Werder-Kolumne Eine Mannschaftssitzung der besonderen Art

Das Problem an der Niederlage gegen Frankfurt war, dass der Gegner diesen Erfolg im Vorfeld planen konnte, meint Jean-Julien Beer. Werder würde mehr Flexibilität helfen – und natürlich, immer noch, mehr Tempo.
29.08.2022, 18:35
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Eine Mannschaftssitzung der besonderen Art
Von Jean-Julien Beer

Vergangene Woche gab es eine Mannschaftssitzung der besonderen Art. Nicht in Bremen, sondern in Frankfurt. Dort hatten die Video-Analysten der Eintracht einige Szenen aus Werders bisherigen Bundesligaspielen zusammengeschnitten. Dieses Material war deshalb außergewöhnlich, weil es gar keine Überraschungen gab: Ob in Wolfsburg oder in Dortmund oder beim Heimspiel gegen Stuttgart – die Bremer Mannschaft spielte immer in einem identischen 3-5-2-System. Die einzige Mini-Änderung bestand darin, dass Ilia Gruev gegen Stuttgart den erkrankten Christian Groß im defensiven Mittelfeld vertrat. Und in all diesen Spielen war das zu sehen, was Werder-Fans an den ersten Spieltagen erfreut als die gute alte Werder-DNA ansahen: Eine mutige Bremer Mannschaft, die ihre Gegner mit Engagement tief in deren Hälfte attackierte.

Und jetzt wurde er deutlich, der Unterschied zwischen zweiter Liga und Bundesliga. Nicht auf dem Rasen, zumindest noch nicht. Sondern im Besprechungsraum der Eintracht-Spieler. Wo sich die Gegner vergangene Saison oft darauf beschränkten, gegen die favorisierten Bremer ein Abwehrbollwerk zu errichten und Werder den Ball zu überlassen, da wählten die Spieler von Eintracht Frankfurt einen völlig anderen Ansatz. Ihnen war egal, dass Werder noch kein Spiel verloren hatte. Sie interessierten sich auch nicht für die Bremer Tore. Sie suchten gezielt nach einer Schwachstelle – und entdeckten ein Muster: Immer dann, wenn Werder mit mehreren Angreifern ausschwärmte, um die Abwehrspieler des Gegners beim Spielaufbau zu stören, taten sich dahinter Lücken auf, zudem postierte sich auf Höhe der Mittellinie eine Abwehrkette (Friedl, Pieper, Veljkovic), der es in Sprintduellen klar an Tempo fehlte.

Die Frankfurter Spieler sahen diese Szenen im Video und entwickelten nun selbst einen Plan, wie man das ausnutzen könnte. „Wir wussten ja, dass Bremen wie immer spielt, wir haben sie so erwartet“, erzählte Trainer Oliver Glasner, der seinen Spielern ein Kompliment aussprach: „Die Jungs waren selbst in der Analyse dabei und haben eine Idee entworfen, und sie haben diese dann großartig umgesetzt.“

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Wer mag, kann sich das noch einmal ansehen, vor allem vor dem dritten Frankfurter Treffer, aber im Prinzip auch beim vierten. Die Idee bestand darin, die Bremer Angreifer bis fast zum Frankfurter Strafraum zu locken, um dann über die defensiven Mittelfeldspieler (hier Rode) einen schnellen Pass in die Tiefe zu spielen und Werders Abwehrspieler in Laufduelle zu verwickeln, in denen sie klar unterlegen waren. Bei diesem dritten Treffer waren sieben (!) Werder-Profis in der gegnerischen Hälfte unterwegs, um den Ball zu erobern, vier davon liefen vorne Mann gegen Mann an. Kaum hatte Frankfurt den Ball steil nach vorne gespielt, versuchten die drei verbliebenen Bremer Abwehrspieler ihr Tor zu verteidigen – und waren gegen drei schnellere Angreifer machtlos. Glasner: „Wir wussten, dass wir bei einem drei gegen drei dann Tempovorteile haben.“

Nun ist eine knappe Niederlage gegen den Europa-League-Sieger keine Schande für einen Aufsteiger wie Werder. Das Problem ist eher, wie vorhersehbar und planbar dieser Erfolg für den Gegner war. Einerseits, weil man schon Tage vorher prognostizieren kann, mit welchen elf Spielern Werder aufläuft. Und zweitens, weil die Bremer Tempodefizite in der Defensive den meisten Bundesligisten noch bestens bekannt sind – es sind ja viele Spieler noch da, die schon beim Abstieg zu oft hinterherliefen. Ein Tempo wie nun von Frankfurt haben sie in der Zweitligasaison nie erleben müssen.

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Das Problem mit der oft gleichen Startelf ist vielleicht lösbar, wenn Trainer Ole Werner es schafft, die Kluft zwischen der Stammelf und den Spielern dahinter zu verringern – sodass Werder auch mal mit einer Viererkette oder mit einer anderen Mittelfeldbesetzung überraschen kann. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass sich nicht viele Alternativen aufdrängen, am ehesten noch Niklas Schmidt und Lee Buchanan. Bei Oliver Burke wirkt es nicht so, als wäre er ein Mann für ein ganzes Spiel. Das zweite Problem ist nur in den künftigen Transferfenstern lösbar: Wo Bremen zu Rehhagels Zeiten bei neuen Spielern auf Größe achtete, wäre nun Tempo nötig.

Die gute Nachricht für Werder: Nicht alle Bundesligavereine haben so clevere und schnelle Spieler, die sich ein Team wie Bremen quasi wie auf dem Schachbrett zurechtlegen können. Die schlechte: Bayern, Leipzig, Leverkusen, Union und Gladbach sind noch schneller.

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