„Völkerwanderung“ nach dem Zweiten Weltkrieg

30.000 Flüchtlinge und Vertriebene kommen nach Kriegsende nach Bremen

In den ersten Jahren nach Kriegsende kommen tausende Flüchtlinge und Vertriebene, zumeist aus dem ehemaligen Ostpreußen, nach Bremen. Eine enorme Herausforderung für die zu zwei Dritteln zerstörte Hansestadt.
08.05.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
30.000 Flüchtlinge und Vertriebene kommen nach Kriegsende nach Bremen
Von Frank Hethey
30.000 Flüchtlinge und Vertriebene kommen nach Kriegsende nach Bremen

Ein Flüchtlingstreck zieht 1945 durch Vegesack. In den ersten fünf Nachkriegsjahren kamen mehr als 30 000 Vertriebene und Flüchtlinge nach Bremen.

Staatsarchiv Bremen

Mehr als 30.000 Flüchtlinge und Vertriebene kamen in den ersten fünf Nachkriegsjahren nach Bremen. In eine Stadt, die zu zwei Dritteln zerstört war. Eine immense Herausforderung sowohl für Einheimische als auch Schutzsuchende. Von einer „Völkerwanderung“ sprach Sozialsenator Adolf Ehlers im Juli 1946. Der bisherige Flüchtlingszustrom sei nur der Anfang, es müsse mit vielen weiteren Neuankömmlingen gerechnet werden. Für ihn war dies eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. „Notzeiten sind Zeiten der Bewährung“, lautete sein Appell an die einheimische Bevölkerung. In dieselbe Kerbe schlug Maria Rüthnick, Leiterin der Flüchtlingsfürsorge. Ihr dringender Wunsch: Es sei notwendig, „selbstsüchtige und engherzige Gedanken“ fallen zu lassen.

Tatsächlich gab es nicht nur Hilfsbereitschaft und freiwilliges Engagement. Es gab auch Behördenwillkür und Animositäten, mitunter sogar rassistische Ressentiments gegenüber den Neuankömmlingen. Obgleich ganz überwiegend deutsche Staatsbürger, wurden sie schon mal als „Polacken“ verunglimpft.

Völlig neu war das Phänomen in Bremen nicht. Bereits die Niederlage im Ersten Weltkrieg spülte Flüchtlinge aus Westpreußen und dem Sudetenland an die Weser. Freilich eine sehr überschaubare Zahl, insgesamt wurden in den frühen 1920er-Jahren gerade mal 2327 Zuzügler registriert. Staatliche Hilfe bei der Unterbringung war da nicht erforderlich.

Anders in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Bereits im Spätherbst 1944 trafen die ersten Flüchtlinge ein. Zumeist Bewohner Ostpreußens, die vor der anrückenden Roten Armee geflohen waren – oft noch mit einigen Habseligkeiten, die sie auf ihren Leiterwagen verstaut hatten. Untergebracht wurden die Flüchtlinge zumeist im unzerstörten Bremen-Nord. Für die Behörden stellte dies zunächst kein ernsthaftes Problem dar, die Zahl der Schutzsuchenden war noch überschaubar.

Lesen Sie auch

Betreuungsstelle für Flüchtlinge

Schon bald änderte sich das Bild. Mit dem russischen Vormarsch schwoll der Flüchtlingsstrom zusehends an. Im März 1945 erreichten die ersten Flüchtlingszüge den Bremer Hauptbahnhof. Wohin nun mit den Menschen, immerhin mehrere Tausend? Das schwer kriegszerstörte Bremen bot nicht genügend Wohnraum. Die Lösung war wiederum Bremen-Nord. In den weitgehend verschont gebliebenen Stadtteilen Vegesack, Blumenthal und Burglesum fanden sich noch genügend Privatunterkünfte.

