Cannabis-Legalisierung Die Zukunft heißt Kush

Vor zehn Jahren erlaubte Colorado als erster US-Bundesstaat den Anbau, Verkauf und Konsum von Cannabis. Seitdem hat sich in den USA ein Flickenteppich an Gesetzen entwickelt.
15.08.2022, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Die Zukunft heißt Kush
Von Thomas Spang

Nirgendwo wächst Cannabis so gut wie im San Luis Valley. Davon mindestens ist Mike Biggio überzeugt, der vor sieben Jahren in das hochalpine Tal zwischen Denver und Santa Fe kam und Land aufkaufte. Viel Land. In dem 120 Seelen-Nest Moffat erwarb er 2018 zusammen mit einem Partner aus der Bauindustrie eine Fläche, die so groß ist wie 420 Fußballfelder. Diese teilte Biggio in Parzellen, die er für je eine Viertelmillion Dollar an unabhängige Marihuana-Unternehmer verkaufte.

Die bauen eine Cannabis-Sorte an, die sonst vor allem am Fuße des Hindukusch in Afghanistan prächtig gedeiht. Profis schätzen sie als Indica Kush oder Kush, wie die Hippies sie liebevoll tauften. Wie Biggio der örtlichen „Colorado Sun“ anvertraute, die ausführlich über den Cannabis-Visionär und sein Kollektiv Area 420 berichtete, gibt es neben gemeinsamen Einrichtungen, in denen Joints gerollt werden, demnächst eine Anlage zur Extraktion von Ölen und Wachsen. Nicht zu vergessen, der Direktvertrieb und eine Lounge für Liebhaber, die Mike Biggio in historischen Eisenbahnwagons eingerichtet hat.

Wie wirkt sich der Cannabisanbau auf die örtliche Wirtschaft aus?

Die grünen Waggons aus den 1930er-Jahren erinnern an die Ursprünge Moffats als Umschlagplatz für Rinder. Kaum zu glauben, dass der bis in jüngster Vergangenheit gottverlassene Ort im 19. Jahrhundert einmal fast dreitausend Einwohner zählte und als Hauptstadt Colorados im Gespräch war. Nun soll er wieder zum Zentrum einer Industrie werden, die den „Mile High“-Bundesstaat im Westen der USA seit der Legalisierung von Cannabis im Jahr 2012 verändert hat. Bei den 73 neu angesiedelten Betrieben handelt es sich laut Biggio um den größten Cannabis-Geschäftspark in den USA überhaupt. Ob das stimmt, lässt sich nur schwer überprüfen. Aber gewiss hat es der pfiffige Unternehmer verstanden, seine Vision den eher konservativen Einwohnern zu verkaufen.

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Biggio überzeugte den Verwalter von Moffat, Ken Skoglund, die Area 420 zu entwickeln. Es entstanden neue Straßen, Bewässerungsanlagen und Elektroanschlüsse für die Cannabis-Betriebe. Die neu angesiedelten Unternehmen ließen die Steuereinnahmen sprudeln. Im vergangenen Jahr flossen allein 400.000 Dollar in die Kassen der Gemeinde. Bürgermeisterin Cassandra Foxx ist dankbar für den Wandel, der Moffat „exponentielles Wachstum“ beschert habe. Deshalb unterstützt sie den Vorstoß Biggios, den Ort nach der Quelle des neuen Wohlstands umzubenennen – Kush. Wie das Napa Valley in Kalifornien für Wein stehe, so die Marketingidee, soll das San Luis Valley mit der beliebten Cannabis-Sorte in Zusammenhang gebracht werden.

Wie reagiert die Bevölkerung auf die Legalisierung?

Das geht selbst Verwalter Skoglund zu weit, der wie viele andere Einwohner die Cannabis-Unternehmen schätzen, aber an dem alten Namen festhalten wollen. Dies sei man allein schon den traumatisierten Veteranen des Afghanistankriegs schuldig, die nichts Positives mit Kush verbinden, argumentierten Kritiker bei einer Bürgerversammlung im Juli. Biggio lässt sich dadurch nicht entmutigen. „Die Opposition dagegen schwindet“, sagt er der örtlichen Zeitung. Der Justiziar Moffats habe schon einen Fahrplan vorgelegt, wie die Namensänderung zu erreichen sei.

