Werder-Kolumne Warum Maximilian Eggestein noch ein Jahr bleiben sollte

Er zählt zu den Bremer Profis, für die es auch in Coronazeiten einen Markt gibt. Doch es könnte der falsche Moment sein, Maxi Eggestein zu verkaufen, erklärt Chefreporter Jean-Julien Beer in seiner Kolumne.
30.03.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Warum Maximilian Eggestein noch ein Jahr bleiben sollte
Von Jean-Julien Beer

Neulich gab es im Training der Werder-Profis einen schönen Lacher. Als Maximilian Eggestein den Ball bei einer Schussübung aus 20 Metern ins Tor knallte, rief Florian Kohfeldt ihm im Flachs diesen Spruch hinterher: „Klasse, Maxi, das war dein erstes Weitschusstor seit Südafrika.“ Der Trainer spielte auf das Bremer Wintertrainingslager in Johannesburg an, das eine gefühlte Ewigkeit zurückliegt, es war im Januar 2019.

Eggestein kann solche Sprüche gut vertragen, sein Verhältnis zu Kohfeldt ist exzellent. Beide arbeiteten schon zusammen, als der Mittelfeldspieler noch in der Werder-Jugend kickte. Und seit Kohfeldt die Bremer Profis trainiert, gilt die Maxime: Maxi spielt immer. In allen 26 Bundesligapartien dieser Saison stand er in der Startelf. Dass er dabei die Herzen der Werder-Fans im Sturm erobert hätte, lässt sich leider nicht behaupten. Es ist jedoch nicht fair, den nun 24 Jahre alten Eggestein mit den Leistungen zu vergleichen, die er mit 22 bei Werder zeigte - und die ihn bis ins Training der Nationalmannschaft katapultierten.

Denn seither hat sich in Werders Mittelfeld viel getan. Es wurde jedes Jahr schlechter. Vor zwei Jahren, als Bundestrainer Joachim Löw auf den torgefährlichen Bremer aufmerksam wurde, durfte sich Eggestein bei Werder noch nach Herzenslust austoben. Hinter ihm sicherte der routinierte Nuri Sahin ab, neben ihm gab ein Klassemann wie Davy Klaassen die Kommandos. Inzwischen ist Eggestein der erfahrenste Spieler im Bremer Mittelfeld: Am Osterwochenende wird er sein 150. Bundesligaspiel machen. Doch im Jubiläumsspiel sind wieder keine Großtaten zu erwarten: Anders als früher, bei seinem Aufstieg zum Bundesligastar, ist es nicht mehr Eggesteins Aufgabe, für Torgefahr zu sorgen oder dynamische Läufe in die Tiefe zu starten. Er muss Räume zulaufen, das eigene Tor absichern oder Bälle erobern.

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Werder-Star Eggestein leidet unter einem zentralen Problem

Es ist eine völlig andere Rolle, die Eggestein nun schon im zweiten Jahr bei Werder spielen muss, weil es an Alternativen fehlt. Diese Unwucht im Kader ist ein zentrales Problem: Schon in der vergangenen Saison wurde Kevin Vogt fürs defensive Mittelfeld nachverpflichtet, ihn konnte sich Werder aber nur ein halbes Jahr lang leisten. Im Sommer kam Patrick Erras aus Nürnberg, ihn aber nahm Kohfeldt nach einer mäßigen Saisonvorbereitung aus der ersten Elf. Seither sitzt Erras auf der Bank oder fehlt verletzt.

Rein theoretisch könnte es Kohfeldt freuen, dass er mit Eggestein und Kevin Möhwald zwei offensivstarke Akteure hat, die mit ihren Qualitäten Spiele vorne entscheiden können. In der Praxis aber braucht er beide stets als defensive Mittelfeldspieler vor der Abwehr.

Nicht nur deshalb ist es wichtig, dass Werder es schafft, wieder einen starken „Sechser“ in die Stadt zu holen, in der diese Position einst zum Kult wurde. Ob Dieter Eilts, Mirko Votava, später Frank Baumann oder Torsten Frings, auch Thomas Delaney oder Philipp Bargfrede: Nur dank solcher Arbeiter konnten andere im Bremer Mittelfeld glänzen.

Mehr Tore für den Marktwert

Eggestein und Möhwald könnten noch viel mehr Akzente setzen, wenn sie nicht defensiv gebraucht würden. Bei Eggestein ist das auch eine wirtschaftliche Frage: Er zählt zu den wenigen Bremer Profis, für die es auch in Corona-Zeiten noch einen Markt gibt. Die 25 bis 30 Millionen Euro, die er vor zwei Jahren als deutscher Beinahe-Nationalspieler wert war, sind natürlich nicht mehr zu erzielen. Aktuell wird Eggestein auf einen Marktwert von knapp elf Millionen Euro taxiert. Aber sollte ihn Werder dafür verkaufen?

Besser nicht. Werder hat nach eigenen Angaben drei Transferfenster Zeit, um die dringend benötigten Einnahmen durch Spielerverkäufe zu erzielen: diesen Sommer, den Winter und den Sommer 2022. Dürfte Eggestein nächste Saison wieder auf seiner stärksten Position spielen, offensiver im Mittelfeld, könnte er mit guten Leistungen nicht nur Werder auf dem Platz helfen. Er könnte auch seinen Marktwert erhöhen, weil Tore und Vorlagen dafür entscheidend sind. Erst dann würde ein Verkauf Sinn machen - zumal sich die Preise für Fußballprofis erst in ein paar Monaten von der Corona-Krise erholen dürften.

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