Nationalpark Harz

Wo die Fichten sterben

Trockenheit, Orkane, Borkenkäfer: Der Fichtenbestand im Harz leidet. Die Niedersächsischen Landesforsten greifen aktiv ein und sortieren befallene Bäume aus. Weiter bergauf sind Baumentnahmen tabu.
24.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wo die Fichten sterben
Von Peter Mlodoch
Wo die Fichten sterben

Vom Borkenkäfer zerstörte Fichtenwälder im Nationalpark Harz bei Torfhaus: Trockenheit und Borkenkäfer spielen den Bäumen übel mit.

Julian Stratenschulte /dpa

Für manch einen bringen Orkane und Borkenkäfer auch Vorteile. Früher lag die Marienteichbaude zwischen Bad Harzburg und Torfhaus versteckt hinter vielen Fichten. Ausflüglern und Urlaubern fiel das Hinweisschild an der Kurve der Bundesstraße B 4 kaum auf; die urige Wirtschaft führte lange Jahre ein eher verschlafenes Dasein. Heute sind das Restaurant und das anliegende Wildkatzengehege nicht mehr zu übersehen.

Denn das ehemalige Waldstück drum herum ist eine Art Brachfläche: Stürme und später die Schädlinge haben dort ab 2017 schwer gewütet. „Aber seitdem brummt der Laden“, beschreibt ein Harz-Kenner den Boom in der Baude. Im Biergarten draußen sind an diesem sonnigen Ferientag alle Tische von Familien mit kleinen Kindern, jungen Paaren und wandernden Senioren belegt.

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Ein paar hundert Meter entfernt erläutert der Präsident der Niedersächsischen Landesforsten (NLF) am noch lebenden Objekt die Ursache für das dramatische Fichten-Sterben im Harz. Klaus Merker greift sich ein Stück Rinde und zeigt auf winzige Bohrlöcher und Gänge. Und dort sitzen dann auch die kleinen Übeltäter, für den Laien mit bloßem Auge nur schwer zu erkennen: Borkenkäfer.

Kiefern und Buchen nicht befallen

Ein einziges Weibchen legt 60 Eier, aus der Hälfte davon schlüpfen wieder Weibchen. Es habe etwas von Corona, der R-Wert betrage 25, rechnet Merker vor. „Jeder Baum, der stirbt, steckt 25 weitere Bäume an.“ Ohne Abwehr von außen bedeute dies in der dritten Käfer-Generation 16.000 befallene Fichten. Da ist es kaum ein Trost, dass nur diese Art betroffen ist. „An Kiefern und Buchen geht der Borkenkäfer nicht ran.“

Dass sich das gefräßige Insekt vor allem im Harz und Solling mit ihren riesigen Fichtenbeständen so explosionsartig ausbreiten kann, liegt am Klimawandel. „Eigentlich ist der Borkenkäfer ein ganz normales Mitglied im Ökosystem des Waldes“, betont Niedersachsens oberster Förster. Aber Hitze und Trockenheit böten ihm nach den beiden Dürre-Sommern 2018 und 2019 ideale Bedingungen. Die ausgedörrten Bäume seien viel zu schwach, um den Käfer in seine natürlichen Schranken zu weisen.

Also greifen die Landesforsten aktiv ein. Entnahme und Wiederaufforstung mit Mischwald lautet das Rezept. So genannte Waldläufer – Pensionäre, Studenten und 80 abgeordnete NLF-Beschäftigte aus den nicht betroffenen Revieren in Niedersachsens Norden – patrouillieren durch den Harz und markieren befallene Fichten mit einem roten Strich. „Dann heißt es: Säge marsch“, erklärt Merker. Dabei weist er Vorwürfe eines ungehemmten Abholzens aus Profitgier zurück. „Wir fällen keine gesunden und keine toten Bäume. Wir fällen nur befallene Bäume und schaffen diese schnell mit der in ihnen steckenden Brut aus dem Wald“, berichtet der NLF-Chef.

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„Das dient dem Zweck, dass sich der Käfer nicht weiter ausbreitet.“ Beim Blick von oben, etwa ins Kellwassertal, sieht der Wald mit solchen Stellen und den Sturmschneisen oft aus wie ein Flickenteppich. Dort sind dann aber auch eingezäunte Flächen zu sehen. Darauf wachsen – geschützt vor dem Hunger des Wildes – von Menschenhand gesetzte junge Bäume heran: Bergahorn, Rotbuchen, Eichen, Douglasien und andere Arten. Insgesamt an die fünf Millionen Stück wurden im Winter und Frühjahr gepflanzt.

„Wir müssen jetzt die Weichen für einen Umbau mit klimatoleranten, flexiblen Mischwäldern stellen“, meint Merker und spricht von einer „Mammutaufgabe“ für zehn und mehr Jahre. Seine Leute greifen dabei immer öfter auf ein spezielles Monitoring zurück. Mit Daten zu Bodenbeschaffenheit, Feuchtigkeit und regionalen Klimaprognosen berechnen sie den idealen Standort für die einzelnen Baumarten. 15 Millionen Euro jährlich steuert das Land Niedersachsen bis 2025 für die Wiederaufforstung bei. „Das wird allerdings kaum reichen“, befürchtet der Präsident nicht zuletzt mit Blick auf das 27-Millionen-Euro-Defizit der NLF im Geschäftsjahr 2019. Wegen des Überangebots an Schadholz befindet sich der Preis für den Rohstoff im Sturzflug. Kostete der Festmeter Fichte 2015 noch über 60 Euro, lag er in diesem Jahr bereits unter 30 Euro.

Ein paar Kilometer weiter bergauf sind Baumentnahmen und Wiederaufforstung absolut tabu. Der Nationalpark Harz lässt die Natur Natur sein. An seiner Grenze wechselt das überwiegende Grün des Waldes schlagartig in ein durchgängiges Grau-Braun – für viele Touristen und auch so manchen Politiker in Hannover ein Schockerlebnis. Zu Tausenden ragen abgestorbene Fichten mit dürrem Gerippe in den Himmel; abgeknickte Stämme und entwurzelte Bäume bleiben liegen. Von einem „ungeschminkten Bild“, spricht Friedhart Knolle von der Parkverwaltung. „Wir müssen uns von der Postkarten-Idylle des alten Harzes verabschieden.“ Dass die Fichte, die Kälte brauche, angesichts steigender Temperaturen verschwinde, sei ein ganz normaler Prozess. „Hier stirbt nicht der Wald, hier sterben Bäume.“

Nationalpark bleibt naturbelassen

Zum gesetzlich verankerten Konzept gehört auch, dass der Borkenkäfer in der Kernzone des Nationalparks ungestört wirken kann. Konflikte mit dem Nachbarn bleiben da natürlich nicht aus; schließlich kann das Insekt schnell in den bewirtschafteten Teil der Landesforsten überspringen. Jedoch sollen breite Pufferzonen aus resistentem Mischwald dies verhindern helfen. Dazu dienen auch Tausende von „Trinets“ an den Waldrändern. Es sind spezielle Borkenkäferfallen aus einem dreieckigen, rund 1,50 Meter hohen Netzgestell, in dessen Innerem sich ein Dispenser mit einem Sexualduftstoff befindet. Davon angelockt, prallen die Käfer auf die kontaminierte Außenhaut und scheiden dahin. Für alle anderen Tiere des Waldes sollen die Fallen unschädlich sein.

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