Wirtschaftsprofessor Vom Werder-Kritiker zum Fürsprecher: Hickel denkt um

Es ist nur rund zwölf Monate her, da sah der Bremer Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel Werder am Abgrund der Insolvenz. Die Anleihe? Zu riskant. Heute beurteilt Hickel die Lage des Vereins völlig anders.
10.05.2022, 18:41
Lesedauer: 4 Min
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Von Björn Knips

Vor fast genau einem Jahr hat sich Prof. Dr. Rudolf Hickel noch große Sorgen um seinen Lieblingsverein, den SV Werder, gemacht. Der renommierte Bremer Wirtschaftswissenschaftler befürchtete sogar die Insolvenz. „Ich war auch ein Kritiker der Anleihe“, betont er rückblickend. Wegen der Zinsbelastung zu teuer für Werder, wegen der drohenden Insolvenzgefahr zu riskant für die Anleger. Doch Hickel hat seine Meinung geändert: „Die Anleihe ist zusammen mit den durch das Land Bremen verbürgten Krediten zur Stabilisierung des SV Werder erfolgreich genutzt worden.“

Weil auch andere Vorhaben der Geschäftsführung gegriffen hätten, lehnt sich der Wirtschaftsexperte „weit aus dem Fenster“, wie er selbst sagt: „Egal, ob in der 1. oder 2. Liga: Werder ist mindestens für die nächsten zwei Jahre finanziell abgesichert, wahrscheinlich sogar bis zur Rückzahlung der Anleihe 2026. Es darf natürlich kein zweites Corona geben. Der Erfolg der Geschäftsführung bei der Schaffung finanzieller Stabilität muss jetzt durch den sportlichen Erfolg der Spieler vollendet werden.“ Das ist ein klarer Auftrag im Aufstiegsrennen.

Rückblick: Ende 2020 musste Werder mithilfe einer Landesbürgschaft Kredite in Höhe von 20 Millionen Euro aufnehmen, um finanziell zu überleben. Die Mindereinnahmen in Folge der Corona-Pandemie und des sportlichen Misserfolgs hatten den Club hart getroffen. Doch das Geld reichte nicht. Werder entschied sich für eine an der Börse notierte Mittelstandsanleihe – mit einer allerdings üppigen Verzinsung von 6,5 Prozent. „Wenn ich nach solchen Renditen gefragt werde, lautet meine Antwort eigentlich immer: Bei einem Angebot von über sechs Prozent oder mehr können Sie Ihr Geld auch gleich in der Weser versenken, so riskant ist das meistens“, sagte Hickel vor einem Jahr im Interview mit unserer Deichstube.

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Werder sammelte dennoch immerhin 17 Millionen Euro ein – 20 waren angepeilt, bis zu 30 möglich gewesen. Die Kursnotierungen bescheinigen der Anleihe eine stabile Entwicklung, „sie ist also akzeptiert“, so Hickel. Dabei kam es in den vergangenen Monaten zu interessanten Kursschwankungen – mit einem Tiefstwert von 103 (1. Januar) und mit einem Höchstwert von 112 (1. April). „Da muss jemand auf was auch immer spekuliert haben“, glaubt Hickel. Aktuell liegt der Kurs bei 106,5. Am 8. Juni ist erstmals Zahltag. Werder muss den Anlegern pro Einlage von 1000 Euro 65 Euro auszahlen.

So geht das Jahr für Jahr weiter bis Ende Juli 2026. Dann steht die komplette Rückzahlung an – eigentlich. Werder will die fälligen 17 Millionen Euro vor allem durch Transferüberschüsse erwirtschaftet haben. Wenn das nicht klappt, dann kann sich Hickel vorstellen, „dass eine neue Anleihe aufgelegt wird – und auch noch etwas draufgepackt wird in Richtung 25 bis 30 Millionen Euro“. Für Werder als ein von den Ausgaben wachsendes Mittelstandsunternehmen sei es eben nicht so einfach, an Geld zu kommen, so lange kein Investorenmodell gefunden werde. Letzteres ist für den Wirtschaftsexperten eigentlich die einzige Lösung, damit Werder im Bundesligageschäft mit internationalen Ambitionen bestehen kann. Die Suche nach passenden Partnern, die auf das operative Geschäft keinen Einfluss nehmen, sei aber extrem schwierig.

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Der Geschäftsführung stellt Hickel ein gutes Zeugnis aus, sie habe den Weg aus der Insolvenzbedrohung hin zur finanziellen Stabilität erfolgreich eingeschlagen. „Diese erfolgreiche Kärrnerarbeit habe ich der Geschäftsführung auch wegen der Corona-Belastungen nicht zugetraut“, gesteht Hickel und lobt dabei ausdrücklich Klaus Filbry als Vorsitzenden des dreiköpfigen Gremiums: „Er hat bei der Vermeidung der Insolvenz einen sehr guten Job gemacht und dem Club für die nächsten Jahre fiskalischen Spielraum verschafft.“ Abzulesen sei das auch am Konzern-Zwischenergebnis für den Zeitraum vom 1. Juli bis 31. Dezember 2021. Werder erwirtschaftete ein Plus von 19,3 Millionen Euro, nach einem Minus von 17,3 Millionen Euro im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres. „Das war ein deutliches und sehr gutes Signal an die Börse“, findet Hickel.

Verantwortlich für diese Zahl waren Einsparungen in allen Bereichen, eine Reduzierung des Kaderbudgets von 47 Millionen Euro auf unter 20 und Transfererlöse von fast 21 Millionen Euro. Da habe auch Frank Baumann als Geschäftsführer Sport gut abgeliefert, so Hickel. Weil im Winter keine Einnahmen durch Spielerwechsel dazukamen, die Ausgaben aber weiterlaufen, wird das Ergebnis natürlich schmelzen – wohl auf einen Betrag im unteren einstelligen Millionen-Bereich. Hickel bezeichnet aber auch das „als eine gute Entwicklung“ und spricht von einem „Befreiungsschlag, der allerdings den Preis hoher Zinslasten hat“.

Die Zinsen für den Kredit und die Anleihe müssten Jahr für Jahr verdient werden. Deshalb kommt der Professor bei der Frage, ob er sich nun selbst eine Anleihe kaufen würde, auch ein wenig ins Stocken. Wegen der allgemeinen Kapitalmarktrisiken stehe er generell Unternehmensanleihen sehr skeptisch gegenüber. „Allerdings würde ich inzwischen zumindest mal darüber nachdenken“, antwortet er nach kurzer Zeit, überlegt noch mal, um sich dann doch festzulegen: „Ich würde die Anleihe eigentlich kaufen, weil der Zinssatz sehr attraktiv und das Risiko eines Totalverlusts bis Juli 2026 extrem niedrig ist. Aber Werder zahlt aus meiner persönlichen Sicht als Fan per Zinsen einen sehr hohen Preis, das möchte ich dem Club gerne ersparen.“ Wer von der Anleihe profitiere, der könne ja einen Teil des Zinsertrages per Spende an den Verein zurückgeben, so Hickel. Er selbst hilft Werder zwar nicht mit einem Kauf, aber Filbry und Co. dürften sich schon freuen, dass aus dem Kritiker Hickel ein Fürsprecher geworden ist.

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