Unmittelbar nach Kriegsende spitzte sich die Lage dramatisch zu. Wegen des Bombenkriegs hatten zahlreiche Bremer die Stadt verlassen. Die strömten nun zurück, auch erste Kriegsheimkehrer, dazu noch Flüchtlinge und Vertriebene. Am 2. Juli 1945 zog der Regierende Bürgermeister Erich Vagts die Notbremse. Mit sofortiger Wirkung verhängte er eine allgemeine Zuzugssperre. Und zwar ausdrücklich auch für sämtliche Bremer, die sichere Zuflucht auf dem Land gesucht hatten. Seine unmissverständliche Warnung an deren Adresse: „Rückkehrer laufen Gefahr, in Bremen obdachlos zu werden. Auf Hilfe der Behörden können sie nicht rechnen.“ Dies führte allerdings nicht dazu, dass keine Flüchtlinge mehr nach Bremen gekommen wären.

Die Wohnungsnot in Bremen war groß. Vor allem in den Notunterkünften lebten die Menschen sehr beengt.

Die Wohnungsnot in Bremen war groß. Vor allem in den Notunterkünften lebten die Menschen sehr beengt.

Foto: Staatsarchiv Bremen

Gerade einmal zehn Tage nach Inkrafttreten der Zuzugssperre nahm eine Betreuungsstelle für Flüchtlinge ihren Dienst auf. Ihr Standort war die frühere Gepäckhalle des Norddeutschen Lloyd an der Gustav-Deetjen-Allee. Als erste Anlaufstation für Flüchtlinge sollte die Betreuungsstelle eine maximal zehntägige Unterkunft bieten und nach Erledigung der Formalitäten für die Weiterreise der Flüchtlinge ins Bremer Umland oder ein anderes Bundesland sorgen. Der Betreuungsstelle war mithin die Funktion einer Drehscheibe zugedacht. So im Falle einer vierfachen Mutter, die im Januar 1945 mit ihren Kindern aus Bromberg im heutigen Polen geflohen und kurz vor Weihnachten 1945 „nach langer und beschwerlicher Irrfahrt“ in Bremen eingetroffen war. „Jetzt ist Frau V. auf dem Wege nach Brake zu einer Schwester“, meldete der WESER-KURIER.

Soweit jedenfalls die Theorie. In der Praxis sah es oft genug anders aus. Als Hauptumschlagplatz der Amerikaner übte die Wesermetropole eine starke Sogwirkung aus: Bremen, das gelobte Land. Man versprach sich Arbeit im Hafenbetrieb oder hoffte, eine Anstellung beim Wiederaufbau zu finden. Das trieb die Zahl der illegalen Zuwanderer in die Höhe. Doch nur wer beispielsweise als Bauhandwerker einen sogenannten Mangelberuf ausübte, hatte gute Aussichten, in den Genuss einer Aufenthaltsgenehmigung zu kommen.

Lesen Sie auch

Einwohnerzahlen steigen unaufhörlich

Trotz Zuzugssperre kletterten die Einwohnerzahlen unaufhörlich an – von 289.000 Personen im Sommer 1945 auf 385.000 im Oktober 1946 und 417.000 im Juli 1948. „Die Zuzugssperre war tatsächlich keine Sperre“, sagt der Historiker Nils Aschenbeck, „sondern die Ermöglichung eines kontrollierten Zuzugs.“

Einen stattlichen Teil der Neu-Bremer machten Flüchtlinge und Vertriebene aus. Bereits im Oktober 1946 betrug ihre Anzahl 25.000, ein Bevölkerungsanteil von 5,1 Prozent. Die meisten von ihnen stammten aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern. Bis 1956 stieg die Zahl auf 120.000 Menschen an, ein Anteil von nunmehr 18,9 Prozent an der gesamten Einwohnerschaft – ein rasanter Anstieg, der freilich auch mit der Aufhebung der Zuzugssperre am 27. Juni 1950 zu tun hatte.

Im Juli 1945 verhängte der Regierende Bürgermeister Erich Vagts eine allgemeine Zuzugssperre.

Im Juli 1945 verhängte der Regierende Bürgermeister Erich Vagts eine allgemeine Zuzugssperre.

