Elend, Not und Hunger

Extremwinter brachte Bremen nach Kriegsende an den Abgrund

Der Winter 1946/47 brachte Bremen kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs an den Rand des Abgrunds. Gerade in den Hungerjahren nach Kriegsende brachte die Kälte weitere Elend und Not zu den Menschen.
02.05.2020, 05:00
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Extremwinter brachte Bremen nach Kriegsende an den Abgrund
Von Frank Hethey

Ende Dezember 1946 schien das Schlimmste überstanden zu sein. „Die strengen Tage sind vorbei“, jubelte der WESER-KURIER am 28. Dezember 1946. Zwei Wochen zuvor war arktische Kälte über Norddeutschland hereingebrochen, kurz vor Weihnachten bibberten die Menschen bei minus 12 Grad. In den vielfach lediglich notdürftig wiederhergestellten Behausungen und Baracken eine lebensbedrohliche Lage. Doch nun zeigte sich ein Lichtstreifen am Horizont. „Es taut, Gottseidank“, schrieb der Redakteur, „nun brauchst du wenigstens nicht mehr im Mantel zu schlafen.“

Doch die Freude kam, wie sich bald zeigte, zu früh. Bereits zum Jahres­wechsel fiel das Thermometer wieder, am 7. Januar 1947 erreichte es minus ­15 Grad. Zwar kletterten die Temperaturen innerhalb einer Woche noch einmal auf plus 10 Grad, kurz danach setzte allerdings endgültig scharfer Frost ein. Vom 19. Januar 1947 an herrschte zwei Monate lang bittere Kälte von bis zu minus 19 Grad. Erst gegen Mitte März stiegen die Temperaturen wieder an.

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Die Kältewelle hätte kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können. Als Hungerjahre ist vielen Menschen die Zeit unmittelbar nach Kriegsende in Erinnerung geblieben. Der eisige Winter 1946/47 brachte noch einmal eine Verschärfung der Versorgungslage. Diese Monate haben sich als Hungerwinter tief in das Bewusstsein der Bevölkerung gegraben. Als kollektives Trauma, das sie an den Rand des physischen und psychischen Zusammenbruchs brachte. Und bisweilen darüber hinaus.

Die katastrophale Situation hat eine Vorgeschichte. Bereits im Januar 1946 galten 70 Prozent der Bremer Schulkinder als unterernährt. Verzweifelt versuchten die Behörden, durch immer härtere Einschnitte gegenzusteuern – die rare Nahrung sollte bestmöglich unter den vielen Menschen verteilt werden. Bezeichnend für die Situation war, dass bereits ab Februar 1946 gewerbliche Betriebe ihre Küchen- und Lebensmittelabfälle dem Ernährungsamt zur Verfügung stellen mussten. Der Bevölkerung wurde erlaubt, Brachflächen für den Gemüseanbau zu nutzen. Wo es ging, pflanzten die Bremer Kartoffeln und Kohl an – auch in den Grünanlagen vor dem Hauptbahnhof.

Den Behörden entglitt die Lebensmittelversorgung

Doch das war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Im März 1946 wurde die monatliche Brotration von zehn ­Kilogramm um die Hälfte gekürzt, 19.000 Menschen waren jetzt in Bremen auf die Versorgung durch Volksküchen der Arbeiterhilfe angewiesen. Den Behörden entglitt die Lebensmittelversorgung. Dafür gab es eine Reihe von Gründen: die zerstörte Infrastruktur, der Massenzustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Osten und die Rückkehr von Soldaten aus der Kriegsgefangenschaft.

Was die Behörden nicht mehr leisten konnten, mussten die Bürger notgedrungen selbst übernehmen. Das Hamstern prägte den Alltag vieler. Mit der Kleinbahn Jan Reiners fuhren die Bremer massenweise in das nahe Umland, um die ihnen verbliebenen Wertgegenstände gegen Lebensmittel einzutauschen. Manch ein Bauer machte sich die Notsituation der Städter skrupellos zunutze, das führte zu bösem Blut zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Unter Zeitzeugen hat sich bis heute das Bild des habgierigen Bauern erhalten.

