Kommentierter Spielbericht Unmut und frische Unzufriedenheit nach Werders 2:2 in Sandhausen

Werder konnte in der Partie gegen den SV Sandhausen erst durch ein spätes Tor in der Nachspielzeit einen Punkt holen. Zufrieden sind die Fans mit dem Ergebnis allerdings nicht.
25.10.2021, 08:56
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Von Carsten Sander

1436 Fans des SV Werder waren sich weitgehend einig, wie das Spiel ihres Teams zu bewerten war. „Wir haben die Schnauze voll“, riefen sie im Chor. Und immer wieder auch: „Baumann raus!“ Es war die Art der mit zum Auswärtsspiel beim SV Sandhausen gereisten Bremer Anhänger, mit einer Werder-Leistung umzugehen, die einmal mehr weit hinter den Erwartungen an den Bundesliga-Absteiger zurückgeblieben war. Die am Ende aber wenigstens noch einen Punktgewinn geliefert hatte. Durch ein Tor in der Nachspielzeit des bei Werder zuletzt wenig gut gelittenen Niclas Füllkrug holte der Bundesliga-Absteiger ein 2:2 (1:1) und vermied mit Ach und Krach die nächste schwere Auswärtsniederlage.

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Der Füllkrug-Treffer wurde im Bremer Block zwar laut und heftig bejubelt, doch glücklich verließen die Fans das kleine, nur mit 7252 Zuschauern gefüllte Stadion am Hardtwald deshalb nicht. Was sie von der Darbietung ihrer Mannschaft hielten, hatten sie schon vorher, beim Stand von 1:1 und 1:2 kundgetan. Wieder war kein Fortschritt zu erkennen gewesen, wieder war Werder alles schuldig geblieben, was ein Team mit Aufstiegsambitionen haben sollte. Dass sich der Zorn der Fans gegen Sportchef Frank Baumann richtete, zeigt, wen sie für den Schuldigen halten. Baumann ist verantwortlich für die Personalauswahl – und das gewählte Personal funktioniert nicht so zusammen, wie es sollte. Der Abstand auf die Aufstiegsplätze wächst stetig, nach dem Remis in Sandhausen beträgt er bereits sieben Punkte. Und die kommenden Gegner haben es in sich: FC St. Pauli, 1. FC Nürnberg, Schalke 04 – es sind drei Teams aus den Top 5, die jetzt auf Werder warten.

Es werden harte Wochen, keine Frage. Denn wie sollen die Bremer gegen Spitzenteams der Liga bestehen, wenn schon beim Tabellen-16. aus Sandhausen nur ein final glücklicher Punktgewinn herausspringt? Selbst Trainer Markus Anfang, ob seiner Position grundsätzlich zum Positivdenken verpflichtet, schaffte es am Sonntag nicht, das 2:2 als einen Erfolg zu werten. Ehrlich räumte der Coach ein: „Wenn du spät in Rückstand gerätst, dann aber noch das 2:2 machst und das Spiel nicht verlierst, ist das zwar erstmal ein positives Gefühl. Aber wir sind eigentlich nicht hier, um Spiele nicht zu verlieren, sondern um Spiele zu gewinnen.“

Letzteres gelingt Werder aber kaum noch. Von den vergangenen fünf Partien verloren die Bremer drei – und hätte Füllkrug nicht in der 92. Minute seinen linken Fuß an die Hereingabe von Oscar Schönfelder gehalten, wären es sogar vier gewesen. Das besonders Frustrierende daran: Werder war in Sandhausen die klar bessere Mannschaft – jedenfalls sagten das die Spieldaten aus. 67 Prozent Ballbesitz, 522:250 gespielte Pässe, 16:12 Torschüsse, 60:48 gewonnene Zweikämpfe – es waren schöne Zahlen, die aber nur wie ein Makeup auf dem Bremer Spiel lagen. Denn die eigentliche Wahrheit der Partie wurde nicht in Zahlen abgebildet, wohl aber in der Analyse von Coach Anfang: „Wir haben insgesamt zu viele individuelle Fehler gemacht, um drei Punkte mitzunehmen.“

Den gravierendsten Aussetzer leistete sich Innenverteidiger Lars Lukas Mai, als er, leicht unter Druck gesetzt, einen zu kurzen Rückpass auf Torhüter Michael Zetterer spielte. Bashkim Adjini erlief den Ball und wurde von Zetterer gefoult. Den Elfmeter verwandelte das ehemalige Werder-Talent Pascal Testroet (von 2008 bis 2011 in Bremen) zum 1:1 (29.). Zuvor hatte Nicolai Rapp für die frühe Gästeführung gesorgt (12.). Testroet traf dann in Minute 84 auch noch zum 2:1 für Sandhausen, nachdem zuvor Marco Friedl einen schlimmen Fehlpass gespielt und Mai in der Mitte nicht aufgepasst hatte. „Wir spielen eigentlich auf Sieg, machen dann aber wieder den individuellen Fehler und verteidigen auch im eigenen Sechzehner nicht“, ließ Anfang die Szene des 1:2 Revue passieren und fasste zusammen: „Wir bringen uns einfach selbst immer wieder in Schwierigkeiten. Das ist absolut frustrierend.“ Anfang brachte die Gegentore aber – wie schon nach dem 0:3 in Darmstadt und anderen vorangegangenen Niederlagen – nicht in Zusammenhang mit Taktik, System und Spielausrichtung. Es läge allein an Jugend und Unerfahrenheit der Spieler: „Sie sind nur manchmal stabil, aber nicht immer.“ Angemerkt werden muss an dieser Stelle, dass es Aufgabe des Trainers ist, jene Spieler zu erkennen, die stabil sind und die dann auch spielen zu lassen. Anfang: "Wir arbeiten daran, sie stabil zu bekommen."

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In der Summe ergeben Fehler wie die des indisponierten Mai (21) und von Friedl (23) normalerweise eine Niederlage. Doch Sandhausen machte es nicht viel besser, ließ Werder in den letzten Minuten noch mal entkommen. Weshalb Anfang am Ende wenigstens noch auf einen intakten Teamspirit und eine starke Schlussoffensive verweisen konnte. „Eigentlich bist du nach dem späten Rückstand schon der Verlierer. Für diesen Moment muss ich meiner Mannschaft aber ein Lob aussprechen, dass wir da Moral bewiesen und weiter nach vorne gespielt haben. Dann freut es mich natürlich auch, dass wir dafür belohnt werden. Beim Tor von Fülle haben wir ja gesehen: Alle wollten das Ding noch drehen."

Letztlich drückte Füllkrugs Ausgleich auch den Protestpegel der Fans auf der Tribüne nach unten. Aber der Unmut über die sportliche Negativentwicklung bleibt – für Anfang ist das sogar nachvollziehbar. „Dass es da eine gewisse Unzufriedenheit gibt, ist legitim. Wir sind alle nicht damit zufrieden und glücklich, dass wir das Spiel nicht gewonnen haben. Wir haben uns aus den Partien in Darmstadt und Sandhausen natürlich mehr erhofft. Jetzt müssen wir damit leben, dass Unruhe aufkommt.“

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