Foto: Staatsarchiv Bremen

Und immer neu erhob sich die Frage: Wohin mit den vielen Menschen? Noch immer herrschte Wohnungsnot im Stadtgebiet, allenfalls in bäuerlichen Randgebieten wie Borgfeld, Oberneuland oder Osterholz fanden sich Unterkünfte. Und natürlich in Bremen-Nord. Doch das reichte schon längst nicht mehr, es bedurfte größerer Barackenlager, um den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zu bieten.

Besonders berüchtigt war das Lager Riespott auf dem Gelände der Norddeutschen Hütte (heute Arcelor-Mittal) in Grambke, ein ehemaliges Zwangsarbeiterlager. Daneben gab es Sammelunterkünfte unter anderem in Aumund, Lemwerder, an der Vahrer Straße (heute Bürgermeister-Spitta-Allee) und in der Neustadt. Auch im gutbürgerlichen Schwachhausen wurden Flüchtlingsunterkünfte im Bürgerpark und an der Friedrich-Mißler-Straße eingerichtet. Hinzu kam die Unterbringung in früheren Kasernen in Huckelriede und in der Vahr.

Oft genug herrschten in diesen Lagern nicht zuletzt wegen der beengten Verhältnisse erbarmungswürdige Zustände. Unter solchen Bedingungen konnten Spannungen und Konflikte unter den Lagerbewohnern kaum ausbleiben. Etwa im Lager in der Friedrich-Mißler-Straße, wo Flüchtlinge und Sinti- und Roma-Familien aneinandergerieten. Auch Diebstahlsdelikte waren keine Seltenheit. „Um weitere Einbrüche zu vermeiden, müssen die Drahteinzäunungen repariert werden“, hieß es im Mai 1946 in einem Bericht aus dem Lager Riespott.

Lesen Sie auch

Jugendliche Landstreicher

Als besonders brennendes Problem galten schon damals unbegleitete Jugendliche. Im September 1945 warnten besorgte Stimmen, es drohe sich „ein neuer Landstreichertyp zu entwickeln“. Auch traumatisierte Flüchtlinge waren ein bekanntes Phänomen. Als es um die Wohnungsnot ging, warnte Senator Ehlers: „Viel schwerwiegender noch sind die moralischen Schäden, die dieser Krieg geschlagen hat, wenn sie auch nicht jedem sichtbar in Erscheinung treten.“

Doch wie den nicht abreißenden Flüchtlingsstrom bewältigen? „Eins steht jedoch“, erklärte im September 1945 der Leiter der Flüchtlingsbetreuungsstelle, „Hilfe muss auf jeden Fall kommen, und wenn alle Dörfer und Städte in Deutschland vielleicht unter einer zentralen Leitung zupacken würden, müsste auch diese schwere Frage, wenn auch vorerst nur primitiv, gelöst werden.“

In dieser Situation halfen private Initiativen. Etwa eine Fürsorgestelle Am Steinernen Kreuz. Nach vergeblichen Bittgängen um Arbeit sei ihr hier wieder eine Beschäftigung ermöglicht worden, erklärte im Mai 1950 eine promovierte Juristin, nach eigenem Bekunden ein „Ostzonenflüchtling“ aus dem Gebiet der neu gegründeten DDR. „Ich wurde wieder aufgenommen in den Kreis der schaffenden Menschen“, lautete ihr Stoßseufzer der Erleichterung.

Viele Menschen fanden oft nur in den Trümmern Obdach, wie hier in der Woltmershauser Allee 12.

Viele Menschen fanden oft nur in den Trümmern Obdach, wie hier in der Woltmershauser Allee 12.

Foto: Staatsarchiv Bremen

Info

Zur Sache

Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, lag Bremen größtenteils in Trümmern: Die dritte Ausgabe des ­Magazins WK | Geschichte schildert das allgegenwärtige Elend und die Sorgen der Bevölkerung. Es zeigt aber auch die ersten Schritte Richtung Zukunft auf – die Stadt unter der US-Flagge, die ersten Wahlen und die Verteidigung der Selbstständigkeit des Landes Bremens. Erhältlich ab 2. Mai im Handel, in unseren Zeitungshäusern, auf www.weser-­kurier.de/shop und telefonisch unter 0421 / 36 71 66 16. 100 Seiten, 9,80 Euro.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+