Kommentar zu Trumps Erkrankung Im Virus liegt die Wahrheit

Misstrauen gegenüber dem Weißen Haus, die eigene Partei lahmgelegt: Die Erkrankung an Covid-19 droht dem US-Präsidenten persönlich wie politisch zum Verhängnis zu werden, urteilt US-Korrespondent Thomas Spang.
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Im Virus liegt die Wahrheit
Von Thomas Spang

Dem Leibarzt des Präsidenten rutschte die Information eher beiläufig aus dem Mund. Der Patient habe die Covid-19-Diagnose „vor 72 Stunden“ erhalten, verriet Sean Conley am Sonnabend, während er die Öffentlichkeit über den Zustand Trumps informierte. Dieser war am Freitagnachmittag mit dem Helikopter „Marine One“ ins Walter-Reed-Militärkrankenhaus vor den Toren Washingtons geflogen worden.

Conley verstärkte mit diesem Detail das Misstrauen gegenüber der Geheimniskrämerei des Weißen Hauses. Hatte der Präsident die Amerikaner über seine eigene Diagnose belogen?

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Trump hatte in der Nacht zum Freitag via Twitter verkündet, er sei an Covid-19 erkrankt. Tatsächlich wusste er das laut Conley schon seit Mittwoch. Dass ein frisch infizierter Patient binnen weniger Stunden so schwere Symptome entwickelt, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, halten Experten für unglaubwürdig.
Weder der Leibarzt noch das Weiße Haus wollen sagen, wann der Präsident zum letzten Mal ein negatives Ergebnis erhielt: unmittelbar vor der Debatte, wie versprochen, oder weiter zuvor? Das ist keine Kleinigkeit, sondern führt zum Kern des Problems. Entweder hielt sich Trump nicht an das Versprechen, sich vor dem Aufeinandertreffen mit dem 77-jährigen Joe Biden testen zu lassen oder er trat mit vollem Wissen infiziert auf die Bühne von Cleveland.

Wenn Conleys Chronologie stimmt, setzte der Präsident am Mittwoch auf jeden Fall jene Mitreisenden im Präsidenten-Flugzeug „Air Force One“ einem Infektionsrisiko aus, die mit zu einer Kundgebung in Minnesota flogen. Ganz zu schweigen von den Spendern, die Trump am Donnerstag in seinem Golfclub von Bedminster empfing. Damit könnte nicht nur die rechte Hand des Präsidenten, Hope Hicks, sondern auch der Präsident höchstpersönlich der Superspreader sein.

Die Gefahr ignorieren, verharmlosen und vergessen machen

Das Weiße Haus versuchte einmal mehr, die Amerikaner hinters Licht zu führen – wie seit Beginn der Covid-19-Krise, deren Gefährlichkeit Trump laut Eingeständnis gegenüber Watergate-Reporter Bob Woodward bewusst herunterspielte. Dabei ging es dem Präsidenten weniger darum, Panik zu vermeiden, als seine Aussichten auf eine Wiederwahl zu sichern. Trump dachte im Großen wie im Kleinen, er könne die Gefahr ignorieren, verharmlosen und vergessen machen.

Wider besseres Wissen drängte Trump auf die übereilte Öffnung von Wirtschaft und Schulen, propagierte Wundermittel, unterminierte seine eigenen Experten, manipulierte die Gesundheitsbehörden, politisierte das Tragen von Masken und tat so, als sei die Pandemie ein großer Betrug, der ihn um seine Präsidentschaft bringen soll.

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Damit schuf Trump in seinem Umfeld eine Kultur der Selbstherrlichkeit, in der es zum guten Ton gehörte, den Rat von Wissenschaftlern zu ignorieren und auf Schutzmaßnahmen zu verzichten. Zum Beispiel bei der Nominierung der Verfassungsrichterin Amy Coney Barrett am Samstag vor einer Woche: Die Veranstaltung in und vor dem Weißen Haus steht nun im Verdacht, ein Superspreader-­Event gewesen zu sein.

All das droht dem Präsidenten zum Verhängnis zu werden – politisch und persönlich. Vier Wochen vor der Wahl legt Covid-19 nicht nur Trump, sondern die Republikaner insgesamt lahm. Auch die Parteichefin Ronna McDaniel, sein Wahlkampfchef Bill Stepien, seine Beraterin Kellyanne Conway, sein Debatten-Trainer Chris Christie sowie drei Senatoren sind positiv getestet. Damit gerät auch Zeitplan der Bestätigung der Verfassungsrichterin durch den Kongress ins Wanken.

Eine handfeste Vertrauenskrise in die Regierung

Die Folge der Covid-19-Erkrankung von Donald Trump ist eine handfeste Vertrauenskrise in die Regierung. Jenseits seiner Anhängerschaft hat der US-Präsident angesichts von mehr als sieben Millionen Infizierten, fast 210.000 Toten und einer abgestürzten Wirtschaft in den Vereinigten Staaten selbst jede Glaubwürdigkeit verloren.

Trump hat bessere Aussichten, von seiner Infektion zu genesen, als Covid-19 am Wahltag politisch zu überleben. Im Virus liegt die Wahrheit.

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