Taktik-Analyse Werder-Gala mit Werner-System – wie sich Gladbach überrumpeln ließ

Mit diesem Spielverlauf hat wohl niemand gerechnet. Werder Bremen hat am Samstagabend Borussia Mönchengladbach überrollt und einen deutlichen 5:1-Sieg eingefahren. Wie es dazu kam, zeigt unsere Taktik-Analyse.
02.10.2022, 13:45
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Escher

Werder Bremen feiert einen 5:1-Erfolg über Borussia Mönchengladbach. Ole Werner musste für diesen Sieg nicht einmal eine besondere Taktik zurechtlegen. Sein Team profitierte davon, dass der Gegner überhaupt nicht vorbereitet schien auf das Bremer System. Die Taktikanalyse:

Ole Werner ist kein Buch mit sieben Siegeln. Seit er Werder Bremen im November 2021 übernommen hat, setzt er auf Kontinuität. Die Formation, die taktische Ausrichtung, die Spielweise: Bei Werder weiß der Zuschauer, was er bekommt. Umso seltsamer erscheint Borussia Mönchengladbachs Auftritt im Weserstadion. Das Team von Trainer Daniel Farke machte so ziemlich alles falsch, was man gegen Werder falsch machen kann.

Auch gegen Borussia Mönchengladbach blieb Werner sich treu. Weder seine Startformation noch die Wahl der Taktik überraschten. Werder stellte sich in einem 5-3-2-System auf. Niclas Füllkrug und Marvin Ducksch bewegten sich als Stürmer gewohnt viel. Im Ballbesitz wurde aus der Fünfer- eine Viererkette: Mitchell Weiser rückte als Rechtsverteidiger weit vor, während sich Linksverteidiger Anthony Jung zurückhielt. Dieses taktische Mittel nutzt Werder Bremen bereits die gesamte Saison.

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Gegen den Ball setzte Werder Bremen auf eine enge Manndeckung. Die drei Mittelfeldspieler verfolgten ihre jeweiligen Gegenspieler. Auch die Außenverteidiger rückten weit heraus, um die gegnerischen Außenverteidiger zu stellen. Gerade in der Anfangsphase nutzte Werder diese Manndeckungen, um überall auf dem Feld in Zweikämpfe zu gelangen. Der Gegner sollte in der Anfangsphase durch ein hohes Pressing erdrückt werden.

Werder Bremen mit effektivem Pressing gegen Gladbach

Borussia Mönchengladbach schien überrumpelt von dem frühen Pressing der Bremer. Farke hatte seine Mannschaft in einer Mischung aus 4-2-3-1 und 4-3-3 aufgestellt. Gegen diese Formation kann Werder Bremen mit dem eigenen 5-3-2 besonders effektiv pressen: Im zentralen Mittelfeld stellten sich die Manndeckungen automatisch her. Werders Doppelacht konnte die gegnerische Doppelsechs decken, Sechser Christian Groß konnte Zehner Christoph Kramer aus dem Spiel nehmen. Die Gladbacher wollten zwar flach hinten herausspielen, verloren unter dem Druck der Bremer aber zahlreiche Bälle. Sie fanden nicht ins Spiel.

Auch defensiv machte Borussia Mönchengladbach so ziemlich alles falsch, was man gegen Werder falsch machen kann. Im Ballbesitzspiel kennt Werder zwei vornehmliche Angriffswege: Häufig versucht Werder Bremen, mit direkten Bällen die beiden Stürmer zu füttern. Füllkrug und Ducksch lassen sich dafür häufig ins offensive Mittelfeld fallen. Werder bedient sie mit flachen Zuspielen oder auch mit langen Bällen.

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Alternativ versucht Werder Bremen, die nach vorne startenden Achter einzusetzen. Einen klassischen Spielzug nutzt Werder fast durchgehend seit der Zeit unter Trainer Florian Kohfeldt: Wenn der Außenverteidiger den Ball an der Linie erhält, startet der Achter diagonal Richtung Eckfahne. Rückt nun der gegnerische Außenverteidiger auf Werders Außenverteidiger, hat der Achter freie Bahn vor sich. Werner entwickelte diese Variante weiter. Unter dem aktuellen Trainer kann es schon einmal vorkommen, dass sich Achter Romano Schmid auf Außen anbietet und Rechtsverteidiger Weiser in die Tiefe startet. So oder so: Die Tiefenläufe aus dem Mittelfeld sind eine absolute Stärke der Bremer.

Werder beweist, zu welchen Leistungen die Mannschaft fähig ist

Borussia Mönchengladbach fand keine Antwort auf diese typischen Werder-Spielzüge. Der 1:0-Führungstreffer hätte direkt aus Werners Taktik-Notizbuch stammen können: Weiser bekam rechts den Ball, zog den Außenverteidiger auf sich und schickte Schmid in die Tiefe. Dessen Flanke versenkte Niclas Füllkrug (5.). Das 2:0 wiederum leitete Torschütze Ducksch selbst ein (8.). Kein Gladbacher fühlte sich zuständig, als er sich in den Zehnerraum fallenließ. Zwei derbe Patzer von Ramy Bensebaini sorgten dafür, dass Werder Bremen bereits zur Pause mit 4:0 führte.

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Dass Werder Bremen so früh deutlich führte, half ihnen, das Spiel in der Folge zu verwalten. Nach dem 3:0 kam Borussia Mönchengladbach zu mehr Ballbesitz. Die Mittelfeldspieler ließen sich immer wieder weit fallen, um sich der Manndeckung der Bremer zu entziehen. Werder zog sich in der Folge im 5-3-2 weiter zurück, sie verteidigten nun stärker raum- denn mannorientiert.

Im Verlauf der Partie wurde deutlich, dass Borussia Mönchengladbach durchaus gute Ideen hatte gegen Werders Spielsystem. Die Außenstürmer Jonas Hofmann und Lars Stindl zogen immer wieder ins Zentrum. Sie sollten Werders äußere Innenverteidiger binden, sodass hinter diesen ein Passweg in die Spitze frei wurde. Tatsächlich gelang es Gladbach mehrmals, hinter die Abwehrkette der Bremer zu gelangen. Am Ende kamen sie auf immerhin dreizehn Torschüsse, von denen acht auf den Kasten von Jiri Pavlenka gingen. So viele Schüsse musste Werder Bremens Keeper in dieser Saison in keinem Spiel halten.

Borussia Mönchengladbachs durchaus funktionierende Offensive konnte die Schwächen in der eigenen Defensive aber nicht kaschieren. Gerade über die Seite von Linksverteidiger Bensebaini brach Werder Bremen wieder und wieder durch. Über die gesamte Spielzeit kam Werder zu starken Chancen, gerade nach Flanken von der rechten Seite blieben sie gefährlich. So konnten die Bremer das Ergebnis auf 5:1 hochschrauben.

Werder unterstrich an diesem Abend, über welche Stärken sie verfügen. Mit ihrem hohen Pressing können sie den Spielaufbau des Gegners stoppen. Im eigenen Ballbesitz kennen sie verschiedene Mittel und Wege, die gegnerische Abwehr auszuhebeln. Mit Füllkrug lauert vorne ein Stürmer, der die eigenen Angriffe konsequent zu Toren veredelt. Gegen Borussia Mönchengladbach hat Werder Bremen endgültig bewiesen, zu welchen Leistungen sie fähig sind – wenn der Gegner mitspielt. Denn so viel gehört auch zur Wahrheit: Die Gladbacher wirkten mit ihrer 4-2-3-1-Formation überhaupt nicht vorbereitet auf die Spielweise der Bremer.

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