Werder-Kolumne Warum Rashica zuletzt aus Werders Startelf flog

Florian Kohfeldt und Thomas Schaaf telefonierten über ein paar Problemfälle. Es gibt einige. Derweil muss Werder klar sein, dass man mehr als einen Trainer verlor, schreibt Jean-Julien Beer in seiner Kolumne.
17.05.2021, 18:27
Lesedauer: 3 Min
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Warum Rashica zuletzt aus Werders Startelf flog
Von Jean-Julien Beer

Grundsätzlich dürfen sich alle Spieler bei Werder angesprochen fühlen, wenn Manager Frank Baumann mal wieder fordert, dass die Mannschaft eine Reaktion zeigen soll. Nach zehn nicht gewonnenen Spielen in Folge kann sich da keiner rausreden. Für ein paar Spieler gilt das aber im Speziellen, und zu denen zählt Milot Rashica.

Der einst gefeierte Angreifer erlebt ohnehin eine komplizierte Saison. Erst platzten seine Wechsel nach Leipzig und Leverkusen, die ihn binnen weniger Jahre zum zigfachen Millionär gemacht hätten. Darauf reagierte Rashica mit lustlosen Auftritten, die sich mit Verletzungspausen abwechselten. Sein erstes Saisontor schoss er erst am 28. Spieltag, nur ein Treffer kam noch hinzu. Binnen zwei Jahren sank sein Marktwert auch deshalb von 30 Millionen Euro auf rund zehn Millionen.

Es war kein Zufall, dass Rashica in den letzten Spielen unter Florian Kohfeldt nicht mehr in der Startelf stand. Seit der Niederlage bei Union Berlin ließ ihn der Trainer außen vor, wenn es um die bestmögliche Formation ging. Sehr spät reagierte Kohfeldt damit auf die schwachen Leistungen des Stürmers, die auch seine Mitspieler aufregten.

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Intern wurde bei Werder kontrovers über Rashicas Verbannung aus der Startelf diskutiert, denn einige im Verein hätten den Verkaufskandidaten lieber auf dem Feld gesehen, damit er dort seinen Marktwert steigert. Doch nach dem Union-Spiel spürte Kohfeldt, wie einsam es um ihn herum wurde, obwohl er viele solcher Entscheidungen bis dahin stets im Sinne des Vereins getroffen hatte. Damit war nun Schluss. Kohfeldt wollte sich von Rashica weder den Klassenerhalt, noch den Job gefährden lassen. Die Ironie dabei: Nach seiner Einwechslung in Augsburg benötigte Rashica nur wenige Minuten, um beides doch noch zu schaffen. Er verschuldete die Gegentore bei Werders 0:2-Niederlage, die Kohfeldt den Job kostete und sein Team auf den Relegationsrang abstürzen ließ.

Ein weiterer Spieler, bei dem die Leistungen und das Potenzial weit auseinanderklaffen, ist Maximilian Eggestein. Dem Eigengewächs kann man keine Lustlosigkeit vorwerfen, er machte sich zuletzt eher zu viele Sorgen. Er wirkt müde, ihm passieren Fehlpässe, die ihn mehr beschäftigen als jede gelungene Aktion. Eggestein bestätigte in dieser Saison die Scouts von Borussia Dortmund, die vor zwei Jahren nach intensiver Begutachtung gegen eine Verpflichtung des Mittelfeldtalentes votierten. Inzwischen ist Eggestein 24 Jahre und kein Talent mehr, er könnte Werder mit einer selbstbewussteren Körpersprache und einem klaren Spiel mehr Halt geben.

Auch über solche Problemfälle haben sich Kohfeldt und Thomas Schaaf am Sonntag telefonisch ausgetauscht. Schaaf will einzelne Akteure als Sofortmaßnahme an ihre Stärken erinnern und von den Schwächen ablenken. Wer auch immer Werder in der neuen Saison trainiert, muss die Probleme dann grundsätzlicher anpacken.

Bei der Suche nach dem neuen Chefcoach sollte Werder bewusst sein, dass man gerade mehr verloren hat als einen Trainer. Mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit füllte Kohfeldt auch die Rolle des Visionärs aus, er trieb die Modernisierung in einem Verein an, der arg im eigenen Saft schmorte. Durch sein Auftreten und seine rhetorischen Fähigkeiten war Kohfeldt bundesweit das beliebte Gesicht des SV Werder. Zwischenzeitlich konnte man den Eindruck gewinnen, er sei der eigentliche Chef.

Aber natürlich konnte sich Kohfeldt nur deshalb so dominant entwickeln, weil er mit seinen Stärken in ein Vakuum im Verein stieß. Wo Kohfeldt war und wirkte, ist ohne ihn erst einmal Leere. Der neue Cheftrainer sollte im besten Fall wieder die Strahlkraft haben, den Verein nach außen zu vertreten und intern anzutreiben. Vor ein paar Jahren klopfte Werder genau deshalb bei Peter Stöger in Wien an, bevor der nach Köln ging, dort Stadt und Verein im Sturm eroberte und den FC aus der zweiten Liga bis in den Europapokal führte. Stöger ist nun ebenso frei wie sein Landsmann Andreas Herzog, der diese Strahlkraft auch hat. Herzog trägt Bremen im Herzen, gehört aber nicht zum Kern der Werder-Familie. Nur einen Fußballtrainer zu holen, könnte für Werder der falsche Weg sein.

Einige Fans hängten vor dem Weserstadion übrigens Plakate wie dieses auf: „Danke, Florian!“ So wirkte der Abschied des Trainers doch noch ein wenig herzlich. Dass dort auch einmal Dankes-Plakate für Spieler wie Rashica hängen, ist kurz vor Saisonende nicht zu erwarten.

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