Verteidiger aus Kopenhagen

Anthony Jung wechselt zu Werder Bremen

Nach dem Bundesliga-Abstieg ist bei Werder Bremen personell erst einmal fast gar nichts passiert. Nun kommt aber Bewegung in die Sache. Mit Anthony Jung wurde der erste Zugang vermeldet.
09.06.2021, 17:19
Lesedauer: 4 Min
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Von Carsten Sander
Anthony Jung wechselt zu Werder Bremen

Anthony Jung (links) hatte eine erfolgreiche Zeit bei Bröndby Kopenhagen.

Andreas Gora/dpa

Niemand sollte behaupten, die Bröndby-Fans hätten nicht um ihn gekämpft. Als sich abzeichnete, dass Anthony Jung seinen Vertrag bei Bröndby Kopenhagen nach vier Jahren nicht verlängern würde, gab es verschiedene Aktionen, um den deutschen Verteidiger doch zum Bleiben zu überreden. Vergeblich. Denn Jung unterschrieb am Mittwochnachmittag einen Vertrag beim SV Werder. Der 29-jährige Abwehrspieler ist der erste Neuzugang nach dem Abstieg in die 2. Liga – und er ist ablösefrei.

„Wir sind sehr froh, mit Anthony einen erfahrenen Profi verpflichtet zu haben. Er hat bei Bröndby auf und neben dem Platz eine ganz wichtige Rolle eingenommen“, sagt Werder-Sportchef Frank Baumann, der mit der Verpflichtung des ehemaligen deutschen U20-Nationalspielers (zwei Einsätze) einen Bereich im Team bearbeitet, der sich noch zur Großbaustelle entwickeln wird. Weil Niklas Moisander schon weg ist und auch die EM-Fahrer Marco Friedl und Ludwig Augustinsson ziemlich sicher nicht mit in die 2. Liga gehen werden, hat Werder links defensiv erhöhten Handlungsbedarf. Und genau dort ist Linksfuß Jung fußballerisch zu Hause. „Anthony kann Dreierkette und mehrere Positionen in der Viererkette spielen. Er ist sehr variabel. Er bringt eine positive Energie und eine Siegermentalität in unsere Mannschaft, die nach dem Abstieg wichtig für uns ist“, erklärt Bremens neuer Chefcoach Markus Anfang in einer Vereinsmitteilung.

In Dänemark wird über den Wechsel die eine oder andere Träne vergossen werden. Denn Jung, den hätten sie bei Bröndby gerne behalten. Jedenfalls lässt die Twitter-Aktion „foreverjung“ in Anlehnung an den alten Alphaville-Hit „Forever young“ sowie ein Musik-Video auf Youtube darauf schließen. Auf die Melodie des Beatles-Klassikers „Let it be“ wurde einfach der Refrain „Bleib jetzt hier in Bröndby, Anthony“ gepackt und dazu viele Fotos von Jung im Bröndby-Trikot gestellt. Herzzerreißend, aber fruchtlos. Anthony Jung hat sich nach einem Pokalsieg mit Bröndby (2018) und der Meisterschaft in diesem Sommer entschieden, nach Deutschland zurückzukehren. Am Mittwoch absolvierte er den Medizincheck, am Nachmittag erfolgte die Unterschrift.

Aber wer ist eigentlich dieser Anthony Jung, der in Kopenhagen eine so kreative und musikalische Fan-Gemeinde hat? Geboren wurde er in Villajoyosa an der spanischen Costa Blanca, aufgewachsen ist er aber in Hessen. Und Fußballspielen hat er beim SV Wehen Wiesbaden sowie bei Eintracht Frankfurt gelernt. Zweimal lief Jung für die deutsche U20-Nationalmannschaft auf, ehe beim FSV Frankfurt die Profi-Karriere startete. Nach zehn Zweitliga-Einsätzen ging es weiter zu RB Leipzig, wo Jung zum Stammpersonal gehörte, das zwischen 2013 und 2016 von der dritten in die erste Liga marschierte. Dann ein Jahr auf Leihbasis beim FC Ingolstadt mit 16 Erstliga-Einsätzen und schließlich 2017 der Wechsel zu Bröndby IF. Dort war der 1,86 Meter große Defensivakteur in der Meistersaison absoluter Stammspieler, absolvierte 31 von 32 Partien und ging immer über die volle Distanz. Leistungsträger und Publikumsliebling – das sind zwei Begriffe, die zu Jung und seiner letzten Saison in Dänemark gehören.

