Reaktionen aus dem Inland und Ausland Pressestimmen zum antisemitischen Angriff in Halle

Der antisemitische Angriff ist sowohl bei deutschen als auch bei internationalen Zeitungen Thema in den Kommentarspalten. Wir zeigen eine Auswahl.
10.10.2019, 13:04
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste

"New York Times":

„Ein schwer bewaffneter Schütze mit einer Live-Stream-Helmkamera versuchte am Mittwoch, eine Synagoge in Ostdeutschland zu stürmen, während Gläubige den heiligsten Tag im Judentum begingen. Abgehalten von einer verschlossenen Tür tötete er draußen zwei Menschen und verwundete zwei weitere in einem antisemitischen Amoklauf, der den Beigeschmack von rechtsextremem Terrorismus hatte. Stunden später verkündete die Polizei die Festnahme eines Verdächtigen in dem Fall der Stadt Halle - aus einer ganzen Reihe von Angriffen auf Juden in Deutschland in jüngster Zeit war dieser einer der schamlosesten. (...)

In den vergangenen Wochen hat es in Deutschland, wo Antisemitismus ein besonders sensibles Erbe der NS-Zeit ist, eine Reihe kleinerer Angriffe auf Juden gegeben. Herr Seehofer hat in diesem Jahr den sprunghaften Anstieg antisemitischer Angriffe verurteilt. Sie reichen von Vandalismus bis hin zu Angriffen auf Menschen, die sichtbare Symbole ihres Glaubens trugen.

"Haaretz" (Israel):

„Die Schüsse auf die Synagoge in Ostdeutschland waren nicht nur ein antisemitischer Angriff. Es war auch ein Angriff auf Einwanderung (...). Das Hauptziel des Angreifers in Halle waren Juden in einer Synagoge an Jom Kippur. (...) Und wie wir am Mittwoch in Halle gesehen haben, rettet die erhöhte Sicherheit an den Synagogen Leben. (...)

Es handelt sich hierbei nicht um organisierte oder zum Teil organisierte Netzwerke. Sondern um eine Ideologie. (...) Die Erklärung des Angreifers in Halle ist fast identisch mit der des Angreifers, der vor fast einem Jahr in einer Synagoge in Pittsburgh 11 Juden ermordete oder des Täters von Christchurch, Neuseeland, der bei einem Massaker in einer Moschee im März 51 Muslime beim Gebet tötete. Es handelt sich um eine globale, rassistische White- Supremacy-Ideologie (Vorherrschaft von Weißen), die liberale Offenheit gegenüber Einwanderern, gegenüber Frauen- und Schwulenrechten sowie Toleranz gegenüber Minderheiten als Bedrohung für die weiße Rasse . (...)

Um einen neonazistischen Angriff durchzuführen, ist keine Terrorinfrastruktur erforderlich. Die Täter sind einheimische weiße Männer voller Feindseligkeit und Frustration, angestachelt nicht nur von rechtsextremen Internetseiten und Literatur, sondern auch von angeblichen Mainstream-Politikern, allen voran Präsident Donald Trump.“

"La Repubblica" (Italien):

„Er stand einen Schritt davor, die europäische Geschichte durcheinander zu wirbeln. Nur eine gepanzerte Tür hat Stephan Balliet daran gehindert, das jüdische Fest Jom Kippur in Blut zu tauchen und die dramatischste Wunde der deutschen Identität wieder zu öffnen. Auch wenn es sein Hauptziel verfehlt hat, bedeutet das gestrige Attentat auf die Synagoge von Halle ein Signal, das nicht länger ignoriert werden kann: Das Feuer der Intoleranz ist zurückgekehrt, um in unseren Ländern mit einer nie zuvor gesehenen Gewalt zu brennen. Das von Halle ist kein Einzelfall. Und man kann es nicht auf eine Episode des Wahnsinns reduzieren. Wir stehen stattdessen vor der schwersten Bedrohung unserer Demokratien: Im Gegensatz zum islamischen Terrorismus kommt sie nicht aus äußeren Welten. Sie ist die Frucht von etwas, das im Tiefen der europäischen Gesellschaft lebt und das rasch die Antikörper abtötet, die sich nach dem Blutbad des Zweiten Weltkriegs entwickelt haben.“

Lesen Sie auch

"Leipziger Volkszeitung":

In Halle betreibt die Identitäre Bewegung mitten in der Stadt ein Haus - jene Identitäre Bewegung, die das Bundesamt für Verfassungsschutz im Sommer als eindeutig rechtsextrem eingestuft hat und die unter anderem Kontakte zu Teilen der AfD unterhält. In Sachsen-Anhalt - genauer: in Tröglitz - war es auch, wo im Frühjahr 2015 eine Flüchtlingsunterkunft brannte und der tapfere Bürgermeister Markus Nierth zurücktrat. Die Landesregierung hat die Gefahren von rechts später immer mal wieder unter dem Eindruck des Erstarkens der AfD relativiert - fatalerweise. Was für Halle gilt, gilt für das ganze Land. Die Militanz der rechtsextremistischen Szene wächst. Sie tritt immer unverhohlener auf und sickert teilweise sogar in die Sicherheitsbehörden ein.

"Die Welt":

Etwa 100 Jüdinnen und Juden mussten in der Stadt an der Saale um ihr Leben bangen, weil sie miteinander beten wollten. Jüdische Einrichtungen werden seit langer Zeit in Deutschland schwer bewacht. Der Terrorangriff von Halle zeigt, wie bitter nötig das ist. Wir wissen noch nicht, welche genauen Motive die Täter zu diesem Amoklauf bewegt haben. Aber wir können eins und eins zusammenzählen. Das Ziel der Attacke war ein jüdisches Haus. Was sich in Halle abgespielt hat, war ein antisemitischer Terroranschlag. Das alles geschieht in Deutschland im Herbst 2019. Es reicht. Vor 30 Jahren haben 70.000 Leipziger ihre Angst überwunden und der Diktatur getrotzt. Die Angst wechselte die Seiten. Diesen Mut brauchen wir heute wieder. Das beste Deutschland, das wir je hatten, ist in großer Gefahr.

"Rheinische Post":

Abscheulich ist die Bluttat von Halle an jedem Tag. Am heiligsten Tag des jüdischen Kalenders in eine Synagoge eindringen und ein Massaker unter den vielen dort betenden Gläubigen verüben zu wollen, erinnert an die schlimmsten Auswüchse menschenverachtender ideologischer Rassenhass-Verblendung. (...) Gerade angesichts der apokalyptischen Verbrechen, die der Nationalsozialismus im deutschen Namen an den europäischen Juden verübt hat, muss Halle einen Einschnitt in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus bedeuten. Einschlägige Taten zu registrieren, die Täter, so die Behörden sie denn fassen, zu bestrafen und Jahr für Jahr an Gedenktagen ein „Nie wieder“ zu beteuern - das reicht nach Halle nicht mehr aus. (dpa)

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+