Otten, Burdenski, oder Konschal

Die Angst der Alt-Absteiger

Als Werder erstmals abstieg, gelang postwendend die Rückkehr in die Bundesliga. Jonny Otten oder Dieter Burdenski waren damals dabei und sorgen sich, dass es nun keine schnelle Rückkehr gibt.
27.05.2021, 16:32
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Von Hans-Günter Klemm
Die Angst der Alt-Absteiger

Jonny Otten gehörte zu den Spielern, die beim ersten Werder-Abstieg mit dabei waren (Archivfoto).

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Als es endgültig bergab ging, war er schon längst woanders. „Ich konnte nichts dafür“, darf Paul Linz mit Fug und Recht behaupten. Der Ex-Profi, zwei Jahre zuvor zu Werder Bremen gewechselt, stand zu Beginn der Abstiegssaison 1979/80 zwar noch im Aufgebot des Erstligisten, kam indes kaum zum Zuge und wurde im Winter an den OSC Bremerhaven abgegeben. Der gebürtige Trierer erlebte somit in dem Jahr des ersten Bremer Debakels ein besonderes Schicksal. „In jenem Jahr bin ich gleich zweimal abgestiegen, auch mit Bremerhaven ging es aus der 2. Liga runter“, erinnert sich Linz.

Der erste Abstieg des SV Werder aus der Bundesliga wurde Anfang der Achtziger Jahre in dem kleinen Bundesland aber als die weitaus größere sportliche Tragödie wahrgenommen. Die hatte sich zwar lange abgezeichnet, löste dennoch eine große Tristesse in der Hansestadt aus. Noch mal Linz: „Es war damals keine einfache Zeit, die Stimmung bei den Fans war niedergeschlagen.“ Obwohl er beim Werder-Niedergang eher eine Mini-Rolle verkörperte, sei es „als Profi unter diesen Umständen kein leichtes und sorgenfreies Leben“, gewesen, meint der 65-Jährige. Immerhin hatte er das Glück, mit dem großen Schlamassel nicht unmittelbar in Zusammenhang gebracht worden zu sein.

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Auf einen Jungspund zu damaliger Zeit trifft dies nicht zu. Jonny Otten, heute 60 Jahre alt, zählte zum Stammpersonal der gescheiterten Erstligatruppe. Obwohl seine erste Saison als Berufsfußballer mit dem größtmöglichen Misserfolg endete, bekommt der Verteidiger beim Blick zurück keine Panikattacken. „Für mich persönlich war es kein Drama“, erzählt der Ex-Nationalspieler, der als Junior vom Amateurclub Hagener SV gekommen war und sich auf Anhieb bei dem Bundesligisten durchgesetzt hatte. Für ihn war die Abstiegssaison sogar der Startschuss zu einer beachtenswerten Karriere, wie sie auch der gleichaltrige Thomas Schaaf, ebenfalls im Kader, indes ohne nennenswerte Einsatzzeiten, hingelegt hat.

Individuell war der Gang in die 2. Liga also keine Katastrophe, doch allgemein schon ein schlimmes Desaster, wie Otten berichtet. „Der Frust bei den Fans war enorm. In Bremen wird erwartet, dass Werder immer oben mitspielt. Wenn dies nicht der Fall ist, geht die Stimmung den Bach runter.“ Entsprechend groß sei die Niedergeschlagenheit bei allen in der Stadt gewesen, nicht nur bei den eingefleischten Anhängern. „Wenn auch nicht so dramatisch wie nun nach dem aktuellen Abstieg“, vergleicht Otten die beiden Ereignisse. Ein Mitspieler von ehedem pflichtet ihm bei. Jürgen Röber registriert aktuell ein Stimmungstief im grün-weißen Fan-Volk: „Nicht nur ich finde, dass die Lage bei Werder diesmal wesentlich bedenklicher ist.“

Auch Dieter Burdenski, unter den Altmeistern immer noch derjenige, der recht nah dran und mit dem Verein am meisten verbunden ist, beobachtet, dass „momentan große Unzufriedenheit und Enttäuschung herrscht. Eine Stadt ist desillusioniert.“ Die Torwart-Ikone, nach der aktiven Zeit noch Trainer der Keeper sowie Organisator vieler Werder-Reisen, sagt einerseits zwar: „Abstieg ist Abstieg - egal, wie es passiert ist.“ Doch „Budde“ merkt auch an, wie schmerzhaft und hoffnungslos sich diesmal der Niedergang vollzogen hat: „Es ist schon ungewöhnlich, die letzten zehn Spiele so bestritten zu haben. So haben wir uns damals nicht blamiert.“