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Verwunderlich ist es schon, dass ein Spieler mit diesem Standing die Chance auf die Champions League – Bröndby muss als dänischer Meister nur eine Playoff-Runde bis zur Gruppenphase überstehen – und die sichere Teilnahme an der Europa League gegen Werder Bremen und die Zweite Liga eintauscht. Von außen betrachtet ist das ein Rückschritt. Jung, Marktwert 800.000 Euro, sieht das jedoch ganz anders. „Nach gut vier Jahren in Kopenhagen mit einem erfolgreichen Abschluss und der gewonnenen Meisterschaft freue ich mich, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Nachdem der Anruf von Werder Bremen und Markus Anfang kam, musste ich nicht lange überlegen. Es wird eine brutal spannende Liga mit vielen großen Clubs. Ich kann es kaum erwarten, bei Werder loszulegen und mit Werder erfolgreich zu sein.“ Laut Frank Baumann hat Jung sogar  "sowohl ein sehr gutes Angebot von Bröndby als auch ein Angebot aus der Bundesliga abgelehnt, um zu Werder zu kommen und hier erfolgreich zu sein“.

Daniel Jensen kennt Jung aus der dänischen Superligaen, hat ihn dort oft in Aktion gesehen. „Er ist ein guter Spieler, stark auch in der Offensive“, urteilt der ehemalige Werder-Profi, der zwischen 2004 und 2011 an der Weser spielte, gegenüber unserer Deichstube. Heute arbeitet Jensen als Spielerberater in Dänemark. Der 41-Jährige sieht Jung jedoch nicht nur in der Abwehrkette, sondern auch in einem breiten Mittelfeld auf der linken Seite gut aufgehoben: „Er kann ein Spiel lesen.“ 

Zur Sache

77 Minuten Werder-Erfahrung

Am 27. Juni wird Anthony Jung vermutlich seine Premiere im Werder-Trikot feiern – und der Ort, an dem das geschieht, dürfte ihm sehr bekannt vorkommen. Denn das Heinz-Dettmer-Stadion in Lohne, wo Werder an diesem 27. Juni das erste Testspiel der Saisonvorbereitung gegen den Oberligisten BW Lohne bestreitet, war auch der Schauplatz seiner ersten von bislang nur zwei Werder-Erfahrungen. Mit dem FC Ingolstadt testete Jung im August 2016 in Lohne gegen Werder und verlor 0:1. Im Dezember folgte dann noch ein Bundesliga-Vergleich, den wieder die Bremer gewannen – diesmal mit 2:1. Insgesamt 77 Minuten stand Jung in beiden Partien auf dem Platz – gegen Werder.

Für die Bremer dürften es bald sehr, sehr viele Minuten mehr werden für den Mann, der bislang vier Stationen in seiner Vita als Profi stehen hat.
2012/13: FSV Frankfurt, 2. Liga, 10 Spiele, 0 Tore, 1 Assist
2013/14: RB Leipzig, 3. Liga, 24 Spiele, 3 Tore, 3 Assists
2014-2016: RB Leipzig, 2. Liga, 54 Spiele, 0 Tore, 2 Assists
2016/17: FC Ingolstadt, Bundesliga, 16 Spiele, 1 Tor, 1 Assist
2017-2021: Bröndby IF, Superligaen, 124 Sp., 4 Tore, 11 Ass.
                    plus 10 Spiele in Europa-League-Qualifikaton

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