BV Cloppenburg

Unter Männern: Imke Wübbenhorst trainiert Fußballer in der Oberliga

Als erste Frau in Deutschland trainiert Imke Wübbenhorst Fußballer der Oberliga. Sie kämpft nun gegen den Abstieg und die ­Machos der Fußballbranche.
02.03.2019, 08:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Nico Schnurr Marc Hagedorn
Unter Männern: Imke Wübbenhorst trainiert Fußballer in der Oberliga

Ausdrucksstark und wortgewaltig: Imke Wübbenhorst kennt viele Mittel und Wege, um sich Gehör zu verschaffen.

Yvonne Gottschlich

Ihr Blick genügt. Noch zwei Minuten bis zum Anpfiff, und Imke Wübbenhorst starrt den Mann einfach nur an. Entgeistert, die Augen weit aufgerissen, als spiele sich vor ihr gerade ein Autounfall ab. Die Botschaft kommt an. Der Tontechniker zieht ab. Sofortige Flucht. Der Fernsehmann wartet gar nicht mehr auf eine ausformulierte Antwort auf seine Frage. Er hatte wissen wollen, ob er die Trainerin nicht verkabeln könne. Wäre doch zu schade, wenn ein Satz, ein Schrei oder Seufzer verloren ginge während ihres ersten Spiels als Cheftrainerin.

Sieht Imke Wübbenhorst anders. Und sie hat hier das Sagen, auch ohne etwas zu sagen. Die Männer folgen, so sind die Rollen verteilt, qua Amt sozusagen.Als erste Frau trainiert Wübbenhorst eine Männermannschaft in der Fußball-Oberliga. Seit der BV Cloppenburg dies kurz vor Weihnachten bekannt gegeben hat, wird Wübbenhorst mit Interviewanfragen überschüttet.

Journalisten aus Brasilien rufen an, BBC und CNN wollen mit ihr sprechen. Eine Frau beim Fußball-Fünftligisten. Was angesichts von Wübbenhorsts Lebenslauf auch als schlechter Scherz durchgehen könnte, so überqualifiziert ist sie auf dem Papier für diesen Posten, das ist aus Sicht der Öffentlichkeit eine mittelgroße Sensation.

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Sonntag im Stadtteil Vahrenwald-List, kurz nach 17 Uhr. Hinter der Wellblech-Tribüne des HSC spiegeln sich die letzten kräftigen Sonnenstrahlen des Tages in verglasten Büroriegeln, die futurisch aussehen, nach Metropole, und damit urbaner als das gewöhnliche Hannover. Davor umringt ein Pulk aus Fernsehteams Imke Wübbenhorst, die nach dem 2:2-Unentschieden zum Einstand in die Kameras sagt, sie sei froh, nun keine Kameras zertrümmern zu müssen. „Ich habe mich auf das Schlimmste eingestellt. Auf eine richtige Klatsche, 0:5, 0:8, so etwas in der Richtung.“ Die Trainerin hat in den Tagen vor dem Spiel vorsichtshalber ein paar Sätze einstudiert.

Für den Fall, dass alles so kommt, wie sie es befürchtet hat. Damit sie dann die Ruhe bewahrt. Oder in Wübbenhorsts Worten: „Damit ich euch die Kameras dann nicht in Einzelteilen zurückgebe.“ Imke Wübbenhorst, 30 Jahre alt, hat einen Job übernommen, um den sich ihre männlichen Kollegen nicht gerade gerissen haben. In Cloppenburg, hieß es, gebe es nichts zu gewinnen, bloß einen Ruf zu verlieren. Sie ist trotzdem angetreten. Wübbenhorst ist zweifache Jugend-Europameisterin, hat eine Erstliga-Karriere in Deutschland beim HSV und beim BV Cloppenburg sowie in Spanien hingelegt, besitzt die zweithöchste Trainerlizenz, bis Dezember war sie Cheftrainerin von Cloppenburgs Zweitliga-Frauen.

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Und nun steht sie vor einer einigermaßen aussichtslosen Mission. Der Verein steckt in finanzieller Not. Die Mannschaft ist Tabellenletzter, der Kader viel zu klein, extrem jung und unerfahren. Fünf Punkte Rückstand muss das Team in den letzten elf Spielen der Rückrunde aufholen. Wübbenhorst weiß um all das. Sie sagt: „Das hier eine Chance zu nennen, das wäre nicht fair. Eine richtige Chance ist das nicht.“ Zugegriffen hat sie trotzdem, weil sie unbedingt ins Fußballgeschäft der Männer will.