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Kaum weniger dramatisch war der Kohlenmangel. Bereits im Sommer 1946 versammelten sich am Weserufer täglich Dutzende von Männern, Frauen und Kindern, um Kohle aus aufgeschlämmtem Sand zu bergen – Brennmaterial, das über Jahrzehnte beim Löschen in das Wasser gefallen war. Regelmäßig wurden auch Züge mit Kohle um ihr Gut erleichtert – ein Diebstahl, der als Kavaliersdelikt galt, als eine Art legitimer Notwehr. Es war eindeutig, dass ein strenger Winter die schlechte Versorgungssituation dramatisch verschärfen würde, zumal auch Brennholz kaum zur Verfügung stand. „Nachts verschwanden die Straßenbäume, sie wanderten in die Öfen“, erinnerte sich Bürgermeister Wilhelm Kaisen in seinen Memoiren.

Im Sommer 1946 war eine geplante Baumfällaktion im niedersächsischen Umland kläglich gescheitert. Als Ersatz sollte Torf herhalten, doch der musste erst bei günstiger Witterung gestochen werden und konnte allenfalls im darauffolgenden Winter eine Option sein. „Die Lage ist also nicht nur bitter ernst, sie ist katastrophal“, konstatierte der WESER-KURIER bereits nach den ersten Frosttagen am 18. Dezember 1946. Und warnte: Aus der Kohlenkatastrophe könne eine Massenkatastrophe werden.

Bei einem Vertriebenentransport erfroren

Die trat dann auch ein. Historiker schätzen, der Hungerwinter 1946/47 habe in Deutschland mehrere Hunderttausend Tote gefordert. Wie die 34 Menschen, von denen der WESER-KURIER am 11. Januar 1947 berichtete: Sie waren bei einem Vertriebenentransport aus Breslau in einem ungeheizten Güterwaggon erfroren.

Die erste Maxime, um dieser Notlage zu begegnen, war, so gut wie möglich Energie zu sparen. Der Straßenbahnbetrieb wurde radikal zurückgefahren, die Arbeitszeit verkürzt, um öffentliche Gebäude nicht heizen zu müssen. Die Weihnachtsferien wurden bis zum 14. Januar 1947 verlängert. Selbst danach wurde der Unterricht nicht wieder aufgenommen, stattdessen erhielten die Schüler zweimal wöchentlich Hausaufgaben.

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Um der frierenden Bevölkerung wenigstens zeitweise eine geheizte Unterkunft zu bieten, richtete die Stadt Wärmehallen ein, meistens in Gaststätten. Anfang Januar 1947 gab es davon 19, einen Monat später 35. Gleichwohl machte sich Hoffnungslosigkeit breit, vor allem unter den Heimatlosen und Vertriebenen. Die Nerven lagen blank, es kursierten Gerüchte über eine sprunghaft ansteigende Suizidrate. Einer, der seinem Leben in dieser düsteren Zeit ein Ende machte, war der Bremer Schriftsteller Karl Lerbs. Allerdings nicht in seiner Heimatstadt, sondern in Bayern.

Wer noch genügend Kraft hatte, versuchte auf eigene Faust durchzukommen – bisweilen wortwörtlich. Am 10. Januar 1947 plünderten 60 bis 70 Personen einen Lebensmittelzug in der Reiherstraße in Oslebshausen und attackierten sogar die herbeigeeilte Polizei. Diese wusste sich nur noch durch den Gebrauch der Schusswaffe zu helfen, ein 13-Jähriger wurde getroffen. „Ohne Unterschied von Geschlecht, Alter und sozialer Herkunft geht man auf Kohlendiebstahl aus“, berichtete der WESER-KURIER: „Alle moralischen Hemmungen fallen.“

