Fit in den Frühling

Ruhe finden beim Rundendrehen

Gerade im Winter fällt es vielen besonders schwer, sich bei Minusgraden zum Laufen aufzuraffen. Auch WESER-KURIER-Redakteur Frank Hethey erhofft sich vom kommenden Frühling neuen Anschub.
16.03.2018, 19:56
Lesedauer: 5 Min
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Ruhe finden beim Rundendrehen
Von Frank Hethey
Ruhe finden beim Rundendrehen

Ausnahmsweise mal an der Schlachte unterwegs: WESER-KURIER-Redakteur Frank Hethey.

Frank Thomas Koch

Denke nur ja keiner, Laufen sei ein Selbstläufer. Gerade im Winter kann davon keine Rede sein, wenn es immer schon dunkel ist, ehe man hinauskommt. Sich bei Minusgraden aufzuraffen, um in stockfinsterer Nacht die gewohnte Runde zu drehen, das erfordert schon allerhand Selbstdisziplin. Um nicht zu sagen: Selbstverleugnung.

„Mach‘ nur, was du nicht lassen kannst“, höre ich dann von meiner Frau. Zwischen ihren Worten schwingt mit: armer Irrer. Schon nach wenigen hundert Metern bin ich für gewöhnlich geneigt, ihr voll und ganz beizupflichten. Zu Hause ein gemütlicher Ofen, das Sofa und ein gutes Buch. Stattdessen knappe zehn Kilometer vor mir, davon eine ansehnliche Strecke auf dem Hollerdeich.

Bislang habe ich mich durch Kälte kaum schrecken lassen. Doch in diesem Winter hat meine eiserne Disziplin einen empfindlichen Dämpfer erlitten. Statt tapfer jede Woche wenigstens einmal die Runde zu drehen, schaffte ich es nur noch sporadisch hinaus in die Kälte. Vom nahenden Frühling erhoffe ich mir neuen Anschub, eine neue Beschwingtheit. Wenn die Tage wieder länger werden, wenn man nicht mehr bei Frost seine Laufschuhe schnüren muss.

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Oder sollte mein Leistungsabfall ganz andere Gründe haben? Nichts zu tun haben mit natürlicher Trägheit, sondern mit meinem Alter? Als 50-Jähriger kommt man darüber schon mal ins Grübeln – nagt der Zahn der Zeit an mir, droht das Ende meiner aktiven Laufbahn? Gewisse Eckwerte scheinen unmissverständlich darauf hinzudeuten.

Vor ein paar Jahren war ich noch bedeutend schneller auf den Beinen, bis zu vier Minuten weniger brauchte ich für dieselbe Distanz. Wieder an die alten Zeiten anzuknüpfen, habe ich längst aufgegeben. Noch immer messe ich meine Zeit, nehme die eher ernüchternden Ergebnisse aber stoisch hin. Auch wenn meine Frau vielleicht etwas anderes behaupten würde.

Tröstende Worte findet Utz Bertschy, Vorsitzender des Marathon-Clubs Bremen. Der menschliche Körper sei auf eine Ausdauerleistung von täglich 20 Kilometern geeicht, sagt er. Im Prinzip habe das mit dem Alter nichts zu tun, laufen könne jeder zu jeder Zeit. Fürs Herz-Kreislaufsystem gebe es nichts Besseres, nichts sei effizienter als das Laufen.

Für sich ganz allein verantwortlich

Nur auf Bestzeiten darf man mit fortschreitendem Alter nicht mehr so schielen. Das weiß Bertschy als ehemaliger Leistungssportler nur allzu gut. Rund 500 Wettkämpfe hat der 50-Jährige in seiner Laufbahn bestritten. Doch mit den Jahren lässt die Leistungsfähigkeit nach, eine keineswegs neue, auch wenig überraschende Erkenntnis.

„Wettkampfsport ist immer auch eine Quälerei“, sagt er. Das wollte er sich irgendwann nicht mehr antun. Mit 30 Jahren ist Bertschy aus dem Leistungssport ausgestiegen. „Als Profi ist für dich spätestens mit 35 bis 38 Jahren Schluss“, sagt er. Nun dreht der Organisator des Bremer Marathons in gemächlicherem Tempo seine Runden.

