Bremen-Blumenthal

Vonovia denkt an Verkauf von Wohnungen in Lüssum

Die Vonovia spielt offenbar mit dem Gedanken, sich von ihren mehr als 400 Wohnungen im Blumenthaler Brennpunktviertel Lüssum zu trennen. Die Entscheidung fällt aber erst ab 2020.
19.12.2018, 17:28
Lesedauer: 4 Min
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Vonovia denkt an Verkauf von Wohnungen in Lüssum
Von Patricia Brandt
Vonovia denkt an Verkauf von Wohnungen in Lüssum

Erst ab 2020 will die Vonovia klären, was aus den Lüssumer Wohnungen wird.

Christian Kosak

Der Immobilienkonzern Vonovia mit Sitz in Bochum denkt offenbar darüber nach, seine mehr als 400 Wohnungen an der Lüssumer Heide zu veräußern. Vor einem möglichen Verkauf steht aber die Prüfung einer energetischen Sanierung. Die Vonovia will ab 2020 klären, ob es sich rechnet, Geld in das Brennpunktviertel zu investieren. Das gab ein Konzernvertreter während der Beiratssitzung in Blumenthal in dieser Woche bekannt.

Es sollte kein Tribunal werden für die beiden Vonovia-Mitarbeiter, die auf Einladung des Ortsamts gekommen sind. Der für den Abend angekündigte Geschäftsführer des Regionalbereichs Nord der Vonovia SE ist erkrankt. Rede und Antwort steht Bereichsleiter Thorsten Prietz. Die Beiratspolitiker wie Anke Krohne (Linke) interessieren sich vor allem für die umstrittenen, weil extrem hohen Nebenkosten- und Heizkostenabrechnungen, die zum Teil von der öffentlichen Hand übernommen worden sind (wir berichteten mehrfach).

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Prietz muss sich anhören, dass die Verbraucherzentrale Bremen die Vonovia-Heizkostenabrechnungen für „total undurchsichtig“ und „schwer nachprüfbar“ hält. Die Frage von Hans-Gerd Thormeier (CDU), wie hoch der Anteil der geschätzten Nebenkosten in dem Quartier ist, weil Messgeräte defekt sind, kann Thorsten Prietz nicht beantworten, betont aber: „Wir rechnen sauber ab.“

Zu viel Berechnetes werde zurückgezahlt: „Ich habe gerade zwei Fälle auf den Tisch bekommen, wo von den Mietern 2000 und 3000 Euro gefordert werden. Da werden auch wir hellhörig“, beteuert der Bereichsleiter. Er geht davon aus, dass die Mieter mit nasser Wäsche und voll aufgedrehter Heizung ein subtropisches Klima erzeugten, das eine solch hohe Nachzahlung erklärt. „Es ist schwer, die Mieter aufzuklären, weil die Verständigung nicht einfach ist“, so Prietz und betont, dass die Vonovia seit 2015 verstärkt Flüchtlinge mit Wohnungen versorgt habe. „Diese Menschen haben nicht das Verständnis von richtigem Heiz- und Lüftungsverhalten.“ Für diese Aussagen kassiert Prietz von einem Gast im Publikum sofort einen Daumen nach unten und rudert zurück: Er habe nicht den Eindruck erwecken wollen, die Flüchtlinge seien allein schuld. Es sei auch Aufgabe der Stadt, Aufklärungsarbeit zu leisten. „Eigentum verpflichtet“, sagt eine Frau aus dem Zuhörerraum, nachdem sie sich zu Wort gemeldet hat.