Was nun? „Ein Neuanfang muss her“, meint Burdenski. „Ein Neuanfang in allen Bereichen.“ Es gehe jedoch nicht von heute auf morgen, fügt der 70-Jährige hinzu, der sich als einer der vehementesten Kritiker der Vereinsführung profiliert hat. Ein Weitermachen im alten Stil, diese Methode scheidet für ihn aus. Burdenskis knallharte Manöverkritik: „Werder muss Werder bleiben – mit dieser Devise ist der Club gegen die Wand gefahren worden. Entscheidend und richtig ist diese Richtlinie: Werder muss wieder Werder werden!“

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Und wie? Otten vertritt die Gegenmeinung zu Burdenski und begrüßt, dass keine großen Personalrochaden in der Führungsspitze vorgesehen sind. So sieht er das Festhalten an Frank Baumann, dem verantwortlichen Geschäftsführer Sport, positiv. „Alle sollen die Chance zur Wiedergutmachung erhalten. Die Altlasten müssen ausgeblendet werden. Die Verantwortlichen sollten aber auch aus ihren Fehlern lernen.“ Dieser Auffassung schließt sich Ottens einstiger Mitspieler und Mitabsteiger Hartmut Konschal an. „Alles weg, alle handelnden Personen auszutauschen“, sagt der in Achim lebende 68-Jährige, „das ist auf die Schnelle nicht möglich.“ Zumal er das Gefühl hat, „dass der Verein auf den Fall der Fälle, auf den Abstieg, nicht gerade gut vorbereitet gewesen ist.“ 

Den Alt-Absteigern bleiben Fragezeichen vor dem Neustart in der Unterklassigkeit. Als wichtigste Personalie gelte die Wahl eines neuen Trainers, meint Otten. Vor gut 40 Jahren lag Rudi Assauer, damals der starke Mann bei Werder, gleich zweimal richtig, wie Uwe Reinders, ein anderer aus der Riege der 80er-Verlierer, erinnert: „Erst Kuno Klötzer, dann Otto Rehhagel – zwei regelrechte Glücksfälle.“ Zudem konnte der Großteil der Truppe zusammengehalten werden. Gemeinsam schwor man sich, den Betriebsunfall zu reparieren. „Wir wollten es zusammen durchziehen“, beschreibt Konschal das geglückte Unternehmen „sofortiger Wiederaufstieg“.

Aus Sicht der Legenden von einst ist dies in heutiger Zeit kaum möglich. Ob Burdenski oder Otten, ob Konschal oder Reinders – alle halten die Vision von der erstrebten baldigen Rückkehr ins Oberhaus für recht ambitioniert, wenn nicht gar utopisch. Der Gedanke an die extrem leistungsstarke, mit einigen hochklassigen Bewerbern besetzte 2. Liga sowie das Beispiel des mehrfach am Aufstieg gescheiterten Hamburger SV dämpfen den Optimismus. So denkt Reinders eher in die andere Richtung: „Ich habe große Angst, dass Werder den gleichen Weg geht wie die Traditionsclubs 1860 München oder 1. FC Kaiserslautern.“

Zur Sache

Das Team von 1980 wäre diesmal dringeblieben

Eines vorweg: Das Werder-Team 79/80 wäre aktuell nicht abgestiegen. Umgerechnet auf die Drei-Punkte-Regel hatten die Bremer damals 36 Zähler geholt (25:43 nach der zu diesem Zeitpunkt gültigen Zwei-Punkte-Regel). Elf Siege und drei Unentschieden hätten in der gerade abgelaufenen Saison sogar zu Platz 14 gereicht. Aber gut: Damals war es zu wenig – und ehrlich: Wer kann bei 93 Gegentoren den Klassenerhalt erwarten? Nie wieder hat ein Bremer Bundesliga-Team in einer Saison so viele Treffer kassiert wie die Absteiger vor 41 Jahren. Zum Vergleich: „Nur“ 57 Gegentore sind es 20/21 gewesen. Aber Tabellen-17. sind beide Mannschaften geworden.

Während Werder aktuell mit einem großen personellen Umbruch rechnet, diesen sogar aus finanziellen Gründen braucht, verließen 1980 in Karl-Heinz Geils (Arminia Bielefeld), Jürgen Röber (Bayern München), Franz Hiller (Nordstern Basel) und Werner Dressel (Hamburger SV) nur vier Stammkräfte die Mannschaft. In Erwin Kostedde und Klaus Fichtel kamen zwei Routiniers dazu, zudem ging in der 2. Liga der Stern von Norbert Meier auf. (csa)

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