Forschung made in Bremen Bremer Wissenschaftler forschen in Studien rund ums Coronavirus

In gleich mehreren Studien setzen sich Bremer Wissenschaftler mit dem Coronavirus auseinander. Ein Überblick über den Stand und die Ziele ihrer Arbeiten.
18.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Helke Diers

Das Coronavirus und seine Auswirkungen verstehen lernen – dieser Wille eint die Bremer Forscherinnen und Forscher. Die Pandemie beschäftigt dabei nicht nur Virologen und Epidemiologen, sondern auch Sozial- und Gesundheitswissenschaftler. Denn die Maßnahmen rund um die Pandemie verändern unsere Gesellschaft. In sechs Studien setzen sich Bremer Forscher mit dem Virus auseinander.

Langfristige Auswirkungen: Am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) wollen Wissenschaftler der Frage nachgehen, wie sich eine Infektion mit dem Coronavirus langfristig auswirkt. Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) hatte Anfang April nach einem Senatsbeschluss angekündigt, den Verlauf von Bremer Infizierten untersuchen zu lassen. Professor Hajo Zeeb sagt über das Forschungsvorhaben, in das nach Möglichkeit alle positiv getesteten Bremer einbezogen werden sollen: „Wir wollen sehen, wie die unterschiedlichen Langzeitverläufe sind, in Abhängigkeit von Merkmalen wie Geschlecht oder Vorerkrankungen.“ Die Studie solle, vorbehaltlich der Genehmigung durch den Senat, in Kooperation mit dem Gesundheitsamt im Juli beginnen. Besonders von Interesse sei die Phase nach der akuten Infektion. „Solche Studien sind jetzt wichtig“, sagt Zeeb. Die Wissenschaftler wollen Onlinebefragungen und Telefoninterviews durchführen.

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Nützliche Medikamente: Was kann helfen, den Verlauf der Covid-19-Erkrankung abzumildern und Todesfälle zu verhindern? Daran will das Team rund um Professor Bernd Mühlbauer vom Institut für Pharmakologie des Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno) eigentlich seit Wochen arbeiten. Im April wurde die Studie vorgestellt, gestartet ist sie bisher nicht. In Laborversuchen wirksame Medikamente sollen systematisch an Menschen getestet werden. Insgesamt werden innerhalb der von der Weltgesundheitsorganisation WHO initiierten Studie Patienten in zehn Ländern untersucht, in Deutschland zunächst an vier Kliniken. „Derzeit werden mehrere Medikamente als Hoffnungsträger für die Behandlung von Covid-19 gehypt. Die große Befürchtung ist, dass sie weltweit ganz unsystematisch eingesetzt werden – ohne jegliche Dokumentation“, hatte Mühlbauer im April gegenüber dem WESER-KURIER erklärt. Konkret sollen das ursprünglich für die Behandlung von Ebola entwickelte Medikament Remdesivir, das Malaria-Medikament Hydroxychloroquin und eine HIV-Medikamenten-Kombination getestet werden. Zeichnete sich ab, dass ein Medikament nicht wirke oder sogar schade, solle es aus der Untersuchung genommen werden. Von der Geno heißt es, der Genehmigungsprozess sei noch nicht abgeschlossen, die Studie nicht gestartet. Wann es losgehe, lasse sich derzeit nicht sagen.

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Veränderungen im Alltag: An der Jacobs University Bremen (JUB) beschäftigt sich die Wissenschaftlerin Sonia Lippke damit, wie stark das Coronavirus und die Präventionsmaßnahmen den Alltag der Menschen verändern. In einer Onlineumfrage werden Fragen zum Händewaschen, Maskenpflicht und Abstandsregeln gestellt. Es geht um Ängste, die soziale Situation und Ernährungsverhalten. „Unsere Ergebnisse zeigen bisher zwei Gruppen“, sagt Lippke. „Die einen haben die Zeit genutzt, um runterzufahren und es sich gut gehen zu lassen.“ Die andere Gruppe habe sich verstärkt Sorgen gemacht. Zu berücksichtigen seien auch Faktoren wie Kinder ohne Betreuung. Die Umfrage läuft noch bis Ende Juni. „Je mehr an der Umfrage mitwirken, desto verlässlicher sind die Ergebnisse“, sagt Lippke. Die Umfrage ist unter www.unipark.de/uc/Umfrage/9c9c/ zu finden.

Studium in der Krise: Die Universität Antwerpen initiierte eine weltweite Studie in 30 Ländern, sagt BIPS-Professor Hajo Zeeb. An vier deutschen Standorten seien Studierende befragt worden, ein erheblicher Teil davon in Bremen. Zeeb beschreibt die Leitfragen so: „Wie ist Studieren momentan möglich? Welche Stress- und Verhaltensänderungen ergeben sich? Wie sieht es mit Arbeitsmöglichkeiten aus?“ Alle Bremer Uni-Studierenden seien kontaktiert und um Teilnahme gebeten worden, zehn Prozent hätten mitgemacht. Die Auswertung läuft, Zeeb hofft auf Ergebnisse im Juli.

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Herausforderungen für Pflegeheime: Erste Ergebnisse lieferte eine Studie der Universität Bremen. Ein Team rund um Pflegeprofessorin Karin Wolf-Ostermann und Gesundheitsökonom Heinz Rothgang befragte bundesweit Pflegeeinrichtungen. Ihre Erkenntnis: Gut 60 Prozent aller in Folge von Covid-19 Verstorbenen sind in Pflegeheimen oder von Pflegediensten betreute Menschen. Und das, obwohl deren Anteil an allen infizierten Personen 8,5 Prozent betrage. „Es handelt sich um eine hoch vulnerabel Gruppe. Das Risiko, sich zu infizieren und zu sterben, ist recht hoch“, sagt Wolf-Ostermann. Für ihre Studie befragten die Forscher mehr als 800 Pflegeheime, 700 Pflegedienste und knapp 100 teilstationären Einrichtungen. Der Langzeitpflege müsse – auch mit Blick auf eine mögliche zweite Welle der Pandemie – eine höhere Aufmerksamkeit zukommen, folgern die Forscher. Das betreffe die Bereitstellung von Schutz- und Desinfektionsmitteln, die systematische und regelmäßige Testung von Pflegebedürftigen und Personal, sowie die Vergütung der Pflegekräfte und die Personalausstattung.

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Stress abbauen: Freiwillige bekommen mehrmals täglich per App kurze Fragen gestellt – so erforschen Wissenschaftler an der Universität Bremen rund um Benjamin Schüz den Alltag. Die Forscher vom Institut für Public Health und Pflegeforschung wollen wissen: Welche Gedanken und Gefühle sind mit der aktuellen Ausnahmesituation verbunden? Welche Alltagsbegebenheiten schützen die seelische Gesundheit, welche rufen Stress hervor? Schüz erklärt: „Wir wissen aus der Stressforschung, dass kleine Dinge einen positiven oder negativen Einfluss haben. Das summiert sich.“ Die Befragung per Smartphone mehrmals am Tag über einen Zeitraum von drei Wochen solle helfen, diese Faktoren zu identifizieren. „Mit den Lockerungen kommt mehr Eigenverantwortung auf den Einzelnen zu.“ Deshalb sei es auch wichtig herauszufinden, an welche Präventionsmaßnahmen sich Menschen leichter und an welche schwerer halten könnten. Die Studie ist gestartet, Schüz hofft auf erste Ergebnisse im späten Herbst. Teilnehmen können Menschen unter: http://tiny.cc/StudieUniHB.

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