Zum Tod des US-Senators John McCain: Kriegsheld und Parteirebell

Aufrechter Parteirebell, Kriegsheld, hochgeschätzter Experte: An US-Senator John McCain hafteten viele Etiketten. Aber er hatte auch seine Widersprüche.
26.08.2018, 10:31
Lesedauer: 6 Min
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Von Thomas Spang

Um John McCain trauern nicht nur Republikaner. Der konservative Senator aus Arizona gehörte zu den wenigen Ausnahmen im polarisierten Politbetrieb der USA, die über die Parteigrenzen hinweg Anerkennung genießen. Ein Außenseiter im besten Sinne des Wortes, der Respekt dafür verdiente, das Trauma von fünf Jahren Gefangenschaft in Nordvietnam inklusive Isolationshaft und Folter ungebrochen weggesteckt zu haben.

Freunde und Kollegen im Senat sahen McCains zuletzt in der Rolle des „Elder Statesman“, der als Gegenmodell der traditionellen Republikaner zu dem sprunghaften Präsidenten diente. Als er sich im Juli 2017 für einen operativen Eingriff aus dem Senat abmeldete, fehlte plötzlich eine gewichtige Stimme. Was zunächst nach einem Blutgerinnsel über dem linken Auge aussah, entpuppte sich als Glioblastom, ein aggressiver Gehirntumor dem sein Freund, Senator Ted Kennedy ein paar Jahre vor ihm erlegen war.

Selbst bei bester medizinischer Behandlung geht die Prognose nicht über 15 Lebensmonate hinaus. McCain unterzog sich Chemotherapien und ließ sich, immer noch klar bei Verstand, im Rollstuhl in den Senat fahren. Die ehemaligen demokratischen Präsidenten Bill Clinton und Barack Obama munterten ihn auf. „Der Krebs weiß noch nicht mit wem er es zu tun hat. Zeig‘s ihm John.“

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Unmittelbar nach seiner Krebsdiagnose hielt McCain eine bemerkenswerte Rede, die zu einem Credo seiner Ausnahme-Karriere geriet. „Welcher größeren Idee können wir zu dienen hoffen, als dazu beizutragen, dass Amerika das starke, inspirierende Leuchtfeuer der Freiheit bleibt, der Verteidiger der Würde aller Menschen und ihres Rechts auf Freiheit und gleiche Rechte?“, so McCain ebenso leidenschaftlich wie Trump-kritisch.

Dessen „America-Zuerst“-Patriotismus verurteilte er als „halbgaren, unechten Nationalismus, der von Leuten ausgeheckt wurde, die lieber Sündenböcke finden, als Probleme zu lösen.“ McCain war nie ein Fan von Trump. Widerwillig beugte er sich im Wahlkampf 2016 anfangs der Parteiräson. Als dann die Videomitschnitte von „Access-Hollywood“ ans Tageslicht kamen, in denen Trump damit prahlte, Frauen sexuell belästigt zu haben, kündigte McCain seine halbherzige Unterstützung ganz auf.

Trumps Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Legendär ist Trumps verächtlicher Kommentar über McCains Vietnam-Gefangenschaft. „Ich mag Menschen, die nicht gefangen genommen wurden, okay?“, twitterte Trump, der niemals die Uniform getragen hatte. „Ich habe härteren Gegnern gegenüber gestanden,“ konterte McCain.

Kriegsgefangenschaft bei den Vietcong

John Sidney McCains Soldaten-Vita kündigte sich schon mit der Geburt am 29. August 1936 auf der US-Militärbasis Coco Solo in Panama an. Er ist sowohl Sohn als auch Enkel von Vier-Sterne-Admirälen. Der Familientradition folgend besuchte er die prestigeträchtige Marineakademie in Annapolis und stieg zum Marinepiloten auf. Als die USA ihr Militärengagement in Vietnam verstärkten, meldete er sich für Kampfeinsätze.