Beinahe als Sündenpfuhl erschien dem US-Bestsellerautor Mario Puzo die Weserstadt. Der spätere Verfasser von „Der Pate“ war in den frühen Nachkriegsjahren in Bremen stationiert und wohnte in Schwachhausen unweit der Kurfürstenallee. In seinem Debütroman „Die dunkle Arena“ zeichnet er das Bild einer Gesellschaft, die unter den extremen Anforderungen regelrecht zusammenbricht. Jeder ist sich selbst der Nächste, bürgerliche Tugenden zählen nichts mehr. Von dieser Diagnose nimmt er auch die US-Soldaten nicht aus – allenthalben Chaos und Korruption.

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Kein Wunder, dass die Menschen versuchten, aus der behördlich geregelten, aber unzureichenden Bewirtschaftung auszubrechen. Ein idealer Nährboden für den Schwarzmarkt. Auf dem gab es nicht nur Nahrhaftes, sondern auch andere Dinge des täglichen Bedarfs wie Kleidung und andere Gebrauchsgegenstände. Man kaufte und verkaufte, notfalls den eigenen Körper. Wohl kaum zufällig stieg im Extremwinter 1946/47 die Zahl der aufgegriffenen sogenannten zweifelhaften Frauen rapide an. Wer sich prostituieren wollte, hielt sich in der Nähe der US-Freizeiteinrichtungen auf. Ein bevorzugtes Ziel: die Glocke als Standort des „Recreation Centers“. Über das „Fräuleinkarussell“, das sich unaufhörlich rund um das Konzerthaus drehte, schrieb Puzo: „Die GIs lungerten herum und beäugten die Frauen und die ‚Fräuleins‘, die langsam vorbeidefilierten und eine kleine Weile später, nachdem sie die Runde um das Haus gemacht hatten, abermals vorbeikamen.“

Die Hoover-Speisungen machten Geschichte

Ein heikles Thema gerade in Zeiten der Wohnungsnot waren die von der US-amerikanischen Armee durchgeführten Wohnungsbeschlagnahmungen. Im November 1946 kam es deswegen sogar zu einer Protestaktion vor dem Rathaus, Senator Hermann Wolters musste die erhitzten Gemüter besänftigen. Andererseits leisteten die Amerikaner unschätzbare Hilfe bei der Versorgung der notleidenden Bevölkerung. Die Lieferungen aus den USA sowie aus Schweden und der Schweiz bewahrten Deutschland vor einer Hungerkatastrophe. Die Hoover-Speisungen, benannt nach dem früheren US-Präsidenten Herbert Hoover, machten Geschichte. Freilich hätten die Landeshäupter die Lage lieber aus eigener Kraft bewältigt. „Es war deprimierend für die Ministerpräsidenten, die Besatzungsmacht um Hilfe bitten zu müssen“, befand Bürgermeister Kaisen, als er im Februar 1947 die Lage rückblickend schilderte.

Die prekäre Situation entspannte sich erst, als die Temperaturen am 4. März 1947 wieder über den Gefrierpunkt stiegen. Eine spürbare Besserung der Ernährungslage brachte dies allerdings nicht. Noch im Mai 1947 lud die SPD zu einer öffentlichen Versammlung unter dem Motto „Kampf dem Hunger“ ein. Auch im Winter 1947/48 wiederholten sich die bekannten Bilder: Abermals bevölkerten die Menschen die Bahndämme in Erwartung von Kohlenzügen, wiederum bestimmte Meister Schmalhans den Speiseplan. Der bizonale Ausschuss für Ernährung erklärte Bremen im Januar 1948 sogar zum Notstandsgebiet.

Erst mit der Währungsreform vom 20. Juni 1948 zeichnete sich das Ende der Notjahre ab. Doch selbst das war nur ein Anfang – bis zum Wirtschaftswunder gingen noch einige Jahre ins Land.

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