Vor dem Parteitag der US-Demokraten

Die Vereinigten Demokraten von Amerika

An diesem Montag beginnt der Parteitag der US-Demokraten. Linke und Realos stehen gegen Trump geschlossen hinter dem designierten Präsidentschaftskandidaten Joe Biden.
17.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Die Vereinigten Demokraten von Amerika
Von Thomas Spang
Die Vereinigten Demokraten von Amerika

Joe Biden, designierter Präsidentschaftskandidat der Demokraten, liegt derzeit in Umfragen im Rennen um das Weiße Haus vorn.

John Locher /AP /dpa

Der designierte Präsidentschaftskandidat Joe Biden, den die Partei am Dienstag in einer virtuellen Abstimmung auf den Schild heben wird, braucht nicht – wie 2016 bei der Wahl Hillary Clintons – mit lautstarken „Buh“-Rufen enttäuschter Linker zu rechnen. Die Progressiven stellen ihre Enttäuschung über den Ausgang der Vorwahlen bewusst hinter dem Ziel zurück, Donald Trump am 3. November zu schlagen. Mit einer außer Kontrolle geratenen Pandemie und Massenprotesten nach dem Tod des Schwarzen George Floyd, verspürt die Partei eine fast existenzielle Dringlichkeit. Zudem machte Bidens einst als blutleer kritisierte Spitzenkandidatur für viele Demokraten plötzlich Sinn. In Zeiten der Unruhe sehnen sich die Amerikaner nach nichts mehr als nach Normalität. Kaum jemand verkörpert das besser als „Onkel Joe“, der sich wegen seines fortgeschrittenen Alters von 77 Jahren selber als Übergangsfigur sieht.

Biden nutzte die Quarantäne im Keller seines Hauses in Delaware, seinen Teil zu einem Burgfrieden mit den Progressiven beizutragen. Er heuerte Wahlkampfstrategen aus dem linken Flügel an und rückte inhaltlich weiter nach links. Nirgendwo wird das deutlicher als bei der Übernahme ambitionierter Ziele aus dem von Sanders, AOC und Co propagierten „New Green Deal“, der stärkeren Regulierung der Finanzindustrie und der Einwanderungspolitik.

Lesen Sie auch

Das Team des Kandidaten habe Raum für einen programmatischen Linksruck ausgemacht, so der ehemalige Chefstratege Obamas im Weißen Haus David Axelrod, „weil Biden als Moderater gesehen wird.“ Darüber hinaus gibt es für die überwältigende Mehrheit der Amerikaner nach Ansicht von Analysten im Moment ohnehin nur ein Thema, das den Wahlkampf dominiert: die Coronavirus-Pandemie mit rund 5,4 Millionen Infizierten und fast 170.000 Toten.

COVID-19 fielen auch die Parteitage von Demokraten und Republikanern zum Opfer. Die Demokraten hatten den für Juli in Milwaukee im Wechselwähler-Staat Wisconsin geplanten Parteitag erst nach hinten verschoben und kurz darauf abgesagt. Biden und Harris werden nicht in den Mittleren Westen reisen, sondern sich aus dem „Chase Center“ in Wilmington im US-Bundesstaat Delaware melden. Wie alle anderen Redner des viertägigen Parteitreffens weitgehend ohne Publikum.

Am heutigen Montag wird der traditionelle Krönungsparteitag eröffnet. Bernie Sanders muss sich mit der zweitbesten Platzierung auf der Rednerliste begnügen: Der linke Rivale Joe Bidens um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten überlässt der früheren First Lady Michelle Obama mit einer vorab im Ferienhaus von Martha’s Vineyard aufgezeichneten Video-Botschaft den Vortritt. Der neue Liebling der Parteilinken, die New Yorker Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, darf am Dienstag genau eine Minute sprechen – eingerahmt von Super-Realos wie dem Fraktionsführer der Demokraten im Senat Chuck Schumer und dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton.

Und Elizabeth Warren findet sich im Vorprogramm für Kamala Harris am Mittwoch wieder. Statt für sie – der „Mutter aller progressiven Demokraten“ – entschied sich Biden für die Tochter einer Mutter aus Indien und eines Vaters aus Jamaika. Die Senatorin aus Kalifornien schreibt als erste schwarze „Veep“-Kandidatin zwar Geschichte, gehört aber nicht wie einige der afroamerikanischen Mitbewerberinnen zum linken Flügel der Partei.

Lesen Sie auch

Die demokratische Strategin Stephanie Cutter strickte im Vorfeld mit Ricky Kirshner, der Erfahrung aus der Produktion der „Super-Bowl“-Halbzeitshow hat, ein stark verdichtetes Programm. Während die Parteitage traditionell nachmittags begannen, passiert diesmal vor 19 Uhr nichts. „Wir sind praktisch von 20 Stunden Sendezeit von unseren Parteitagen mit allen Fernsehanstalten vor Ort auf sieben bis acht Stunden geschrumpft“, beschreibt Sanders ehemaliger Wahlkampfmanager Jeff Weaver die Herausforderung für die Planer. Interessierte können das virtuelle Geschehen über Live-Streams auf der Webseite der Demokraten die ganze Zeit über verfolgen. Die Nachrichtenkanäle schalten zwischen 20 und 22 Uhr zu, die großen Sender nur für die letzte Stunde.

Da es keine Blaupause für einen virtuellen Parteitag gibt, machen nicht nur die technischen Herausforderungen Sorgen. Niemand weiss, ob sich so etwas wie Enthusiasmus erzeugen lässt oder die Amerikaner überhaupt zuschalten werden.

Lesen Sie auch

Bei allen Unwägbarkeiten muss sich Biden keine Sorge um die Einheit der Partei machen. Der Burgfrieden zwischen den Flügeln hält. Was gewiss auch zum nationalen Vorsprung im Umfrage-Mittel von „Real Clear Politics“ von 7,7 Prozent gegenüber Trump beigetragen hat. Außerdem liegt Biden in den wichtigen „Swing States“ stabil in Führung.

Info

Zur Sache

Trumps Bruder gestorben

Der jüngere Bruder von US-Präsident Donald Trump, Robert Trump, ist tot. „Schweren Herzens teile ich mit, dass mein wunderbarer Bruder Robert heute Abend friedlich gestorben ist“, erklärte Trump am Sonnabend. „Er war nicht nur mein Bruder, er war mein bester Freund.“ Robert Trump wäre am 26. August 72 Jahre alt geworden. Einzelheiten zur Erkrankung teilte das Weiße Haus nicht mit. Robert Trump soll bereits seit mehreren Monaten krank gewesen sein, wie die „New York Times“ und der Sender CNN berichteten.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+