Bei einem Bomberangriff am 26. Oktober 1967 über Hanoi geriet sein Flugzeug unter gegnerisches Feuer. Abgeschossen und schwer verwundet wachte McCain in nordvietnamesischer Gefangenschaft wieder auf. Fünfeinhalb Jahre erduldete er die Kriegsgefangenschaft bei den Vietcong. Die schweren Folterungen hinterließen Spuren bis an sein Lebensende.

Nur mit großer Selbstdisziplin konnte er später die körperlichen Behinderungen kaschieren. Als Sohn eines US-Admirals sollte er vorzeitig entlassen werden, was McCain als Propagandaerfolg des Feindes ablehnte. Dennoch ließen ihn die Nordvietnamesen am 14. März 1973 frei. Mit Ehrungen hoch dekoriert verließ er 1981 im Rang eines Hauptmanns die Army, um in die Politik einzusteigen.

Seine Vietnam-Erfahrungen haben McCains Sicht auf die Rolle Amerikas in der Welt stark geprägt. James Jeffrey, der unter dem Präsidenten George W. Bush als stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater diente, meint, McCain könne glaubwürdig den Standpunkt vertreten, Amerikas müsse zur Verteidigung der Freiheit auch bereit sein, von seiner Militärmacht Gebrauch zu machen. „Kaum jemand unter Washingtons Politikern hat mehr mit Blut gezahlt als er.“

McCains Politikkarriere begann 1983 als er für die Republikaner ins Repräsentantenhaus einzog. Schon vier Jahre später wechselte er in den Senat und vertrat dort seine Wahlheimat Arizona. Während seiner langen Zeit als Senator wurde McCain zur führenden Figur seiner Generation in außen- und verteidigungspolitischen Fragen.

Nachdem Berichte über Gefangenenmisshandlung und den Gebrauch brutaler Verhörmethoden aus Irak an die Öffentlichkeit kamen, setzte sich das Folteropfer McCain an die Spitze einer Bewegung im Kongress, die darauf abzielte, Folter gesetzlich zu verbieten. Mit großer Leidenschaft und Überzeugungskraft überzeugte er seine Kollegen, der Regierung Grenzen zu setzen.

Programmatisch flexibel

Terroristen hielt auch McCain für grundsätzlich böse. Doch im Kampf um die Werte müssten Menschenrechte eingehalten werden, argumentierte er, „ganz gleich, wie schrecklich unsere Gegner auch sein mögen“. Das Folterverbot ging mit 90 zu neun Stimmen durch den Senat. Mit George W. Bush, der auf der anderen Seite der Debatte stand, verband ihn seit den Vorwahlen 2000 ein schwieriges Verhältnis.

McCain verlor überraschend in New Hampshire gegen seinen Parteifreund und konnte am Ende nur sieben Staaten für sich gewinnen. Von den Partei-Oberen wenig unterstützt, stand er kurz davor, die Republikaner zu verlassen. 2008 wollte McCain es noch einmal wissen. Er sicherte sich die Nominierung der Republikaner, war dann aber Leidtragender der Wirtschaftskrise, die die Finanzmärkte an den Rand des Zusammenbruchs führte.

Die Amerikaner wollten keinen weiteren Republikaner im Amt haben. Auch deshalb verlor er gegen den charismatischen Barack Obama. Programmatisch zeigte sich John McCain als Senator und Präsidentschaftskandidat mitunter flexibel. Immer wieder leistete er sich die Freiheit, von der offiziellen Linie seiner Grand Old Party (GOP), der Republikaner, auszuscheren.

Zunächst gehörte er lange dem Partei-Mainstream an, ab den 1990er Jahren vertrat er insbesondere innenpolitisch liberale Positionen. Ein Grund, warum ihn das rechte Partei-Establishment 2000 für nicht konservativ genug hielt, um ins Weiße Haus einzuziehen. Nach seiner Wahlniederlage gegen Obama justierte er sich politisch neu und vollzog einen spürbaren Rechtsruck.