Ein lokaler Konflikt, der im Kern für eine Erfolgsgeschichte steht, die auf das Jahr 2012 zurückgeht, als die Bürger Colorados bei einem Referendum mit 55 zu 45 Prozent für die Legalisierung von Cannabis stimmten. Gegen den Willen des damaligen Gouverneurs, dem Demokraten John Hickenlooper, als erster Bundesstaat in den USA und einer von zwei Staaten weltweit.

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Wie weit Colorado anderen voraus war, zeigt, dass Kalifornien vier und New York neun Jahre später mit der Legalisierung nachzogen. In insgesamt 18 Bundesstaaten und dem District of Columbia darf Marihuana heute frei konsumiert werden. In 37 Staaten geht das mit einer medizinischen Indikation. Überall sonst gibt es mehr oder weniger strikte Restriktionen, die allerdings kaum noch kriminell geahndet werden.
Wie damals in Colorado sind die Bürger auch heute vielerorts weiter als deren Regierungen. Laut einer Umfrage der Meinungsforscher von Gallup aus dem November des vergangenen Jahres sprechen sich mehr als zwei von drei Amerikanern für eine Legalisierung aus. Im Unterschied zu 2012 können die Nachzügler von den Erfahrungen lernen, die der Bundesstaat bei der Überführung eines Schwarzmarktes in die Geschäftswelt gemacht hat. Inklusive des Aufbaus eines Besteuerungssystems und der Regulierung durch die Gesundheitsbehörde.

Welche Fehler wurden in Colorado gemacht?

„Wir haben unsere Fehler gemacht“, räumt Andrew Freedman in den US-Medien ein, der als erster Marihuana-Koordinator Colorados vor der Aufgabe stand, den Wählerwillen umzusetzen. „Das war ein regulatorisches Rattennest“, erinnert er sich an das Ausbalancieren der Interessen zwischen skeptischen Politikern, ehrgeizigen Unternehmern, übervorsichtigen Wissenschaftlern und ungeduldigen Aktivisten. Es ging darum, den Anbau, die Verarbeitung und den Vertrieb zu regulieren, Steuersätze festzulegen und die Sicherheit der Produkte zu garantieren. Das alles vor dem Hintergrund, dass auf Bundesebene Cannabis eine verbotene Substanz bleibt, die auf einer Stufe mit Heroin steht. Bis heute können Cannabis-Unternehmen deshalb USA-weit keine Bankkonten betreiben und sind gezwungen, das gesamte Geschäft in bar abzuwickeln.

Als der 19-jährige Austauschstudent Levy Tamba im April 2014 mit einer Überdosis des Cannabis-Wirkstoffs THC vom Balkon eines Hotels in Denver in den Tod stürzte, fühlte sich Freedman herausgefordert. „Das war der schwierigste Anruf, den ich jemals erhalten hatte“, erinnert er sich an das Gespräch, in dem er von dem Unfall zehn Wochen nach dem legalen Verkaufsstart von Cannabis erfuhr. Es stellte sich heraus, dass der Student einen Keks gegessen hatte, der die sechsfache der empfohlenen Wirkstoffmenge an THC enthalten hatte.

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Der Fehler bestand in der ungenügenden Etikettierung, die auch bei anderen Konsumenten zu Problemen geführt hatte. Freedmans Team korrigierte das und gewann durch Transparenz Vertrauen zurück. Seitdem wuchs die Zahl der Konsumenten kontinuierlich. Heute gibt etwa einer von fünf Bürgern an, im zurückliegenden Monat Marihuana geraucht zu haben. Zu Beginn der Legalisierung waren es 13,5 Prozent.
Während der Covid-Lockdowns zählten die Läden, die Cannabis-Produkte verkauften, in Colorado wie Apotheken zu den unentbehrlichen Geschäften, die geöffnet bleiben durften. 2021 überschritten die Umsätze aus dem Verkauf von Marihuana allein in dem Bundesstaat zum ersten Mal die zwei Milliarden Dollar Grenze.