Prietz weiter: „Anfang 2019 wird die Vonovia einen Quartiersmanager in Vollzeit für ihren Bestand in Bremen einstellen. Auf Nachfrage des CDU-Vertreters Ralf Schwarz erläuterte Prietz, dass sich dieser Quartiersmanager um 10 000 Wohneinheiten kümmern soll und vornehmlich dort eingesetzt werde, wo die Bestände saniert würden. Schwarz dazu: „Ich kann Ihnen sagen, das wird nicht klappen.“

Rund 30 Frauen, Männer und ein paar Kinder sitzen in der Aula der Tami-Oelfken-Schule. Offenbar haben viele die gleichen Sorgen. Prietz hört sich alle Beschwerden an: die eines Familienvaters, der seit 18 Jahren in der Lüssumer Heide wohnt und sich „seit gefühlt drei Jahren über die defekte Gegensprechanlage“ beschwert; die des Herrn, dessen Heizung seit zwei Jahren defekt ist, und auch die des Mieters, der nicht versteht, warum er für die Beseitigung wilder Müllkippen Gebühren zahlen muss, obwohl der Vonovia die Verursacher längst gemeldet worden seien.

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Echte Antworten hat Thorsten Prietz auf die Beschwerden nicht. Entweder hat er „gerade die notwendigen Informationen nicht“ oder er will von den Problemen bisher nichts gehört haben. Wie zum Beispiel von der defekten Außenbeleuchtung. Darauf, wirft Quartiersmanagerin Heike Binne ein, sei die Vonovia aber vielfach bei Stadtteilsitzungen hingewiesen worden. Auch von den Problemen mit „exorbitanten Erhöhungen der Nebenkosten“, die der SPD-Politiker Marcus Pfeiff anspricht, weiß Thorsten Prietz nach eigener Aussage nichts.

45 Millionen Euro will die Vonovia nach Thorsten Prietz' Worten in den nächsten Monaten in ihre Bestände investieren. „In Blumenthal werden wir aber in der Tat noch nicht groß tätig“, räumt Prietz auf die Nachfrage des CDU-Politikers Ralf Schwarz ein. Erst ab 2020 fasse die Eigentümerin eine energetische Sanierung der Gebäude ins Auge. Schwerpunkt soll auf die Erneuerung der Gebäudehülle gelegt werden. Die Entscheidung, was genau saniert werde, müssten Bauingenieure an Ort und Stelle treffen: „Wir behalten uns vor: Wenn es sich wirtschaftlich nicht rechnet, werden wir gegebenenfalls die Lüssumer Heide verkaufen.“

Bis dahin sollen sich die Mieter aber nicht weiter über Schimmel, defekte Heizungen und überzogene Nebenkostenabrechnungen ärgern müssen, verspricht der Vonovia-Bereichsleiter. Er stimmt auch zu, als Ortsamtsleiter Peter Nowack (SPD) ein weiteres Treffen mit Quartiersmanagement und den Fraktionsvorsitzenden vorschlägt, „um Struktur in die Sache“ zu bekommen. Und als Michael Rodschies, einer der ersten Umweltwächter im Norden, seine Dienste für Säuberungsaktionen im Areal anbietet, sagt Prietz: „Wir kommen auf sie zu.“

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Viele Probleme der Mieter sollen noch vor Weihnachten gelöst werden, verspricht der Vonovia-Mitarbeiter. Glauben mag ihm offensichtlich niemand: „Haben Sie überhaupt unsere Namen aufgeschrieben?“, fragt ein Mieter.

Dass sich Mieter an alle Beschwerdewege halten können und trotzdem keine Abhilfe geschaffen wird, schildert während der Sitzung ein Pastor und Vonovia-Mieter. Seit zweieinhalb Jahren lebe er damit, dass in seiner Außenwand ein golfballgroßes Loch sei, die Kellerfenster zu 80 Prozent nicht verglast seien und es durch die Fenster ziehe. Er müsse Schimmel aktiv bekämpfen. Luftentfeuchter, die laut Herstellerangaben drei Monate halten sollen, hielten in der Lüssumer Heide nur sechs Wochen. Seinen Keller könne er nicht nutzen. Dieser sei seit seinem Einzug nie entrümpelt worden und auch nicht abschließbar. Auf seine Beschwerde über Schmutz im Hausflur habe ihm die Vonovia mitgeteilt, dass er selbst putzen könne: „Das fand ich frech“, sagt er. Denn er bezahle die Vonovia für diese Dienstleistung.

Thorsten Prietz entschuldigt sich einmal mehr: „Ich habe darauf keine Antwort, aber wir werden Besserung geloben.“

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