Als Mädchen hat Wübbenhorst lange bei den Jungs gespielt. Besonders hat sich das für sie nie angefühlt. „Du musst dich überall durchsetzen. Leistungssport eben, Ellbogen raus.“ Wübbenhorst konnte das, Ellbogen ausfahren, also war sie akzeptiert. „Eine andere Mannschaft hat mal gesagt: Äh, die können nichts, die haben ein Mädchen dabei. Da haben meine Mitspieler gesagt: Vorsicht, sonst polieren wir euch die Fresse.“ Dass ihr Geschlecht für andere ein Problem ist, das wird sie erst später spüren. Als Trainerin.

Gegen alle Widerstände

Die Lehrerin, Biologie und Sport am Gymnasium, versucht es immer wieder. Sie stellt sich bei einer Männermannschaft nach der anderen vor. Immer wieder heißt es, man könne sich eine Zusammenarbeit vorstellen, der Job als Co-Trainer sei noch zu haben. „Aber ich bin kein Typ Co-Trainer.“ Unterordnen, das sei nicht so ihr Ding. Dann lieber Cloppenburg, fünfte Liga, mit dem Rücken zur Wand. „Die haben mir nirgendwo zugetraut, dass ich mich durchsetzen kann. Jetzt zeige ich, dass ich es kann.“ Als Cheftrainerin gegen alle Widerstände. Gegen alle sportlichen Gesetzmäßigkeiten, die besagen, dass man mit so einer Mannschaft absteigen muss. Gegen Machos wie den Assistenztrainer, der kurzerhand kündigte und laut „Bild“ erklärte, er wolle keiner Frau die Hütchen hinterhertragen. Warum tut sie sich das an?

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„Es geht mir darum, zu zeigen, dass ich als Frau in der Lage bin, mir über meine Expertise, über mein Auftreten und über meine Person so viel Respekt innerhalb einer Männermannschaft zu verschaffen, dass ich komplett akzeptiert bin. Wie jeder andere Trainer auch“, sagt Wübbenhorst. „Ich will zeigen, dass es geschlechtsneutral ist, Ahnung vom Fußball zu haben.“ Die Ewiggestrigen, die dafür noch einen Beweis brauchen, hätten nach Hannover schauen müssen.

Sonntag, der Tabellenletzte auswärts beim Zweiten HSC Hannover. Verglichen mit ihren Gegnern wirken einige Cloppenburger, als hätte man sie aus dem Konfirmationsanzug direkt ins Trikot des Herrenteams gesteckt. Sechs Cloppenburger Spieler in der Startelf sind 19 oder jünger. Und trotzdem halten sie dagegen, willensstark, taktisch höchst diszipliniert.

Wie eine Dirigentin

Draußen steht Imke Wübbenhorst und schreit Anweisungen aufs Feld. Sie schreit, so laut und lange, dass ihre Schmirgelpapierstimme in der zweite Hälfe bricht. Hustenbonbon rein, weiter. Sie fuchtelt mit den Fingern, wie eine Dirigentin, die Spieler folgen. „Imke, du hast deine Männer geleitet wie am Playstation-Controller“, wird ein Journalist später zu ihr sagen. Der gegnerische Trainer wird nach dem Unentschieden anerkennend sagen: „Es gibt tief stehende Gegner, und es gibt tief stehende Gegner. Aber das war heute die Deluxe-Version.“

Und Wübbenhorst? Die wird auf der Pressekonferenz vor dem Bierstand kaum zu ihrer Taktik befragt. Sie soll lieber noch einmal erklären, wie das nun ist, als Frau allein unter Männern, in der Kabine und überhaupt. Wübbenhorst ist schlagfertig. Sie beherrscht den Fußballkabinen-Sound mühelos.

"Es gibt keinen Unterschied"

Die Journalisten wissen das, und jetzt erhoffen sie sich noch einmal so eine Anekdote mit Aufregerpotenzial wie kurz nach ihrer Einführung. Im Interview mit der „Welt am Sonntag“ hatte die Trainerin erzählt, dass jemand aus dem Umfeld des Klubs gefragt hatte, ob sie eine Sirene auf dem Kopf tragen werde, damit sich ihre Spieler schnell noch eine Hose anziehen können, bevor sie in die Kabine kommt. Ihre Antwort damals: „Natürlich nicht. Ich bin Profi. Ich stelle nach Schwanzlänge auf.“ Der letzte Satz ging um die halbe Welt.

Hier in Hannover tut Wübbenhorst den Medienvertretern nicht den Gefallen und erzählt eine ähnliche Anekdote. Sie sagt nur: „Es gibt keinen Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball. Außer dass die Jungs nicht so lange beim Duschen brauchen.“ Und dann spricht sie einfach doch noch über ihre Taktik. Und sagt, dass sie nicht am Klassenerhalt gemessen werden will. Wieso auch? Imke Wübbenhorst hat viel Wichtigeres vor.

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