Nach 0:3-Desaster Werder-Coach Anfang geht auf Distanz zum Team

Nach dem 0:3-Desaster in Darmstadt kritisiert Werder-Coach Markus Anfang die mangelhafte Umsetzung seines Plans und rückt damit ein Stück weit von seiner Mannschaft.
18.10.2021, 17:40
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Von kni

Seit dem Flop mit der Möwe „Werdi“ verzichtet der SV Werder Bremen im Gegensatz zu vielen anderen Clubs auf ein tierisches Maskottchen. Aktuell ist das vielleicht auch ganz gut so, denn möglicherweise kämen dann bei einer Fan-Umfrage so unangenehme Vorschläge wie der Angsthase oder das Kaninchen vor der Schlange. So geht die Mannschaft nämlich sehr oft ins Spiel – und später dann, wie vergangenen Sonntag beim 0:3-Desaster in Darmstadt, als Verlierer vom Platz. Selbst bei den vier Siegen in dieser Saison regierte oftmals zunächst die Vorsicht. Das passt so gar nicht zu einem Absteiger, der als Traditionsclub und aus finanziellen Gründen eigentlich sofort zurück in die Bundesliga muss.

Es wirkt aber so, als habe Trainer Markus Anfang ganz bewusst diesen vorsichtigen Weg gewählt – quasi als Kenner der 2. Liga. Doch dem widerspricht der Coach energisch und betont, dass sein Plan nur von den Spielern richtig umgesetzt werden müsse, damit Werder erfolgreich ist. Er rückt damit auch ein Stück weit von seiner Mannschaft ab, was zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison eher ungewöhnlich ist.

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Offensivfußball ist das Markenzeichen von Markus Anfang

„Geht es nach mir, spielen wir von der ersten Minute an nach vorne und haben Aktionen. Deswegen haben meine Mannschaften in der Regel auch immer die meisten Tore geschossen“, betont Anfang. Was allerdings nur bedingt stimmt. Denn mit Darmstadt 98 belegte Anfang in der vergangenen Saison mit 63 Treffern „nur“ Platz vier in der Tor-Tabelle der 2. Liga. Mit dem 1. FC Köln (2018/19 – 84 Treffer) und Holstein Kiel (2017/18 – 71) betrieb er dagegen schon die jeweilige Tor-Maschine. Offensiv-Fußball ist deshalb auch sein Markenzeichen.

Doch bei Werder ist davon wenig zu sehen. 14 Treffer in zehn Spielen sind eher dürftig, die Tordifferenz ist sogar im Minus (14:15). In den vergangenen vier Spielen gingen die Bremer dreimal leer aus. Daran konnte auch Königstransfer Marvin Ducksch nichts ändern. Den Ex-Hannoveraner hatte sich Werder eine Ablösesumme von über drei Millionen Euro kosten lassen. So viel wird nur ganz selten in der 2. Liga gezahlt. Vier Tore in sechs Spielen für Werder sind von Ducksch wahrlich nicht schlecht, aber insgesamt ist Werder einfach zu ungefährlich.

Schuld an der Niederlage waren allein die Spieler

In Darmstadt konnte sich das Team in Halbzeit eins keine Torchance erarbeiten. Entweder wurde der Ball hilflos zurückgespielt oder im Angriff ganz schnell wieder verloren – mal durch einen Fehlpass, mal durch ein verlorenes Eins-gegen-eins. Das wirkte zuweilen schon etwas planlos. Doch auch da widerspricht Anfang: „Die Marschroute ist klar. Jeder weiß genau, was er zu machen hat. Wir kennen die Räume des Gegners, wissen, wo wir reinspielen können. Am Ende geht es um die Umsetzung. Heute war es kein Spiel, das in irgendeiner Form etwas mit Taktik zu tun hatte.“ Das heißt: Schuld an der Niederlage waren allein die Spieler, die den Plan des Trainers nicht richtig ausgeführt haben. Und Anfang geht dabei noch einen Schritt weiter, indem er beklagt: „Wir können immer wieder davon reden, dass wir etwas aufbauen wollen und junge Spieler haben. Aber wir müssen auch diese Entwicklung machen und daraus lernen. Und es muss irgendwann auch zu sehen sein, dass wir daraus lernen.“

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Bei aller Kritik am Lerntempo seiner Spieler nahm Anfang sie aber auch ein wenig in Schutz. Eine Mitschuld trage auch die Werder-Vergangenheit, so der Coach. „Es ist eine Mannschaft, die aus zwei schweren Jahren kommt, wo der Gedanke immer war, nach hinten sicher zu sein. Das müssen wir rausbekommen. Wir müssen den Gedanken nach vorne haben“, fordert der 47-Jährige. Allerdings standen gegen Darmstadt nur fünf Spieler in der Startelf, die den Abstieg miterlebt haben – und Manuel Mbom, Eren Dinkci und Michael Zetterer haben dabei wenig bis gar nicht gespielt. Also dürften eigentlich nur – wenn überhaupt – Marco Friedl und Milos Veljkovic einen Abstiegsknacks haben. Es waren in Darmstadt aber eher die Neuzugänge wie Nicolai Rapp oder Lars Lukas Mai, die verunsichert wirkten. Beides übrigens Spieler, die Anfang schon aus der Vorsaison kennen und auch auf seinen Wunsch verpflichtet worden sind. Die Angst kann also nicht nur aus dem Abstieg resultieren, sie muss neu erwachsen sein. 

Anfang wirbt für Geduld

„Wenn wir mehr Erfolgserlebnisse haben, wird es besser werden“, glaubt Anfang und verweist auf seine Vergangenheit: „In Darmstadt war es genauso. Diesen Gedanken nach vorne hinzubekommen, das hat lange gedauert. Irgendwann ist der Knoten dann geplatzt.“ Nach einem schwachen Start legte Anfang mit den „Lilien“ in der Vorsaison die beste Rückrunde der Vereinsgeschichte hin und schaffte noch Platz sieben. Ob das jedoch den Ansprüchen des SV Werder genügen würde, bleibt abzuwarten.

Anfang wirbt jedenfalls um Geduld und will nach seinem öffentlichen Abrücken von der Mannschaft intern nicht viel anders machen: „Wir gewinnen gegen Heidenheim und alles ist super. Dann nach einer Niederlage in Darmstadt alles zu verändern, ist schwierig. Diese Mannschaft braucht eine gewisse Kontinuität, um Sicherheit und Stabilität zu entwickeln. Die Jungs können guten Fußball spielen, am Ende geht es aber auch darum, das zu zeigen.“

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