Debatte über Hilfen für Verkehrsbetrieb Die Corona-Folgen für Fähren in Bremen-Nord

Bei der Fährgesellschaft in Bremen-Nord sind die Pendlerzahlen so massiv eingebrochen, dass sie auf finanzielle Hilfen setzen muss, wenn dieses Jahr wegen Corona wieder ein Krisenjahr wird.
19.01.2021, 05:00
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Die Corona-Folgen für Fähren in Bremen-Nord
Von Christian Weth

Andreas Bettray hat schon häufiger erlebt, dass die Bilanz schlechter ausgefallen ist als erwartet – aber so schlecht wie im Vorjahr war sie noch nie: An allen drei Fährstellen im Bremer Norden sind die Pendlerzahlen eingebrochen. So massiv, dass der Geschäftsführer immer wieder das Pensum der Fährgesellschaft drosseln musste. Und jetzt sagt, dass dem Unternehmen finanziell geholfen werden muss, wenn auch dieses Jahr eines wird, bei dem ein Lockdown auf den anderen folgt.

Es ist das erste Mal in der Geschichte des Verkehrsbetriebs, dass ein Fährchef erklärt, unter Umständen ohne Zuschüsse nicht auskommen zu können. Kein Geld von Dritten – nach Bettrays Worten ist das so etwas wie ein Gesetz der Gesellschaft. Seit fast 20 Jahren ist er der Geschäftsführer und musste noch nie so reden, wie er jetzt redet. Immer gab es am Ende ein Plus. Im Jahr vor der Corona-Krise hatte das Unternehmen noch 8,2 Millionen Euro erwirtschaftet. Jetzt hat es ein Minus. Bettray spricht von Mindereinnahmen in Höhe von 1,2 Millionen und einem Defizit von einer halben Million Euro.

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Und davon, dass er gegengesteuert hat und weiterhin gegensteuern wird. Sieben Sonderfahrpläne wegen der Pandemie und ihrer Folgen hat es allein im vergangenen Jahr gegeben. Mal reduzierte der Fährchef die Zahl der Schiffe, mal verlangsamte er den Takt, in dem sie fahren. Oder er stellte vorübergehend den Betrieb auf einer Route in der Nacht ein. So weit wie jetzt ist er noch nie gegangen: Zwischen Blumenthal und Motzen fährt auch tagsüber keine Fähre mehr. Bis zum Monatsende soll das noch so gehen – und damit länger als die meisten Eingriffe in den Fahrplan zuvor.

Es ist ein Einschnitt, den Bettray nach eigenem Bekunden lange versucht hat, irgendwie zu vermeiden. Er hat mit den Crews an der Fährstelle gesprochen, die mittlerweile in Kurzarbeit sind, mit dem Betriebsrat und den Werften, die ihre Hallen direkt am Anleger haben. Doch letztlich, sagt er, waren es die Zahlen, die den Ausschlag gaben, den Betrieb der Fährstelle für 16 Tage einzustellen. Bettray zeigt Tabellen mit Ziffern, von denen die wenigsten ein positives Vorzeichen haben. Allein in der ersten Januar-Woche ist das Aufkommen an Autos an den Anlegern um bis zu 33 Prozent zurückgegangen.

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Dass es Blumenthal-Motzen traf, hat damit zu tun, dass es an den anderen Fährstellen mehr Betroffene gegeben hätte, weil Vegesack-Lemwerder und Farge-Berne von mehr Pendlern angefahren werden. Bettray wusste, dass es trotzdem Kritik geben würde, vor allem von den Fußgängern und Radfahrern auf dieser Route. Auch mit ihnen hat er gesprochen. Zum Beispiel über das Monatsticket für Autos, das sie zum halben Preis erhalten, weil sie jetzt längere Strecken zu den verbliebenen Anlegern haben. Und darüber, dass er vergeblich versucht hat, reine Personenschiffe als Ersatz zu bekommen.

Die Fährstelle ohne Fährbetrieb beschäftigt nicht nur Pendler, sondern inzwischen auch immer mehr Politiker auf beiden Seiten des Weserufers. Parteien aus dem Bremer Norden und der Wesermasch wollen, dass die Fähren zwischen Blumenthal und Motzen zumindest stundenweise fahren – und dem Unternehmen finanziell geholfen wird. Bettray sagt, sich über die Debatte zu freuen, die jetzt begonnen hat. Er wertet sie als einen Beleg dafür, wie wichtig die Fähren für die Menschen sind. Nur rückgängig machen, kann er die vorübergehende Einstellung des Betriebs der Fährstelle nicht mehr.

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Weil sie mit der Bundesagentur für Arbeit abgestimmt ist, bei der Bettray das Kurzarbeitergeld für 16 von 100 Beschäftigten der Fährgesellschaft beantragen musste. Deshalb kann die Fähre zwischen Blumenthal und Motzen auch nicht in den nächsten Tagen wieder eingesetzt werden, selbst wenn Bremen und der Landkreis Wesermarsch sofort Zuschüsse zahlen würden. Es gilt, wenn man so will, der Vertrag mit der Arbeitsagentur – und der läuft bis Ende Januar. Ab Februar, meint Bettray, sind andere Vereinbarungen möglich, weil der Gesetzgeber die Modalitäten für Kurzarbeit geändert hat.

Bettray kann nicht sagen, wie oft er sie in den nächsten Monaten noch beantragen muss. Genauso wenig, ob nach der einen Einstellung des Betriebs an der Fährstelle, die rund 45.000 Euro bringt, gleich die nächste folgt. Oder ob die Preise für die Tickets in diesem Jahr stärker steigen als sie im vergangenen Jahr gestiegen sind. Der Geschäftsführer sagt, im Grunde nur eines zu wissen: dass die Gesellschaft in 2021 nicht so weitermachen kann wie 2020. Im vergangenen Jahr konnte er noch an die Reserven des Unternehmens gehen. In diesem, meint Bettray, kann er das nicht mehr.

Der Fährchef setzt deshalb auf die Diskussion der Parteien über finanziellen Hilfen – und Gespräche, die er in den nächsten Tagen und Wochen führen will. Bettray bereitet sich auf die nächste Aufsichtsratssitzung vor. Im März will er den Gesellschaftern die neuesten Zahlen vorlegen. Bettray spricht dann mit denen, die letzten Endes über Zuschüsse entscheiden. Die Anteilseigner sind Bremen und der Landkreis Wesermarsch.

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