkreuz.

Lesen Sie auch

Es blieb nach 90 Minuten beim 0:0, auch während der Verlängerung gaben sich die vermehrt auf Sicherheit bedachten Mannschaften keine Blöße. Somit musste das Elfmeterschießen über Wohl und Wehe des SV Bornreihe entscheiden. Ob er, der gelernte Torwart, seinem Schlussmann Ralf Wulf vorher noch ein paar Tipps auf den Weg gegeben habe? „Nein, ich habe ihn allein gelassen. Als Torwart ist man fokussiert“, erinnert sich Huning. Keeper Wulf avancierte schließlich mit zwei gehaltenen Elfmetern zum Matchwinner. Der Rest war Freude pur.

Aber noch viel mehr Erleichterung. Carsten Huning erinnert sich daran, dass die Bornreiher nach dem Spiel auf dem Platz noch ein Mannschaftsfoto machen wollten, Marko Rebien und Marc Wellbrock aber nicht auffindbar waren. Die beiden hatten sich – ergriffen von Emotionen – erst einmal in die Kabine verzogen, um das Ganze zu verarbeiten. Draußen lagen sich derweil die Fans und die Spieler in den Armen. „Es war alles in blau-weißer Hand, das war wirklich Wahnsinn. Und die ganzen Leute, die nach dem Schlusspfiff auf den Platz gelaufen sind“, so Huning. Noch einmal Wahnsinn.

Lesen Sie auch

Keine Frage: Dieses Spiel hat etwas ausgelöst. Wirklich erklären kann sich Carsten Huning das auch mit dem Abstand von über 20 Jahren nicht. Aber die Mannschaft, die im Kern zusammengeblieben war, fuhr in der darauffolgenden Saison tatsächlich die Meisterschaft in der Landesliga Lüneburg ein – als Aufsteiger und als „Abstiegskandidat Nummer eins“, wie Huning anfügt. „Die Mannschaft war im Flow, wie man heute so schön sagt“, so der 53-Jährige. Der Geist von Sittensen sollte die Bornreiher für Jahre beflügeln, letztlich war der Sieg gegen den SV Eintracht Lüneburg die Grundsteinlegung für eine bis heute ununterbrochene Landesliga-Zugehörigkeit. Für Carsten Huning war die Meisterschaft ein Jahr später ein Sprungbrett. Der FC Oberneuland ermöglichte es ihm, hauptamtlich als Trainer zu arbeiten. Sein Geld mit Fußball zu verdienen, davon hatte der Borgfelder immer geträumt. Beim Regionalligisten war er immerhin vier Jahre als Trainer und Sportlicher Leiter tätig. „Aber ich bin danach ja noch einmal nach Bornreihe zurückgekommen“, blickt Huning auf weitere, ebenfalls ausgesprochen erfolgreiche zweieinhalb Jahre zurück, die mit dem Aufstieg in die Niedersachsenliga gekrönt wurden. Aber das ist eine andere Geschichte.

Info

Zur Person

Carsten Huning (53)

war Zeit seiner aktiven Laufbahn Torwart. Bei seinem Heimatverein SC Borgfeld fing er an, ehe er in der C-Jugend zum SV Werder Bremen wechselte. Er durchlief alle Jugendstationen und war über Jahre fester Bestandteil von Werders Amateuren, die in der Oberliga, der damals vierthöchsten Liga in Deutschland, spielten. Danach ging er zum ambitionierten Verbandsligisten OT Bremen. Nach vier Jahren heuerte er als Spielertrainer beim TV Eiche Horn an, ein Jahr später war er unter Ex-Profi Wolfgang Sidka Co-Trainer beim FC Oberneuland. Von dort aus ging es zum SV Blau-Weiß Bornreihe in die Bezirksliga Lüneburg. Nach dem dritten Platz in der ersten Saison, folgte der Aufstieg in der zweiten Spielzeit. Als Aufsteiger feierte die Mannschaft in der Folgesaison sensationell die Meisterschaft und den Aufstieg in die Niedersachsenliga. Der FC Oberneuland meldete sich erneut, wo er für vier Jahre den Regionalligisten als Trainer und Sportlicher Leiter hauptamtlich übernommen hat. Es folgten „noch einmal zweieinhalb tolle Jahre in Bornreihe“, so Huning, der den Landesligisten in der Winterpause auf einem Abstiegsplatz übernahm und noch auf den dritten Platz führte. Im zweiten Jahr folgte die zweite Landesliga-Meisterschaft unter seiner Ägide. In der darauffolgenden Saison in der Niedersachsenliga wurden die Bornreiher Sechster. Nach zwei Jahren beim Oberligisten RW Cuxhaven kehrte Carsten Huning in den Landkreis Osterholz zurück. Insgesamt drei Jahre war er Trainer beim FC Worpswede, wo er in der ersten Saison den Landesliga-Aufstieg durch eine Niederlage im zweiten Entscheidungsspiel nur knapp verpasste. Auf ein komplett neues Abenteuer ließ sich der Ausbilder im Berufsbildungswerk Bremen beim Kreisligisten Barisspor ein, blieb dort aber nur eine Saison und legte danach eine Pause ein. Seit Winter 2019 trainiert der 53-Jährige die 2. Herren des SC Borgfeld. Carsten Huning ist seit 22 Jahren mit seiner Frau Susann verheiratet und hat zwei Söhne, Niklas (22 Jahre) und Lucas (19), die beide in seiner Mannschaft spielen.

Info

Zur Sache

Der bejubelte Aufstieg oder ein tränenreicher Abstieg. Ein unvergessener Sieg, oder die bittere Niederlage in letzter Sekunde. In unserer Serie „Das Spiel meines Lebens“ erinnern sich Sportlerinnen und Sportler an den größten Moment ihrer Laufbahn – ganz egal, ob positiv oder negativ.

Weitere Informationen

14. Juni 1998

Entscheidungsspiel um den Aufstieg in die Landesliga Lüneburg in Sittensen:

SV B.-W. Bornreihe - SV E.Lüneburg 4:2 (0:0, 0:0) n.E.

SV Bornreihe: Wulf; M. Ehrichs (80. Baake), Jacobs, C. Ehrichs (90. Becker), Matzke, Wellbrock, Rebien, Hinck, Wintjen (43. Meyer), Schoepe, Kück

Eintracht Lüneburg: Jünemann; Beyer, Knacke, Heringslack, Ossenkop, Doerr, W. Meyer, Doose (42. Gebhardt), Schirrmacher, P. Meyer, Geffert

Schiedsrichter: Volker Lau (Harburg)

Besondere Vorkommnisse: Rot für Beyer (Lüneburg)

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+