Aufsichtsratskandidatin Ulrike Hiller "Wir müssen die Werder-Werte wieder mehr in den Fokus rücken"

Sie ist eine weitere Kandidatin für den Aufsichtsrat und nachgerückt, weil es gegen Oliver R. Harms diverse Vorwürfe gibt. Wir stellen sie im Porträt vor.
04.09.2021, 18:23
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Von dco

Der Anruf kam am Freitagmorgen, und er hat Ulrike Hiller überrascht. Peter Eilers, der Vorsitzende des Wahlausschusses des SV Werder Bremen, teilte der 56-Jährigen mit, dass sie am Sonntag während der Mitgliederversammlung nun doch zum Kreis den sieben Kandidaten für den neuen Aufsichtsrat gehört. „Für mich war es überhaupt kein Problem, erstmal nur der Joker auf der Ersatzbank zu sein, aber ich freue mich natürlich, dass ich jetzt ins Spiel kommen kann“, sagt Hiller, die als Nachrückerin den am Freitag von der Liste gestrichenen Oliver R. Harms ersetzt – und somit zur ersten Frau überhaupt im Werder-Aufsichtsrat werden könnte. Für den Fall, dass es am Sonntag dazu kommt, hat die Staatsrätin a. D. schon sehr konkrete Vorstellungen davon, auf welche Weise sie ihrem kriselnden Lieblingsclub helfen kann.

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„Niemand in der Stadt sollte vergessen, dass der Verein Werder Bremen etwas ganz Besonderes ist, das wir hier an der Weser haben“, betont Hiller, die seit 1986 in Bremen lebt und sich künftig dafür einsetzen möchte, dass der Club seine positiven Werte noch stärker nach außen trägt. „Diesen Werten fühle ich mich sehr verpflichtet. Das geht von Fairness und Nachhaltigkeit über Diversität bis hin zur klaren Abgrenzung gegen Rechts. Das müssen wir wieder mehr in den Fokus rücken.“ Sich auf die eigenen Stärken besinnen, das alte, in der vergangenen Zeit etwas in Mitleidenschaft gezogene Wir-Gefühl wieder aufpolieren – das sieht die Kandidatin als eine Art Grundlage dafür an, dass es mit Werder wieder aufwärts gehen kann.

Natürlich ist auch der Mediatorin und Juristin vollkommen klar, dass die Bewältigung der äußerst kritischen Finanzlage des Vereins die Hauptaufgabe des neuen Aufsichtsrats sein wird. Den rigiden Sparkurs, den Werder zuletzt notgedrungen eingeschlagen hat, hält sie für alternativlos: „Der Verein muss sehen, dass er finanziell wieder etwas mehr Beinfreiheit bekommt, und das geht im Moment nur über Sparsamkeit.“ Das sei vielleicht nicht der populärste Weg, „ich bin aber überzeugt davon, dass es der richtige ist“. Einem denkbaren Einstieg eines Investors steht Hiller gespalten gegenüber. „Es ist eine Medaille mit zwei Seiten. So eine Partnerschaft kann Vorteile bringen, weil man mehr Geld und dadurch mehr Freiheiten auf dem Markt hat. Auf der anderen Seite kann ein Investorenmodell aber zusätzlichen Druck erzeugen“, sagt sie. Hiller ist es lieber, „der Verein würde es aus eigener Kraft schaffen“.

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Ihr Netzwerk innerhalb der Bremer Politik würde sie dafür gerne zur Verfügung stellen. Die erfahrene Politikerin saß für die SPD viele Jahre lang in der Bremer Bürgerschaft und war dort von 2012 bis 2019 als Staatsrätin in der Landesregierung für die Bereiche Bundes- und Europaangelegenheiten sowie für Entwicklungszusammenarbeit zuständig. „Es kann ja manchmal helfen, wenn sich vielleicht die eine oder andere Tür öffnen lässt“, sagt Hiller, die übrigens mit Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) verheiratet ist. Privat geht das Paar inzwischen allerdings getrennte Wege.

Als Dauerkarteninhaberin hält Ulrike Hiller dem SVW schon lange die Treue. „Mein Vater war großer HSV-Fan, und ich bin früher in Hamburg immer im Stadion gewesen. Als ich zum Studieren nach Bremen gekommen bin, war ich echt froh, dass ich endlich einen anderen Verein kennenlernen durfte“, schmunzelt sie. Spätere, rein zufällige Begegnungen mit Dieter Eilts am Bankautomaten oder Marco Bode im Eiscafé hat die Mutter zweier Töchter bis heute nicht vergessen: „Solche Helden brauchen wir wieder auf dem Platz. Echte Identifikationsfiguren, die den Verein nicht für etwas mehr Geld verlassen, das sie woanders verdienen können, sondern bleiben, weil sie Werder und Bremen als ihre Heimat betrachten.“ Und Hiller weiß: „Solche Spieler fallen nicht vom Himmel. Wir müssen sie uns selber machen.“

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Deshalb sei der seit Jahren geplante Neubau des maroden Nachwuchsleistungszentrums auch ein enorm wichtiges Zukunftsprojekt und müsse dringend wieder vorangetrieben werden. „Ich habe richtig Lust auf all diese Aufgaben“, betont die Kandidatin. Vielleicht darf sie schon bald als erste Frau im Werder-Aufsichtsrat angehen. Hiller: „Meine Erfahrung ist, dass diverse, gemischte Teams im Führungsbereich einfach die besten Leistungen bringen.“    

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