Immer noch fünf bis sechsmal pro Woche, aber ohne sich über Gebühr unter Druck zu setzen. Das rät er auch allen anderen, die zum Frühjahr in die neue Laufsaison starten wollen. Zumal man beim Laufen für sich ganz allein verantwortlich sei. „Das ist anders als beim Fußball. Da kannst du viel mit Erfahrung wettmachen.“

Nicht zu übertreiben ist wichtig

Oberste Devise sei, es nicht zu schnell angehen zu lassen. Euphorisiert loszulaufen und dann nach kurzer Zeit an seine Grenzen zu stoßen, ist ein typischer Anfängerfehler. „Auch das langsame Laufen will gelernt sein“, betont Bertschy. Bei Ausdauersport komme es eben auf die Ausdauer an, nicht auf die Schnelligkeit. „Überhaupt loszulaufen, ist natürlich wichtig.

Mindestens genauso wichtig ist es aber, nicht gleich zu übertreiben.“ Womöglich sollte mir das zu denken geben. Mein Tempo habe ich noch nie variiert, jedenfalls nicht vorsätzlich. Das kreidet mir auch mein schon erwachsener Sohn immer wieder an. „Lass es doch mal langsamer angehen“, lautet sein wohlmeinender Rat.

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Würde ich ja gern. Bloß irgendwie liegt es nicht in meiner Hand, ich laufe immer drauflos. Vermutlich eine höchst unprofessionelle Gangart. Natürlich teile ich meine Kräfte ein, gebe nicht gleich alles – schließlich will ich die Runde überstehen. Auf einer App lässt sich mein Laufverhalten detailliert nachvollziehen: immer ziemlich rasant zu Beginn, dann ein deutlicher Einbruch im Mittelteil, am Ende der traditionelle Schlussspurt, der sich vom Mittelteil leider nur noch geringfügig unterscheidet.

Suche nach dem Einklang mit sich

Vielleicht hat meine Unbelehrbarkeit mit meinem Einzelläuferdasein zu tun. Als Läufer bin ich seit jeher allein unterwegs gewesen, nur mein Filius begleitet mich hin und wieder. Das hat auch mit innerem Ausgleich zu tun, mit einem bewussten Ausbruch aus der Alltagshektik. Laufen ist für mich etwas Kontemplatives, fast Meditatives. Und zwar gerade dann, wenn außer mir keiner mehr unterwegs ist auf dem Deich. Wenn ich einsam meine Runde drehe und dabei meinem Blick über die Wümmewiesen schweifen lassen kann.

Auch Bertschy kennt dieses Phänomen, die Suche nach Einklang mit sich selbst in der freien Natur. „Am Ende des Tages geht es darum, innere Ruhe zu finden.“ Deshalb kommt für ihn Musikhören beim Laufen genauso wenig infrage wie für mich. Natürlich könne man sich mit Musik aufpushen, sagt er. „Aber dann nimmst du deine körpereigenen Signale nicht mehr auf.“

Doch warum mein plötzlicher Einbruch in diesem Winter? Als massiver Rückschritt entpuppten sich meine neuen Schuhe. Etliche Jahre laufe ich schon mit denselben, freilich auch bewährten Tretern. Ich habe mir sagen lassen, eigentlich seien neue Laufschuhe alle paar Jahre fällig. Über diesen Zeitraum bin ich schon lange weg, seit sechs oder sieben Jahren laufe ich sozusagen auf der Stelle. Dabei war ich durchaus willig, erst vor ein paar Jahren schaffte ich mir ultraleichte Schuhe an.

Mehr als vier Wochen Quälerei

Freilich währte das Vergnügen nicht allzu lange, ein Kieselstein bohrte sich durch die Sohle. Nur gut, dass ich die alten Schuhe nicht voreilig entsorgt hatte. Und nun also der nächste Versuch: noch einmal neue Schuhe, diesmal ein Modell mit besonders prächtig federnder Sohle. Dazu noch absolut wasserdicht, für die matschigen Wege genau das Richtige.

Gleich beim ersten Lauf wähnte ich mich wie auf Freiersfüßen, locker und beschwingt. Dumm nur, dass es damit nach der Hälfte der Strecke vorbei war. Der Grund: eine Blutblase durch eine nicht sauber verarbeitete Naht. Mehr als vier Wochen quälte ich mich damit, humpelte meines Weges, spielte zwischenzeitlich sogar ernsthaft mit dem Gedanken, meinen Hausarzt aufzusuchen.

Seitdem habe ich die neuen Laufschuhe nicht wieder getragen und bin auch fest entschlossen, es nicht auf einen zweiten Versuch ankommen zu lassen. Einstweilen halte ich mich mit den alten Tretern auf dem Laufenden. Für dieses Schuhwerk ist es nun also schon das zweite Comeback. Doch jetzt, nach Ende der mehrwöchigen Zwangspause, soll mich nichts mehr aufhalten. Auch wenn es darum geht, mir endlich geeignete Laufschuhe zuzulegen.

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