2010, so das National Journal, gehörte er im Kongress zu den sieben Senatoren, deren Stimmverhalten das konservativste Spektrum abdeckte. McCain scheute nie davor zurück, schwierige außenpolitische Fragen zu stellen und offen seine Meinung zu sagen. Das bekamen nicht nur die Demokraten zu spüren, sondern auch seine eigene Partei.

Zum Beispiel war McCain grundsätzlich für den US-geführten Einmarsch im Irak unter Präsident Bush junior, kritisierte den Krieg aber später als Kette von Fehlern. Für Präsident Bill Clinton spielte er eine wichtige Rolle bei der Unterstützung eines militärischen Einsatzes im ehemaligen Jugoslawien. 2006 wollte er einen US-Einsatz im Iran als letzte Möglichkeit nicht ausschließen.

"Wir müssen die harte Arbeit tun, die unsere Bürger von uns erwarten"

McCain war immer ein starker Befürworter der NATO und galt in außenpolitischen Fragen als Falke, etwa hinsichtlich des militärischen Wiederaufstiegs Russlands unter Präsident Putin oder der russischen Annexion der Krim. Aber er war auch bereit zum Frieden. Unter anderem spielte er eine entscheidende Rolle bei der Wiederannäherung an Vietnam

.Eine der wichtigsten Entscheidungen als Senator hatte nichts mit Außen- oder Sicherheitspolitik zu tun. Die traf er im Sommer 2017 kurz nach der Diagnose seines Gehirntumor. In einer nächtlichen Sitzung des Kongresses rettete McCain mit seiner Stimme die allgemeine Krankenversicherung „Obamacare“. McCains Schritt bereitete der republikanischen Parteiführung und Präsident Trump damit eine peinliche Niederlage. Und rührte den demokratischen Minderheitsführer im Senat, Chuck Schumer zu Tränen.

In einer Stellungnahme nach seiner Stimmabgabe im Kongress beklagte sich McCain bei seiner eigenen Partei, sie sei nur auf die Abschaffung von „Obamacare“ aus, ohne etwas Besseres als Alternative anbieten zu können. „Wir müssen die harte Arbeit tun, die unsere Bürger von uns erwarten und die sie auch verdienen.“

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Und noch etwas schrieb er seiner republikanischen Partei und dem Präsidenten, ohne ihn zu nennen, ins Stammbuch: „Hört auf, den aufgeblasenen Maulhelden im Radio und im Fernsehen und im Internet zuzuhören. Zur Hölle mit ihnen. Sie wollen dem Gemeinwohl nichts Gutes. Unser Unvermögen ist ihre Existenzgrundlage.“

Für viele Deutsche –insbesondere für Angela Merkel – wird der unkonventionelle Kriegs- und Politveteran in besonderer Weise in Erinnerung bleiben. Nicht nur wegen seiner unzerbrechlichen Treue zur NATO. Als 2013 im Rahmen der Spionageaffäre herauskam, dass die USA das Handy der Bundeskanzlerin abgehört hatten, forderte McCain eine Entschuldigung Obamas bei Merkel.

Der unbestechliche Charakter McCains zeigte sich mitten im knallharten Kandidaten-Duell 2008. Er nahm einer Frau bei einer Wahlkampfveranstaltung drei Wochen vor der Wahl das Mikrofon aus der Hand, als diese Obama mit rassistischen Untertönen denunzierte. „Nein, nein“, erwiderte McCain, „er ist einehrenwerter Familienvater, ein Bürger, mit dem ich nur gerade ernste Meinungsverschiedenheiten in wichtigen Fragen habe“. Mit dem Tod des anständigen Senators geht auch ein Stück Zivilisiertheit in der amerikanischen Politik zu Ende. McCain hinterlässt ein Vakuum, das nur schwer zu füllen sein wird.

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