Taktikanalyse zur 1:7-Klatsche Warum Werder in Köln in allen Belangen unterlegen war

Was für ein miserabler Start ins neue Jahr. Werder Bremen geht mit 1:7 in Köln unter. Taktik-Analyst Tobias Escher listet die Mängel der Bremer auf und erklärt, warum die Grün-Weißen so unter die Räder kamen.
22.01.2023, 10:04
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Escher

Vorsätze sind leicht gefasst. Sie dann im neuen Jahr auch einzuhalten, ist die große Schwierigkeit. Werder Bremens Spieler mussten dies am Samstagabend am eigenen Leib erfahren. Das Fußballjahr 2023 beginnt für Werder mit der höchsten Niederlage dieser Saison. Der 1. FC Köln war den Bremern beim 1:7 in jeder Hinsicht überlegen. In erster Linie scheiterte Werder jedoch an sich selbst – und am mangelhaften Umschaltverhalten.

Werder-Trainer Ole Werner sah angesichts der gelungenen Saison keinen Grund, in der verlängerten Winterpause das Spielsystem zu verändern. Taktisch machte Werner dort weiter, wo er vor über zwei Monaten aufgehört hatte. Gegen den 1. FC Köln schickte er seine Elf in einem 5-3-2-System auf das Feld. Rechtsverteidiger Mitchell Weiser agierte wie gewohnt äußerst offensiv, während sich Linksverteidiger Anthony Jung etwas zurückhielt. Dadurch entstand eine Asymmetrie im Spielaufbau.

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Der erste Gegner im neuen Jahr war „spürbar anders“. So lautet nicht nur der Marketing-Slogan des 1. FC Kölns. Auch auf die Spielweise von Trainer Steffen Baumgart trifft der Ausspruch zu. Seine Kölner unterscheiden sich in ihrer Spielart von den übrigen Bundesligisten: Köln agiert wesentlich offensiver. So nehmen bei den Kölnern mehr Spieler an den eigenen Angriffen teil als bei einem typischen Bundesliga-Team. Es kann schon einmal vorkommen, dass sich sieben der zehn Feldspieler im gegnerischen Strafraum positionieren. Diese Spielweise ist für jeden Gegner eine Herausforderung; ganz besonders aber für den SV Werder Bremen, der selbst den Anspruch erhebt, offensiv aufzutreten.

Im direkten Duell dieser offensiven Spielideen erlangte der 1. FC Köln schnell die Oberhand. Werder setzte im eigenen 5-3-2-System auf enge Mannorientierungen. Gerade im Mittelfeld versuchen die Bremer, ihre Gegenspieler zu verfolgen. Das ist gegen Köln nicht einfach: Die Mittelfeldspieler starten ständig nach vorne, die Außenspieler rücken ins Zentrum, die Stürmer lassen sich fallen.

Werder hatte keine Kontrolle über das Mittelfeld

Vereinfacht gesagt: Werder Bremen war überfordert mit den zahlreichen Bewegungen der Kölner. Immer wieder ließen sich die Bremer Mittelfeldspieler herauslocken, sodass im Zentrum eine große Lücke klaffte. Werder wurde nicht Herr über das Mittelfeld. Köln konnte zumeist den ersten Pass auf die eigene Doppelsechs spielen. Auch nach langen Bällen gewannen sie praktisch jeden zweiten Ball. Der Raum vor Werders Abwehr blieb offen. So hatte Köln von der ersten Minute an einen gewichtigen Vorteil: Sie hatten die Kontrolle über das Mittelfeld.

Das Pressing des 1. FC Köln stellte Werder Bremen ebenfalls vor Probleme. Baumgart stellte seine Mannschaft in einem 4-2-3-1-System auf. Die beiden Außenstürmer rückten hierbei weit vor. Sie attackierten zusammen mit Stürmer Steffen Tigges Werders Dreierkette. Zehner Denis Huseinbasic bewachte wiederum Werders Sechser Christian Groß. Werder fand selten eine Antwort auf das Kölner Pressing. Die Kölner schafften es, das Spiel von Groß fernzuhalten. Stattdessen zwangen sie Werder, das Spiel auf die linke Seite zu verlagern. Anthony Jungs Pässe in die Spitze fing Köln jedoch ab. Auch offensiv gewann Werder kaum zweite Bälle. Auch hier klaffte eine große Lücke im Zentrum.

Werder Bremens Pressing wiederum funktionierte nicht gut. Köln agierte auch im eigenen Ballbesitzspiel äußerst offensiv und riskant. So rückten etwa die Innenverteidiger weit nach Außen, um das Spiel zu eröffnen. Werders Stürmer verfolgten diese Bewegungen nicht immer. Köln hatte somit jede Menge Zeit, das Spiel in die gegnerische Hälfte zu tragen. Und das taten sie auch: Mit riskanten, aber zielgenauen Pässen setzte Köln die eigenen Stürmer ein.

Werder lud Köln zum Kontern ein

Überlegenheit im Zentrum, starkes Pressing, Schwächen in der Bremer Defensive: Im Normalfall wären dies die Zutaten für einen Kölner 2:0-Sieg. Diese Faktoren erklären aber noch nicht, warum Werder Bremen mit 1:7 unter die Räder kam. Köln konnte nicht nur auf die eigene taktische Überlegenheit bauen. Sie bekamen von Werder auch zahlreiche Geschenke, die sie dankend annahmen. Fehlpässe, schlecht getretene Standards, miserable Einwürfe: Die Liste der Bremer Verfehlungen war lang.

Fehler können passieren. Das viel größere Problem war Werders Reaktion auf diese Fehler – oder besser gesagt: die kaum vorhandene Reaktion. Während beim 1. FC Köln nach Ballgewinnen vier oder fünf Spieler beherzt nach vorne sprinteten, blieben die Bremer stehen – und mussten dann hinterherhetzen. Gleich mehrfach lud Werder mit einfachen Fehlern Köln zu ebensolchen Kontern ein, um anschließend die entscheidenden zwei Schritte zu spät zu kommen.

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Den Bremern kann man zugutehalten, dass sie selbst nach den zahllosen Rückschlägen nicht aufgaben. Auch beim Stand von 1:5 versuchte Werder, Köln früh zu stören. Doch auch nun beging Werder Bremen weiter Fehler, sodass Köln das Ergebnis in die Höhe schrauben konnte. Erst als Baumgart nach und nach wechselte, sank das Tempo der Kölner Angriffe.

Am Ende musste Werder eine empfindliche 1:7-Niederlage einstecken. Die zahllosen Bremer Ballverluste waren ein gefundenes Fressen für die konterstarken Geißböcke. Mit ihren schnellen Angriffen entblößten sie die Abwehr der Bremer. Der offensive Stil der Kölner überforderte Werder. Der Start in das Jahr 2023 – er ist Werder in allen Belangen misslungen.

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