Regimekritik Worum es bei den Protesten im Iran geht

Im Iran protestieren tausende Menschen nach dem Tod von Mahsa Amini gegen das islamische System des Landes und deren systematische Diskriminierung. Wir klären die wichtigsten Fragen und Antworten.
28.09.2022, 15:18
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste
Worum es bei den Protesten im Iran geht
Von Jan-Felix Jasch
Inhaltsverzeichnis

Gewalt, Willkür und Proteste beherrschen seit Mitte September das Bild auf den Straßen der iranischen Hauptstadt Teheran. Mittlerweile protestieren Menschen auch in anderen Teilen des Landes gegen das herrschende Regime. Die Proteste werden gewaltsam niedergeschlagen: Laut iranischen Staatsmedien wurden bisher mindestens 40 Menschen getötet. Beobachter befürchten aber eine weitaus höhere Opferzahl. 

Warum protestieren Menschen im Iran?

Auslöser der Proteste ist der bisher ungeklärte Tod der 22-jährigen Iranerin Mahsa Amini in Polizeigewahrsam. Da Amini kurdische Wurzeln hatte und mit ihrer Familie in der Provinz Kurdistan lebte, gab es besonders in etlichen kurdischen Städten heftige Proteste sowie Auseinandersetzungen mit der Polizei. Mittlerweile gibt es auch weltweit Solidaritätskundgebungen. 

Lesen Sie auch

Amini war von der Sittenpolizei wegen eines Verstoßes gegen die strenge islamische Kleiderordnung festgenommen worden und am 16. September unter ungeklärten Umständen gestorben. Die Demonstranten sprechen von Polizeigewalt, die Behörden weisen dies entschieden zurück. Die Behörden behaupten, dass Amini wegen Herzversagens ums Leben gekommen sei.

Warum gibt es im Iran eine Sittenpolizei?

Die Guidance Patrol oder auch Mode- und Moralpolizei wurde 2005 ins Leben gerufen. Sie ist eine sogenannte islamische Religionspolizei. Ihre Aufgabe besteht darin, Personen festzunehmen, die sich nicht an geltende Kleidervorschriften halten. Die Angehaltenen werden zu Gefängnissen oder Polizeistationen gebracht und belehrt, wie man sich vorschriftsgemäß bekleidet. Fast immer werden sie am selben Tag freigelassen. Frauen müssen von ihrem Vater, Mann oder Bruder abgeholt werden. 

Mit dem Fall Amini sorgt die Sittenpolizei nicht zum ersten Mal für Schlagzeilen. Eine Patrouille hat auch transsexuelle Frauen belästigt, weil sie sich nicht an ihre Geschlechterrolle hielten. Als eine Transsexuelle im April 2018 geschlagen wurde, verweigerte ihr die Polizei Hilfe.

Wogegen richten sich die Proteste?

Mittlerweile haben sich die Proteste auf weite Teile des Landes ausgeweitet und finden auch international immer mehr Beachtung und Unterstützer – gerade in sozialen Netzwerken wurden Beiträge teilweise hundertfach geteilt und gelikt. 

Die Proteste richten sich gegen das islamische System des Landes und deren systematische Diskriminierung von Frauen. Regierung, Justiz und Sicherheitskräfte sehen hinter den Protesten vom Ausland bezahlte Söldner und wollen weiter hart durchgreifen.

Wie argumentiert das herrschende Regime?

Irans Präsident Ebrahim Raisi hat die regierungskritischen Proteste als Verschwörung gegen die politische Führung des Landes bezeichnet. „Das sind Verschwörungen der Feinde gegen Irans Führung, weil sie sich von der Dominanz, dem Einfluss und Fortschritt des Systems bedroht fühlen“, sagte der Präsident in einer Kabinettssitzung. Die neue Generation des Landes solle über diese Dominanz aufgeklärt werden und – anstatt zu protestieren – stolz auf diese Errungenschaften sein, so Raisi laut Webportal des Präsidialamts.

Wie reagiert das Regime?

Das iranische Regime geht mit aller Härte gegen die Demonstranten vor. Zeitgleich gehen die Streitkräfte auch gegen kurdische Gruppen vor. Truppen haben im Irak nach kurdischen Angaben Gebäude mit Raketen und Drohnen angegriffen. Dabei seien mindestens sieben Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt worden, berichtete die Nachrichtenseite „Rudaw“. Nach iranischen Angaben war es der dritte Angriff in der Region innerhalb von fünf Tagen auf Stützpunkte kurdischer Separatistengruppen, wie die Nachrichtenagentur Tasnim bekannt gab. 

Schon am vergangenen Samstag und Montag hatten die iranischen Revolutionsgarden kurdische Stützpunkte bombardiert und dies als „legitime Reaktion“ auf vorherige Angriffe kurdischer Gruppen auf iranische Militärbasen im Grenzgebiet gerechtfertigt. Irans Innenminister Ahmad Wahidi hatte zuvor einigen kurdischen Gruppen vorgeworfen, an den regierungskritischen Protesten der vergangenen Tage im Iran beteiligt zu sein. Angeblich soll es laut Regierung auch kurdische Waffenlieferungen an iranische Demonstranten in den Kurdengebieten gegeben haben. 

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+