Serie „75 Jahre Kriegsende“

Eine Fußballmeisterschaft ohne Meister

Werders Saison endet 1945 schon im Februar mit der Partie gegen BBV Union, während der HSV und der FC Bayern sogar noch bis in den April spielten.
28.04.2020, 20:38
Lesedauer: 4 Min
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Von Mario Nagel

Am Ende des Zweiten Weltkrieg waren die Alliierten auf dem Vormarsch, das Deutsche Reich befand sich am Rande der Niederlage. Während Reichskanzler Adolf Hitler seine Geliebte Eva Braun am 29. April 1945 heiratete, ehe die beiden einen Tag später im Führerbunker Suizid begingen, spielten der Hamburger SV und Altona 93 an jenem Tag Fußball. Fußball? Ja, denn auch im letzten Kriegsjahr kam der Fußball nicht gänzlich zum Erliegen.

Bevor der HSV sein Freundschaftsspiel an jenem 29. April 1945 gegen Altona 93 mit 4:2 gewann, hatte er nämlich schon die Meisterschaft in der Gauliga Hamburg gewonnen, der obersten Spielklasse im Deutschen Reich. Sie war neben der Gauliga Bayern die einzige Liga, die den Spielbetrieb bis 1945 durchweg aufrechterhalten konnte. Neben dem Hamburger SV gewann auch der FC Bayern München in seinem Gau die Meisterschaft und qualifizierte sich so für die 38. Deutsche Fußballmeisterschaft 1944/45. Diese aber konnte aufgrund der Kapitulation der Wehrmacht nicht mehr ausgetragen werden.

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Doch auch in Bremen wurde noch bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges Fußball gespielt. Am 25. Februar 1945 bestritt der SV Werder Bremen sein letztes Spiel und gewann gegen den BBV Union mit 8:2. Das für den 15. März angesetzte Duell mit dem TuS Walle wurde kriegsbedingt abgesagt. In Hamburg und München aber wurde trotzdem noch gespielt. Am 15. April 1945 traten der FC St. Pauli und der SC Victoria Hamburg gegeneinander an (4:3), der FC Bayern München bezwang 1860 München im Stadtderby sogar noch am 22. April 1945 mit 3:2. Denn obwohl das Deutsche Reich zu zerfallen drohte, sollte die Bevölkerung bei Laune gehalten werden. So beschreibt es jedenfalls Harald Klingebiel.

Der gelernte Volkswirt war über 30 Jahre für das Archiv des SV Werder Bremen tätig und erforschte in dieser Zeit gemeinsam mit Hans-Joachim Wallenhorst die Vereinsgeschichte der Grün-Weißen. „Dass auch in den letzten Zügen des Krieges Fußball gespielt wurde, zeigt, wie die Menschen damals getickt haben“, sagt Klingebiel. Der Kultur- und Sportbetrieb sollte auch in den letzten Wochen des Krieges fortgesetzt werden, da die Nazis um die Stimmung an der Heimatfront fürchteten. Schon in den Jahren zuvor musste das Reichsfachamt Fußball, das 1933 die operativen Aufgaben des aufgelösten Deutschen Fußball-Bundes (DFB) übernahm, zahlreiche Einschnitte im Spielbetrieb vornehmen. Trat der SV Werder Bremen zuvor noch in der Gauliga Niedersachsen an, splitterten sich die Ligen ab 1942 immer weiter auf.

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Nach der Eingliederung in die Gauliga „Weser-Ems“ erfolgte der Spielbetrieb ab 1943 in der „Gruppe Bremen“, um weite Anreisen zu vermeiden. An einen geregelten Spielbetrieb war angesichts der zahlreichen Luftangriffe jedoch nicht zu denken, sodass die Saison 1944/45 nach nur wenigen Spieltagen abgebrochen werden musste. Bereits in den Vorjahren hatte sich gezeigt, welch großen Stellenwert der Sport auch im Zweiten Weltkrieg einnahm. „Bei einem Heimspiel von Werder gegen Braunschweig 1943 war das Stadion pickepackevoll, obwohl zu dieser Zeit schon Luftangriffe der Alliierten erfolgten“, sagt Harald Klingebiel. Seit 1940 und vor allem in den letzten beiden Kriegsjahren mussten viele Spiele abgebrochen werden. „Wenn der Fliegeralarm losging, musste das Stadion ja geräumt werden.“

Schon zu Beginn des Krieges hatte Nationaltrainer Otto Nerz durchgesetzt, dass die guten Fußballspieler nicht an die Kriegsfront oder in die kriegswichtige Wirtschaft versetzt wurden. Die besten Fußballer wurden zum Beispiel als Flaksoldaten bei der deutschen Luftwaffe stationiert und konnten somit in ihrer Heimat bleiben. Davon profitierte auch der SV Werder, dessen Kampfbahn – das heutige Weserstadion – über gleich drei Flaktürme verfügte. „Reinhold Münzenberg war Nationalspieler und wurde aus Aachen nach Bremen beordert. Das machten sich die Funktionäre zunutze“, sagt Historiker Klingebiel. Flaksoldat Münzenberg spielte mit einigen Kollegen von 1941 bis 1943 für die Grün-Weißen, die in der Saison 1941/42 auch dank des Abwehrspielers die Meisterschaft in der Gauliga Niedersachsen feierten.

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Überhaupt war die Saison 1941/42 für den SV Werder Bremen sehr erfolgreich verlaufen, schließlich erreichte der Verein neben dem Viertelfinale der deutschen Meisterschaften auch das Pokal-Halbfinale. Weil die Reichsführung die Flaksoldaten 1943 nach Hamburg beorderte, war der Höhenflug des SV Werder allerdings jäh vorbei. Beim Luftwaffen-Sportverein (LSV) Hamburg spielten die Flaksoldaten jedoch ähnlich erfolgreich und verpassten 1944 nur knapp die deutsche Meisterschaft, als der LSV dem Dresdner SC unterlag.

Für den SV Werder Bremen gestaltete sich dagegen schon die Bildung einer neuen Mannschaft schwierig. „Werders Funktionäre sind am Freitag zum Hauptbahnhof gefahren, um zu gucken, wer zum Wochenende von der Front nach Hause kommt und überhaupt spielen kann“, sagt Klingebiel.

Überhaupt wären die Fußballer bei ihrer Rückkehr erst mal zum Verein gegangen, um sich über die anstehenden Spiele zu infor­mieren. „Und erst dann ging es zu den Familien“, weiß Klingebiel und fügt an: „Das muss man sich mal vorstellen: Die Menschen kamen von der Front und hatten nichts Besseres zu tun, als Fußball zu spielen.” Es zeigt: Der Fußball nahm schon in der Ausnahmesituation des Zweiten Weltkrieges eine Sonderstellung ein.

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