Wie gehen andere US-Bundesstaaten mit dem Cannabis-Anbau um?

Doch nicht überall lief es so rund wie in dem Staat in den Rocky Mountains. Das Gegenbeispiel in den USA ist Kalifornien, das aufgrund eines gesetzgeberischen Durcheinanders die legale Cannabis-Industrie in die Ecke gedrängt hat. Verbote auf der lokalen Ebene behindern das Wachstum der Betriebe und sorgen dafür, dass große Teile des Marktes illegal bleiben. Abzulesen ist das an den bisher bescheidenen Steuereinnahmen, die mit drei Milliarden Dollar seit 2016 im Vergleich zum deutlich dünner besiedelten Colorado gering ausfallen.

Dabei zeigen erste wissenschaftliche Befunde seit Beginn der Legalisierung in den USA vor zehn Jahren, dass nahezu alle Prognosen überzogen waren – im Guten wie im Schlechten. Laut einer viel beachteten Studie des „Cato Institute“ blieb der Drogen- und Alkoholkonsum in Staaten mit Cannabis-Freigabe weitgehend unverändert. Die Befürchtung, dass Konsumenten durch Marihuana-Konsum an härtere Drogen gelangen, konnte nicht bestätigt werden.

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Allerdings erfüllten sich auch nicht die rosigen Erwartungen in der Strafjustiz. Die Kriminalitätsrate sank nur unwesentlich. Auch die Kosten der Strafverfolgung blieben konstant. Bei den Arbeitsplätzen gab es einen Zuwachs, der branchenbezogen hoch, gemessen an dem gesamten Arbeitsmarkt aber bescheiden ausfällt. Im vergangenen Jahr wurde ein Zuwachs um ein Drittel auf fast 430.000 Beschäftigte in der amerikanischen Cannabis-Industrie registriert.

Welche Auswirkungen hatte die Freigabe auf die Steuereinnahmen?

Die Steuereinkünfte übertrafen die Erwartungen. Je nach Bundesstaat und Produkt fällt die Besteuerung unterschiedlich aus. Zwischen zehn und zwanzig Prozent kassiert der Fiskus, wenn Joints, Haschkekse, Lollipops oder Öle legal verkauft werden. Cannabis ist in den USA heute ein von Experten auf 25 Milliarden Dollar geschätzter legaler Markt, der bis zum Ende des Jahrzehnts auf 40 Milliarden Dollar anwachsen dürfte.

Der Gründer des Cannabis-Kollektivs Area 420 in Moffat, Colorado, sieht sich gut positioniert, weiter zu wachsen. Wenn Mike Biggios Vision aufgeht, „werden wir ein Modell haben, das sich vervielfältigen lassen sollte“. Er sei bereits in Kontakt mit Politikern auf den Jungferninseln, die an einem Kollektiv wie im San Luis Valley interessiert seien.

Den Einstellungswandel in den USA illustriert Biggio gegenüber der „Colorado Sun“ an seiner persönlichen Lebensgeschichte. Dass er heute legal sein Geld damit verdient, wofür er in der Vergangenheit acht Jahre hinter Gitter verbüßte, sei „ziemlich cool“. Alles, was zu seinem Glück noch fehlt, sei der Beschluss der 120-Seelen-Gemeinde, sich in Kush umzubenennen. Dies habe nebenbei den Vorteil, so Biggio, dass Touristen den Ort nicht mit einem Regierungsbezirk weit im Norden von Colorado verwechselten, der nach demselben Eisenbahntycoon benannt sei. Dies sei die einmalige Chance, den Aufbruch hervorzuheben. Die neuen Pioniere von Moffat seien die Cannabis-Unternehmer und Kush deshalb der richtige Name.

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