Kommentar zum Feierverbot des VfL Wolfsburg

Es geht um Respekt

Sie dürfen nicht feiern, weil die Herren vom Abstieg bedroht sind: Das Party-Verbot für die Double-Siegerinnen des VfL Wolfsburg zeugt von mangelndem Respekt, findet Sportredakteur Oliver Matiszick.
29.05.2017, 00:00
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Es geht um Respekt
Von Oliver Matiszick

Sie dürfen nicht feiern, weil die Herren vom Abstieg bedroht sind: Das Party-Verbot für die Double-Siegerinnen des VfL Wolfsburg zeugt von mangelndem Respekt, findet Sportredakteur Oliver Matiszick.

Nehmen wir einmal an, Oma feiert demnächst ihren 80. Geburtstag. Ganz groß, die ganze Familie ist eingeladen, Kinder und Kindeskinder von nah und fern, dazu die Freunde und Nachbarn aus der Siedlung, in der Oma nun schon seit über 50 Jahren wohnt, die Damen vom Seniorenkreis der Kirchengemeinde dürfen auch nicht fehlen. Und dann: wird Opa krank. So ernsthaft krank, dass Oma nicht weiß, ob sie nächstes Jahr noch gemeinsam Diamantene Hochzeit feiern werden. Die große Geburtstagsfeier wird abgesagt, alle haben Verständnis. Feiern in dem Wissen, dass Opa im Krankenhaus mit dem Tod ringt? Ausgeschlossen. Das geht auch nicht.

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Einem solchen Gedankenspiel folgend ließe sich Verständnis für die Entscheidung des VfL Wolfsburg aufbringen, seinem überaus erfolgreichen Frauenteam die große Sause, mit der das Double aus Meisterschaft und Pokal am Rathaus öffentlich gefeiert werden sollte, zu streichen. Eine ausgelassene Party, mit Sektdusche und allem Halligalli, am Sonntag – und am Montag dann taumeln die VfL-Männer im Relegationsrückspiel gegen Eintracht Braunschweig womöglich in die Zweitklassigkeit? Ausgeschlossen. Das geht auch nicht.

Womit dann ja mal alles geklärt wäre, oder? Oder aber auch nicht.

Denn beim Partybann von Wolfsburg geht es nicht um Leben und Tod. Sondern nur um Fußball, nicht mehr. Vor allem aber sagt er einiges aus über den Stellenwert des Frauenfußballs in Deutschland. Es geht schlicht um Respekt. Genauer: den Mangel daran.

Fatales Signal

Natürlich möchte man nicht in der Haut der VfL-Verantwortlichen vor einer solchen Entscheidung stecken. Weil es eine dieser Entscheidungen war, für die es, ganz gleich wie sie ausfallen würde, hinterher immer Prügel geben wird. Und dennoch erstaunen Instinktlosigkeit und Radikalität, mit der sie getroffen wurde. Das Signal an ein Team, das in den vergangenen Jahren bis hin zur Champions League sämtliche Titel abgeräumt hat, ist jedenfalls fatal: Eure Erfolge sind toll, aber nichts im Vergleich zum möglichen Misserfolg des Männerteams. Also freut euch jetzt mal bitte nicht so laut. Und auch nicht öffentlich.

Selbst wenn man den Frauenfußball nicht schätzt: Man darf ihn durchaus wertschätzen. Weil auch das zum Sport, zu sportlichem Verhalten gehört: Leistungen und Erfolge anzuerkennen, zu würdigen. So hätten sie sich in Wolfsburg nichts vergeben, die Double-Siegerinnen auch ohne öffentliche Feier dennoch im Rathaus zu empfangen, ihnen zu verdeutlichen: Ihr gehört zu den Aushängeschildern dieser Stadt. Vielen Dank dafür.

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Und weil wir damit auch angefangen haben, nehmen wir am Ende doch mal wieder etwas an. Nämlich dass die Männer des VfL Wolfsburg am Sonnabend den DFB-Pokal gewonnen, die Frauen am Montag das entscheidende Spiel um den Klassenerhalt hätten. Was glauben Sie: Hätte es am Sonntag eine große Sause, mit Sektdusche und allem Halligalli, am Rathaus gegeben?

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